Händler klagen über Streik im Nahverkehr„Es kommt ja kaum mehr jemand vorbei“

Lesezeit: 5 Min.

Am Streiktag im öffentlichen Nahverkehr sind am Sendlinger Tor kaum Menschen unterwegs – das spüren auch die Ladenbesitzer.
Am Streiktag im öffentlichen Nahverkehr sind am Sendlinger Tor kaum Menschen unterwegs – das spüren auch die Ladenbesitzer. Robert Haas
  • Wegen des sechsten Warnstreiks im öffentlichen Nahverkehr dieses Jahr bleiben viele Münchner zu Hause, was zu gähnender Leere in U-Bahnhöfen führt.
  • Geschäfte am Sendlinger Tor verzeichnen deutlich weniger Umsatz, da die Laufkundschaft wegbleibt.
  • Dienstleister wie Friseure und Podologen müssen mit zahlreichen Terminabsagen umgehen.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Wenn wegen des Warnstreiks nur wenige Busse und Bahnen fahren, bleiben viele Menschen lieber zu Hause. Das ist auch bitter für Geschäftsleute, die von Laufkundschaft leben, oder Dienstleister, denen Kunden reihenweise die Termine absagen.

Von Leo Greinwald, Martin Mühlfenzl und Andreas Schubert

SZ bei Google bevorzugen

Gähnende Leere herrscht an diesem Dienstagvormittag im U-Bahnhof Sendlinger Tor – nur vereinzelt verirren sich Menschen in das sonst so belebte Zwischengeschoss, das manch einem selbst nach dem Umbau noch immer wie ein Labyrinth erscheint, aus dem nur schwer herauszufinden ist. Der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist es erneut gelungen, in der Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Nahverkehr die Landeshauptstadt weitgehend lahmzulegen; auch wenn die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) mit einem Notbetrieb insbesondere auf der U6 dagegenhält. Doch die Münchnerinnen und Münchner scheinen sich auf den Warnstreik – den sechsten in diesem Jahr – eingestellt zu haben und bleiben lieber zu Hause oder nutzen andere Verkehrsmittel. Die U-Bahnen jedenfalls sind ungewohnt leer.

Und das spüren insbesondere diejenigen, die auf Laufkundschaft angewiesen sind. Auf Pendler, die auf dem Weg in die Arbeit noch schnell einen Kaffee mitnehmen wollen. Auf Menschen, deren Handy reparaturbedürftig ist. Oder die auf dem Weg zu einem Geburtstag sind und auf den letzten Drücker noch Blumen besorgen wollen. Die Einschränkungen durch den Warnstreik bekommen aber auch Anbieter von Dienstleistungen zu spüren, die primär mit Terminvergabe arbeiten – Ärzte, Podologen, Friseure.

Bheschta Karimi führt mit ihren Eltern zwei Blumenläden am Sendlinger Tor.
Bheschta Karimi führt mit ihren Eltern zwei Blumenläden am Sendlinger Tor. Robert Haas

Bheschta Karimi steht an diesem Vormittag allein in ihrem Laden „Blumen Paradies“ im Zwischengeschoss am Sendlinger Tor. Gemeinsam mit ihren Eltern betreibt sie das bunte Geschäft, eine weitere Filiale oben nahe der Marienapotheke – zwei gut laufende Läden mit Öffnungszeiten von 7 bis 20 Uhr. Eigentlich. „An normalen Tagen ist schon ganz in der Früh viel los, in den ersten Stunden haben wir dann schon unseren Umsatz drin“, sagt Karimi. „Aber heute ist kein Mensch da.“ Etwa 70 Prozent weniger Umsatz würde der Familienbetrieb an Streiktagen machen, berichtet die junge Unternehmerin, manchmal müsste sie dann schon am Nachmittag zusperren. Ware wegwerfen müsse sie aber nicht, sagt Karimi: „Wir haben glücklicherweise ein Kühlhaus. Aber bestellte Ware müssen wir beim Großmarkt natürlich abnehmen.“

Nur noch zehn Prozent des regulären Umsatzes mache er an Streiktagen, sagt Winod Parkash, der den Laden „Phonestop“ am Bahnhof Sendlinger Tor betreibt.
Nur noch zehn Prozent des regulären Umsatzes mache er an Streiktagen, sagt Winod Parkash, der den Laden „Phonestop“ am Bahnhof Sendlinger Tor betreibt. Robert Haas

