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Verkehr:Warnstreik in München: Abstandhalten unmöglich

Warnstreiks im kommunalen Nahverkehr in Bayern

Der öffentliche Nahverkehr ist an diesem Montag streikbedingt weitgehend lahmgelegt.

(Foto: dpa)

Viele U-Bahn-, Trambahn- und Busfahrer treten am Montag in den Streik - vielerorts geht es daraufhin eng zu.

Von Andreas Schubert

Gegen 8 Uhr hatte sich ein eigenartiger Stau gebildet. In der Thalkirchner Straße, auf der an normalen Werktagen nie sonderlich viel los ist, standen die Autos zwischen der Lagerhaus- und der Müllerstraße. Gut 1,5 Kilometer sind das, ein Blick in die Smartphone-Navigationsapp verriet, dass die Fahrer offenbar die Isarparallele, auf der es an diesem Morgen mal wieder besonders zäh vorwärts ging, umfahren wollten.

Der öffentliche Nahverkehr war am Montag streikbedingt weitgehend lahmgelegt - den ganzen Tag. In der Stadt fuhren lediglich die U-Bahn U 6, die Trambahnen 19 und 25 und viele Busse. Ein Stau folgte dem anderen, viele Einfallstraßen waren zeitweise dicht. In der Lindwurmstraße und am Stiglmaierplatz ging vorübergehend nichts mehr, und auch in der Orleansstraße oder der Rosenheimer Straße - nur um ein paar Beispiele zu nennen - brauchten Autofahrer viel Geduld. Auf dem Mittleren Ring floss der Verkehr zäh, die Verkehrsmeldungen im Radio und im Internet wurden länger und länger.

Bis 20 Uhr hatte die Gewerkschaft Verdi zum Ausstand aufgerufen. Das heißt: Bis in den Abend hinein stand der öffentliche Nahverkehr den Münchnern nur sehr, sehr eingeschränkt zur Verfügung. Ein vollkommener Stillstand herrschte trotz teilweise chaotischer Zustände an manchen Knotenpunkten allerdings nicht. Dass nur die U6 als einzige Linie fuhr, erklärte die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) mit "Sicherheitsgründen".

Lieber wolle man eine Linie "halbwegs stabil" betreiben, als auf mehreren Strecken nur einzelne Züge fahren zu lassen, sagte ein Sprecher. Zur Erinnerung: Beim Ausstand im September nahm die MVG die U-Bahn gar nicht in Betrieb, um ein Gedränge wartender Fahrgäste auf den Bahnsteigen zu vermeiden. Bei der Tram waren die Linie 19 zumindest im 20-Minuten-Takt und die Linie 25 alle 30 Minuten unterwegs. Und laut MVG waren auf fast allen Bus-Linien Fahrzeuge unterwegs, meist im 20-Minuten-Takt.

Viele Pendler hatten sich allerdings für andere Verkehrsmittel auf dem Weg zur Arbeit entschieden. Außer sehr vielen Autos waren wieder auch sehr viele Fahrräder in der Stadt zu sehen. Das Rad ist auch bei mäßigem Wetter und kühleren Temperaturen eine ernsthafte Alternative zum öffentlichen Nahverkehr, das war schon beim Streik vor einem Monat zu beobachten. Andere stiegen lieber aufs Taxi um, zu Engpässen kam es aber nicht. Eine Nachfrage in der Taxizentrale ergab, dass ausreichend Taxis zur Verfügung standen.

Auf die reduzierte U6 wollten sich viele Pendler augenscheinlich nicht verlassen. Die Züge waren, anders als zu erwarten gewesen wäre, teilweise nur spärlich gefüllt, Abstandhalten war meistens kein Problem. Dasselbe galt für die S-Bahn, die innerhalb der Stadt ebenfalls eines der bedeutendsten Verkehrsmittel ist und nicht vom Streik betroffen war. Nachdem einige Züge morgens noch sehr voll waren, erschien die Lage gegen 8.30 Uhr in der Stadt entspannt.

Nur vereinzelt ließen sich die Leute zu Unmutsäußerungen über die Streikenden hinreißen. Im Gespräch mit mehreren Fahrgästen zeigte sich: Viele haben auch Verständnis für die Gewerkschaft Verdi, die schon vorab betont hatte, sie werde auch in Corona-Zeiten ihr Grundrecht auf Streik wahrnehmen. Anders allerdings war die Situation in den Bussen.

Die meisten Linien fuhren nur alle 20 Minuten, am Goetheplatz etwa quetschte sich eine Menschentraube in den Ringbus 58. Abstandhalten? Keine Chance mehr, so erging es auch Fahrgästen in anderen Linien. Im Netz posteten erboste Fahrgäste deshalb Fotos mit teilweise nicht zitierbaren Kommentaren. Und auch die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) war nicht gerade erfreut.

MVG-Chef Ingo Wortmann hatte Verdi vorgeworfen, scheinbar den Bezug zur Realität verloren zu haben. Zwar gab es am Wochenende eine Einigung in der Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Dienst. Diese hat allerdings mit dem Tarifstreit im Nahverkehr nichts zu tun, weshalb Verdi an ihrem Aufruf zum Warnstreik für Montag festhielt - obwohl die MVG-Geschäftsführung am Sonntag an sie appelliert hatte, zu verhandeln statt zu streiken und die Einigung im öffentlichen Dienst als Vorbild für einen Abschluss im Nahverkehr zu nehmen.

Bei der MVG gilt für die Fahrer ein Haustarifvertrag. Ein Teil ist bei den Stadtwerken angestellt, der Muttergesellschaft der MVG; für sie gilt der - tendenziell bessere - bayernweite Tarifvertrag für den öffentlichen Nahverkehr (TV-N Bayern). In München will die Gewerkschaft durchsetzen, dass der TV-N für alle gilt, Beschäftigte nach dem MVG-Tarif also in den bayernweiten Tarifvertrag übergeführt werden. Zudem wird anstelle der bisherigen 38,5-Stunden-Woche eine 35-Stunden-Woche gefordert; außerdem sollten die Zuschläge für Schicht- und Wochenendarbeit steigen. Die MVG hält dagegen, wegen der hohen Einnahmeausfälle in der Corona-Krise gebe es kaum Spielraum.

Schließlich ging es in den vergangenen Wochen noch um einen dritten Tarifvertrag, den es noch gar nicht gibt: Die Gewerkschaften möchten einen bundesweit gültigen Rahmentarifvertrag für den Nahverkehr abschließen. Die MVG aber erklärt, alles was Verdi dafür fordere, sei in Bayern und München bereits Standard.

© SZ vom 27.10.2020

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