Streiks im ÖPNV„Ich frage mich schon, wie gut packe ich das noch mit 50 oder 60“

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Für viele Mitarbeiter im ÖPNV geht es nicht nur darum, mehr Geld zu verdienen. Auch die Arbeitsbedingungen sollen sich nach ihrer Meinung ändern.
Für viele Mitarbeiter im ÖPNV geht es nicht nur darum, mehr Geld zu verdienen. Auch die Arbeitsbedingungen sollen sich nach ihrer Meinung ändern. Peter Kneffel/dpa
  • Verdi fordert für MVG-Mitarbeiter 668,75 Euro mehr Entgelt und eine Reduzierung der Arbeitszeit auf 35 Stunden wöchentlich.
  • Die Streikenden beklagen neben niedrigen Löhnen auch hohen Stress, kurze Planungszeiten und zunehmende Anfeindungen im Beruf.
  • Am 9. März findet die nächste Verhandlungsrunde statt, weitere Streiks vor diesem Termin sind nicht ausgeschlossen.
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Mit ihren Streiks legen MVG-Mitarbeiter den Münchner Nahverkehr teilweise lahm. Alles nur, um mehr Geld zu verdienen? Nein, sagen sie: Es gehe um mehr.

Von Andreas Schubert

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Eigentlich sollte die Stadt stillstehen. Das hatten viele Pendler nach dem erneuten Streikaufruf der Gewerkschaft Verdi für den öffentlichen Nahverkehr am Freitag und am Samstag erwartet. Doch am Freitag fuhr im Vergleich zu den vorhergehenden Streiktagen überraschend viel. Einerseits war die S-Bahn nicht vom Streik betroffen, andererseits konnte die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) genug Fahrpersonal gewinnen, um auf den U-Bahn-Strecken der U2 und U5 sowie der U3 und U6 einen eingeschränkten Betrieb anbieten zu können. Am Nachmittag bestand auf diesen Linien ein Zehn-Minuten-Takt.

Die Tram-Linie 20 fuhr alle zehn Minuten, die 25er alle 20 Minuten. Auf den meisten Bus-Linien konnte etwa jede zweite Fahrt stattfinden. Die Anreise zum Trambahndepot in der Einsteinstraße, vor dem die Gewerkschaft ihre Streikkundgebung abhielt, war mit Bus und S-Bahn problemlos möglich. Auf der Isarparallele etwa lief der Verkehr zur morgendlichen Rushhour einigermaßen flüssig. Die Staukarten im Internet zeigten die üblichen Staus an, etwa am Ende der A96 und auf Teilen des Mittleren Rings.

Verdi hatte auch Stadträte zur Kundgebung eingeladen. Dieser Einladung folgten Simone Burger (SPD), Gunda Krauss (Grüne) und Stefan Jagel (Die Linke). Die CSU habe auf die Einladung nicht reagiert, sagte Haris Softic von Verdi München, die FDP habe abgesagt, weil sie wegen des ÖPNV-Streiks keine Möglichkeit gesehen habe anzureisen.

Am 9. März findet in München die nächste Verhandlungsrunde im Tarifstreit für den Tarifvertrag Nahverkehr statt. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es davor zu einem weiteren Ausstand kommt. Verdi fordert eine Entgeltsteigerung von 668,75 Euro sowie eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 35 Stunden. Aus Sicht der Arbeitgeberseite sind diese Forderungen angesichts klammer Kassen der bayerischen Städte und Gemeinden nicht zu erfüllen.

Nach der zweiten Verhandlungsrunde sei man „weit, weit weg von unseren Forderungen“, sagte Sinan Öztürk, stellvertretender Landesbezirksleiter bei Verdi Bayern im Gespräch mit der SZ. Der Einzelhandel hatte Verdi diese Woche dafür kritisiert, dass ausgerechnet am Wochenende gestreikt werde, das für den Umsatz der Geschäfte sehr wichtig sei. Man bedauere das, sagte Öztürk. Gleichzeitig sehe man, wie wichtig der ÖPNV für die Stadt sei. Doch wenn sich jetzt nichts bewege bei Entgelt und Entlastung, werde dieser Job immer unattraktiver. Gerade im teuren Raum München werde es für die Angestellten immer schwieriger, die hohen Lebenshaltungskosten zu stemmen. Wenn immer weniger Menschen im Fahrdienst arbeiten wollen, habe das auch Konsequenzen für den Handel, sagt Öztürk.

Mit einer Kundgebung wollen die MVG-Mitarbeiter bei dem Streik ihre Forderungen unterstreichen.
Mit einer Kundgebung wollen die MVG-Mitarbeiter bei dem Streik ihre Forderungen unterstreichen. Catherina Hess
Sinan Öztürk, stellvertretender Landesbezirksleiter bei Verdi Bayern, spricht bei der Kundgebung vor dem Trambahndepot in der Einsteinstraße.
Sinan Öztürk, stellvertretender Landesbezirksleiter bei Verdi Bayern, spricht bei der Kundgebung vor dem Trambahndepot in der Einsteinstraße. Catherina Hess

Doch es geht den Streikenden nicht ausschließlich ums Geld. Trambahnfahrer Michael Baumann aus Obermenzing streikt auch wegen der Arbeitsbedingungen. Sehr stressig sei sein Job, angesichts der Verkehrsverhältnisse in München. Baumann fordert mehr Entlastung und mehr Freizeit, „um den Stress auch mal loszuwerden“. Stress entstehe auch durch kurze Planungszeiten. „Die Leute haben Kinder, vielleicht pflegebedürftige Angehörige und einen Partner, den sie auch gerne mal wieder sehen würden, das macht es schwierig.“ Er fahre gerne, sagt Baumann. Aber der kürzeste Übergang zwischen zwei Diensten liege bei zehn Stunden. Mit Ab- und Anfahrt nach Hause und wieder zur Arbeit und der Zeit fürs Essen zwischendurch bleibe für Schlaf nicht viel Zeit übrig. „Ich bin jetzt 42, ich frage mich schon, wie gut packe ich das noch mit 50 oder 60.“

Andreas Bukold ist Verkehrsmeister und Disponent in der Leitstelle, fährt aber auch Bus und Tram. Seine Stressbelastung sei „extrem hoch“, erzählt er, weil der Verkehr so zugenommen habe in München. Das gelte für seine Arbeit als Disponent, aber auch für die Fahrerinnen und Fahrer. Die seien nicht nur dem Stress im Straßenverkehr ausgesetzt, sondern immer öfter auch Anfeindungen, das nehme immer mehr zu, sagt er. Früher sei Busfahrer ein Respektsberuf gewesen, das gelte schon lange nicht mehr. Ob er Verständnis für die Kritik aus dem Einzelhandel habe? „Ich frage mich, wo sind die Einzelhändler“, sagt Bukold. München sei die schönste Stadt der Welt, „aber ohne uns stirbt diese Stadt“, glaubt er. „Die Einzelhändler könnten sagen, wir streiken mit, weil wir euch brauchen, ohne euch läuft die Stadt einfach nicht.“

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