Dass plötzlich eine Kundin mit ihrem kaputten Handy in der Hand den Laden „Phonestop“ betritt, zaubert Winod Parkash fast schon ein Lächeln ins Gesicht. Auf Englisch versucht er gemeinsam mit der Smartphone-Besitzerin eine schnelle Lösung für ihr Problem zu finden. Es dürfte aber einer der wenigen Lichtblicke des Ladenbesitzers an diesem Streiktag bleiben. „Wenn gestreikt wird, haben wir fast nur noch zehn Prozent des normalen Umsatzes“, sagt Parkash. „Wir leben von der Laufkundschaft, die zufällig am Shop vorbeikommt, von den Pendlern, die mit der U-Bahn fahren.“ Bleiben die aber zu Hause oder steigen ins Auto, um in die Arbeit zu fahren, merkt der Geschäftsführer das in seiner Bilanz. „Das ist schon belastend“, so Parkash.

Die Lindwurmstraße ist am Dienstagmorgen im Berufsverkehr stadteinwärts komplett dicht.
Die Lindwurmstraße ist am Dienstagmorgen im Berufsverkehr stadteinwärts komplett dicht. Robert Haas

Der Warnstreik hat an diesem Dienstagmorgen offenkundig viele Menschen zum Umstieg auf das Auto bewogen. Auf nahezu allen Autobahnen rund um München kommt es im Berufsverkehr am Morgen zu massiven Staus. Auch auf Einfallstraßen wie der Kreillerstraße in Berg am Laim oder der Lindwurmstraße zum Stachus geht so gut wie nichts mehr. Dennoch spricht die Münchner Polizei davon, dass die Auswirkungen des Streiks im ÖPNV „kein großes Thema“ gewesen seien; obwohl das Verkehrsaufkommen natürlich deutlich höher als sonst gewesen sei, so ein Sprecher. Die Zahl der Unfälle, schätzt die Polizei vorsichtig, sei aber vermutlich sogar geringer ausgefallen – wegen des zäh fließenden Autoverkehrs.

Der Stau lässt sich auch in Zahlen beziffern: Der Verkehrsdatenanbieter TomTom hat sich das Stauniveau während des heutigen Streiktages angeschaut. Schon um sechs Uhr morgens lag es auf den Hauptverkehrsachsen wie dem Mittleren Ring und innerstädtischen Verbindungsstraßen wie der Zweibrücken- und Inneren Wiener Straße sowie anderen Ein- und Ausfallstraßen 45 Prozent über dem Wert in verkehrsarmen Zeiten. Das heißt, die Autofahrer brauchten also 45 Prozent mehr Zeit, um an ihr Ziel zu kommen, als etwa nachts, wenn auf den Straßen nichts los ist. Zum Vergleich: Der Jahresdurchschnitt 2025 betrug 17 Prozent. In der Rushhour dann erreichte das Staulevel gegen 8 Uhr sogar 163 Prozent. Gegen Mittag ließen die Staus nach, TomTom maß dennoch rund 50 Prozent mehr Zeit. Den Stau-Rekord erreichte die Rosenheimer Straße mit 532 Prozent um 11 Uhr morgens, das entspricht einer sechsfachen Fahrzeit im Vergleich zu nachts. Ein TomTom-Sprecher weist aber darauf hin, dass in der Rosenheimer das „normale“ Niveau tagsüber schon bei 300 Prozent liege.

Stefan Lorenz ist Besitzer des Beauty- und Friseursalons „Schönheitsrausch“. Seinen Mitarbeitern bezahlt er an Streiktagen das Taxi, damit sie rechtzeitig zur Arbeit kommen.
Stefan Lorenz ist Besitzer des Beauty- und Friseursalons „Schönheitsrausch“. Seinen Mitarbeitern bezahlt er an Streiktagen das Taxi, damit sie rechtzeitig zur Arbeit kommen. privat

Am Streiktag das Auto zu nehmen, um einen gebuchten Termin wahrzunehmen, kommt aber wohl für viele nicht infrage, die sonst öffentlich fahren. Das spürt auch Stefan Lorenz, Inhaber des Beauty- und Friseursalons Schönheitsrausch in der Müllerstraße. „Ich schätze, 30 Prozent fallen weg“, sagt er. Sein Geschäft ist zu Fuß nur einige Minuten vom U-Bahnhof Sendlinger Tor entfernt, auch die Haltestelle Fraunhoferstraße ist nicht weit.

