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SZ-Serie: "Was Münchens Museen auszeichnet":Fahrt in die Vergangenheit

Klaus Onnich, stellvertretender Vorsitzender der Freunde des Trambahn Museums, in einem der Exponate.

Das MVG-Museum zeigt eine "Bibliothek auf Schienen", alte Omnibusse und einen U-Bahn-Fahrsimulator. In der Corona-Zeit zu öffnen, dazu fehlen den ehrenamtlichen Betreuern die Möglichkeiten.

Von Andreas Schubert

Der Wagen sieht schon recht verrottet aus, doch das Schild "Wanderbücherei" zeugt noch heute davon, dass es in München einst eine Bibliothek auf Schienen gab. Von 1928 bis 1970 war die Büchertram im Einsatz, Halt machte sie zu bestimmten Zeiten an den verschiedenen Umkehrschleifen der Stadt. Nach der Stilllegung wurde sie 1973 an das Trambahnmuseum nach Hannover verkauft, wo sie jahrelang im Freien stand - was deutliche Spuren hinterließ. 2015 holte der Verein "Freunde des Münchner Trambahnmuseums" den historischen, bereits 1912 gebauten Wagen wieder zurück nach München. Seither steht die Wanderbücherei im MVG-Museum an der Ständlerstraße und wartet auf die Restaurierung. Diese soll, wenn alles glatt läuft, bis zum Jahr 2028 erfolgen.

Die Bücherei ist eines von rund 30 Exponaten des MVG-Museums, in dem 15 historische Trambahnen sowie alte Omnibusse und sogar ein U-Bahnwagen mit einem Fahrsimulator ausgestellt sind. Dass sie einst nach Norddeutschland verkauft wurde, liegt nicht zuletzt daran, dass es damals noch kein entsprechendes Museum in München gab.

Schon zum 100. Jubiläum der Tram im Jahr 1976 sei klar gewesen, dass es ein solches braucht, erzählt Klaus Onnich. Er ist stellvertretender Vorsitzender und Archivar des Vereins. Es war ein langer Weg, den der 1989 gegründete Verein zu gehen hatte, bevor er 2007 endlich zusammen mit der Münchner Verkehrsgesellschaft, der Stadt und dem Omnibusclub München, dem die ausgestellten Busse gehören, Einweihung feiern durfte. Das MVG-Museum zog in die 1918 errichtete Halle ein, die bis in die Siebzigerjahre als Omnibus-Hauptwerkstätte gedient hatte, dann aber jahrelang leer stand.

Und auch wenn jedes Museum an sich schon etwas Besonderes ist, so zeichnet sich das MVG-Museum dadurch aus, dass es seit jeher ehrenamtlich von den Freunden des Münchner Trambahnmuseums und vom Omnibusclub betreut wird. Da braucht es durchaus eine gewisse Leidenschaft. Woher er die hat, kann Onnich allerdings nicht so genau beantworten. Er habe sich eben schon von klein auf für die Tram begeistert. So wundert es nicht, dass er nach dem Studium der Mineralogie lieber Trambahnfahrer wurde. Heute ist er Leiter des Busbetriebshofs Ost der Münchner Verkehrsgesellschaft. Als solcher sitzt er nur noch selten in der Fahrerkabine einer Straßenbahn, etwa der Shuttle-Tram, die vom Max-Weber-Platz direkt zum Museum fährt. Oder besser, fuhr: Denn wegen der Corona-Pandemie ist das Museum derzeit geschlossen und das wird auch noch eine unbestimmte Zeit lang so bleiben. Nach Voranmeldung per Online-Reservierung zu öffnen, dazu fehlt den Ehrenamtlichen die Möglichkeit.

Immerhin haben Klaus Onnich und Hans-Jürgen Öllinger, der die Veranstaltungen im MVG-Museum koordiniert, Zeit für eine kleine Privatführung. Hört man Archivar Onnich eine Weile zu, kann man als Laie schon mal durcheinanderkommen mit den einzelnen Typbezeichnungen der Straßenbahnen. Onnich öffnet die Tür eines sogenannten G-Wagens, der 1943 auf dem Gestell eines E-Wagens von 1925 aufgebaut wurde und bei den Münchnern nicht sonderlich beliebt war, wie der Experte erzählt, unter anderem, weil ihm die typisch münchnerische weiß-blaue Lackierung fehlte und weil sich Fahrgäste in den schweren Schiebetüren zuweilen die Finger einquetschten.

Während sich wahre Kenner bestens mit Seriennummern und Typbezeichnungen auskennen, dürfte es vielen der rund 15 000 Besucher, die in normalen Zeiten pro Jahr ins Museum kommen, vermutlich einerlei sein, ob die liebevoll restaurierten Wagen nun aus der Serie E, F oder G stammen. Das Faszinierende an denen ist eher die alte Ausstattung, etwa mit Holzbänken, die nicht gerade bequem waren, aber heute mit ihrem musealen Charme bezaubern. Das gilt auch für die schön restaurierte alte Pferdetram von 1891, die das älteste Stück im Museum ist, die allerdings nie in München im Liniendienst unterwegs war, sondern in Nürnberg. Heute ist sie mit Autoreifen bestückt und kommt unter anderem beim Wiesneinzug zum Einsatz.

Man muss kein Technikfreak sein, um sich im Museum gut unterhalten zu fühlen. Besucher bekommen vor allem einen Einblick in die Mobilität vergangener Tage, dafür sorgt auch die Galerie im ersten Stock, wo Gemälde historische Stadtansichten mit historischen Fahrzeugen zeigen. Natürlich sind es aber die Busse und Trambahnen, die bei vielen Besuchern Erinnerungen wecken und die zum Teil gar nicht so alt sind. So ist zum Beispiel auch der weltweit erste Niederflur-Gelenkbus aus dem Jahr 1987 zu sehen, der ein erster Schritt in Richtung barrierefreier Nahverkehr war.

Ein Höhepunkt aber, "für Kinder jeden Alters", wie Onnich sagt, ist der U-Bahn-Fahrsimulator, in dem Besucher die Strecke der U 3/U 6 abfahren können. Dieses Vergnügen wird den Münchnern wohl noch länger entgehen.

© SZ vom 26.03.2021/kafe, van
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