Lorenz’ Salon bietet nicht nur Haarstyling, sondern auch Laser-Haarentfernung und verschiedene Kosmetik-Treatments. Die Behandlungen können aufwendig sein und erfordern eine terminliche Vorausplanung. An Streiktagen kann Lorenz die zahlreichen Absagen daher kaum mit Kundinnen oder Kunden kompensieren, die spontan vorbeikommen.

Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Salons sind von den Streiks betroffen. Lorenz muss sicherstellen, dass trotz stehender U-Bahnen alle Stylisten und Friseure rechtzeitig zur Arbeit kommen – auch diejenigen, für die eine Anreise per Fahrrad oder zu Fuß ausgeschlossen ist. Hier versucht er, seinem Team so gut wie möglich entgegenzukommen: „Alternative Anreisewege werden übernommen.“ So bezahlt Lorenz seinen Mitarbeitern etwa die Uber- oder Taxifahrt, wenn diese wegen des bestreikten Nahverkehrs notwendig wird.

Als Einzelkämpferin schlägt sich indes Renate Kaseder durch, die in Neuhausen als Podologin arbeitet. Auch sie sieht sich vor und an Streiktagen immer wieder mit Absagen von Kundinnen und Kunden konfrontiert. Meist Ältere, sagt Kaseder, die – und deshalb werden sie auch von ihr behandelt – in ihrer Mobilität eingeschränkt seien. Etwa zehn Menschen behandelt die Expertin für die Heilkunde am Fuß am Tag, an Streiktagen würden regelmäßig zwischen drei und fünf ihre Termine absagen. Das bedeutet für Kaseder einerseits finanzielle Einbußen, für die Patienten andererseits aber auch Umstände, wenn es darum geht, einen neuen Termin zu bekommen. „Man wartet dann schon vier bis sechs Wochen auf eine Behandlung, meine Terminliste ist ja schon voll“, sagt die Podologin. „Das ist auch für meine Kunden unangenehm.“

Die Münchnerinnen und Münchner nehmen an diesem Dienstag den Warnstreik in der Innenstadt und im Nahverkehr zumeist gelassen hin. Auch wenn die Belastungen in diesen Tagen hoch sind: Noch immer deutet sich zwischen Verdi und dem Kommunalen Arbeitgeberverband (KAV) in der Tarifauseinandersetzung im Nahverkehr keine Einigung an. Die Gewerkschaft fordert deutlich mehr Geld und eine geringere Wochenarbeitszeit – die Arbeitgeber verweisen auf die angespannte Haushaltslage der Kommunen.

Aber nicht nur im Nahverkehr wird gestreikt. An diesem Dienstag haben auch die Piloten der Lufthansa und von Eurowings die Arbeit niedergelegt; am Münchner Flughafen, der derzeit wegen der Sperrung der S-Bahn ohnehin nur schwer erreichbar ist, fallen Hunderte Flüge aus. Für Mittwoch und Donnerstag sind zudem die Flugbegleiter von Deutschlands größter Airline zum Warnstreik aufgerufen.

Als „katastrophal“ bezeichnet Kioskbetreiber Braham Prakash die Lage an Streiktagen.
Als „katastrophal“ bezeichnet Kioskbetreiber Braham Prakash die Lage an Streiktagen. Robert Haas

Es könnten also weitere Streiks drohen. Gerade der Ausstand bei der MVG geht aber Kioskbesitzer Braham Prakash mittlerweile an die Nieren. „Katastrophal“ sei das für ihn und andere Ladenbesitzer im Zwischengeschoss des Sendlinger Tors, sagt er. „Es kommt ja kaum mehr jemand vorbei.“  Was er sich wünscht? Dass nicht ständig eskaliert werde, sagt er. „Von allen Seiten. Das muss jetzt dann schnell aufhören.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Nach drei Jahren New York
:Warum Elyas M’Barek zurück nach München zieht

Es sei ein Lebenstraum gewesen, sagt der Schauspieler, in Amerika zu leben. Nun allerdings will er aus Brooklyn weg, nicht nur aus Kostengründen.

Von Philipp Crone

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: