Freitags, 12.45 Uhr: In der kleinen Hotterstraße, ein paar Minuten vom Marienplatz entfernt, bildet sich vor dem Eingang eines zweigeschossigen, hellgelb getünchten Hauses eine Traube von Menschen. Vor allem Männer stellen sich hier an. Jemand sperrt mit einem Schlüssel die Holztür zur Straße auf. Von drinnen drängt ein Mann nach dem anderen heraus. Die draußen sind, bahnen sich einen Weg hinein, um durchs gewundene Treppenhaus hinauf in den ersten Stock zu kommen, zur Moschee. Wöchentlicher Schichtwechsel beim Freitagsgebet im Münchner Forum für Islam (MFI).
Schon an normalen Freitagen müsse dort der Andrang in zwei hintereinander folgenden Lagen gestaffelt werden, damit alle, die sich ins Gebet versenken wollten, auch reinkämen, sagt Belmin Mehic, der im Haus Imam und zugleich MFI-Vorstandsmitglied ist.
Und Ramadan geht jetzt erst los. Am Aschermittwoch, dem ersten Tag der christlichen Fastenzeit, beginnt nach Sonnenuntergang in diesem Jahr auch der muslimische Fastenmonat. In vielen Münchner Moscheegemeinden der Stadt setzt dann ähnlich wie an der Hotterstraße ein Schichtdienst ein. Denn vor allem die Zahl der Moscheen und Gebetsräume in der Innenstadt ist in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen, sodass sich die Gläubigen in bestehenden Einrichtungen zu dieser Zeit regelrecht stauen.
„Im Zentrum gibt es eigentlich nur noch das Münchner Forum für Islam in der Hotterstraße“, sagt Sokol Lamaj, ehrenamtlicher Vorsitzender des Muslimrats. Das Gremium wurde 2003 auf Anregung der Stadt gegründet, um Ansprechpartner und Brücke zwischen Verwaltung und Münchner Musliminnen und Muslimen zu sein. „Früher hatten wir Moscheen und Beträume in der Schwanthalerstraße, Goethestraße, am Hauptbahnhof.“ Die seien nach und nach dichtgemacht, die Gemeinden „oft rausgekündigt“ worden, sagt Lamaj. Vielfach wegen mangelnden Brandschutzes. Der gebürtige Albaner, der beruflich die Koordination der interkulturellen Initiative „Bunt kickt gut“ verantwortet, schätzt, „dass es aktuell um die 50 Standorte von Moscheevereinen in München gibt“.


In dem als liberal geltenden Münchner Forum für Islam, dieser Begegnungsstätte unter anderem mit Büros und öffentlicher Kantine, findet sich im ersten Stock ein vergleichsweise geräumiger Gebetsraum – es ist der letzte seiner Art in der Altstadt. Belmin Mehic erzählt von dem seit Jahren steigenden Andrang im Haus, nachdem immer mehr Moscheegemeinden ihre Räume in der weiteren Nachbarschaft aufgegeben hätten.
Der 36-Jährige, der auch Geschäftsführer des noch jungen Muslimischen Bildungswerks München ist, spricht von 150 Gläubigen, die pro Schicht zum Freitagsgebet ins MFI kommen. „Unser Platz reicht aber nicht für alle aus, deshalb richten wir mittlerweile dafür hintereinander zwei Schichten ein.“ In den Wintermonaten um 12.30 und 13.30 Uhr. Doch selbst dann fänden nicht alle Platz. „Wir müssen immer wieder bei überfüllten Kapazitäten zusperren.“ Bedarf gebe es auch für eine dritte und vierte Schicht. Die schafften sie aber nicht, weil sie dann mit dem Anschlussprogramm im Haus kollidierten.

Im MFI befindet sich außerdem einer der wenigen Gebetsräume in der Stadt, in dem Frauen gemeinsam mit Männern beten. In der Schlange stehen an diesem Freitag Alte und Junge, „unser Publikum ist ganz bunt“, sagt Senad Hrnjadovic vom MFI-Vorstand vor dem Haus. „Alle Schichten, alle Hintergründe, vom Bürgergeldempfänger bis zum LMU-Professor“, der gerade aus der Tür tritt. Zu ihnen kämen auch viele Touristen, die in der Innenstadt eine Möglichkeit zum Beten suchten, sagt Mehic. Während des Ramadan, wenn viele Musliminnen und Muslime sich „noch mehr mit Spiritualität beschäftigen“, steige die Nachfrage zudem.
Es gibt keine genaue Zahl, wie viele Menschen muslimischen Glaubens in München leben. Von städtischer Seite ist regelmäßig von 200 000 die Rede. Sokol Lamaj schätzt die Zahl eher auf 250 000. Zwar sind in seiner Wahrnehmung nur zehn Prozent davon praktizierende Muslime, aber an Ramadan steige das Interesse, den Glauben sichtbar zu leben.
An den Freitagen im Ramadan jedenfalls, so Lamaj, könnten es dann auf einmal 25 000 Menschen in der ganzen Stadt sein, die am Gebet teilnehmen wollten. „Dann kommen ja ganze Familien, Ehepartner, Kinder.“ Den Moscheen, die sich vielfach in Hinterhöfen finden, bleibe da oft nur Schichtdienst: „Dadurch entstehen aber andere Komplikationen, mit den Nachbarn, mit den Parkplätzen. Es ist eine Strapaze!“


Ideen hätte der studierte Jurist Lamaj durchaus, wie das Problem zu lösen wäre: Im Dialog mit Kirchen könne möglicherweise geklärt werden, ob Muslime Gebäude oder Räume mieten könnten, die die christlichen Häuser nicht mehr nutzten oder brauchten. Zwischennutzungen regt er an, was für künstlerische Angebote funktioniere, könne auch für Glaubensgemeinschaften in Betracht gezogen werden. „Wir haben doch am Stachus den ehemaligen Kaufhof, der steht ja leer. Vielleicht könnte man da ja im Ramadan als Kulturprojekt etwas Offenes gestalten, ein Programm, ein gemeinsames Gebet, vorübergehend?“ Eine spontane, „ganz persönliche“ Idee sei das.
In der teuren Stadt, zumal im Zentrum, gehe es den Muslimen bei den „Marktpreisen“ wie allen anderen Münchnern, sagt Lamaj: Räume seien nicht mehr bezahlbar. Es werde zudem schwieriger, Vermieter zu finden, die Flächen für Moscheegemeinden zur Verfügung stellten. „Da gibt es immer mehr Verunsicherungen und Bedenken, ob man mit den Mietern Stress bekommt oder Terroristen einziehen, oder andere kommen und einen Anschlag verüben wollen. Ob man laut ist oder Probleme mit den Nachbarn bekommt.“ Alle würden ja mitbekommen, sagt der 44-Jährige, welches Bild vom Islam öffentlich gezeichnet werde. Und auch die Äußerungen mancher Politiker im Wahlkampf seien da nicht hilfreich.

Kommunalpolitik und Muslime:Sind Sie für eine Moschee im Zentrum Münchens?
Dieser und vielen anderen Fragen stellen sich einen bewegten Abend lang Kandidatinnen und Kandidaten fürs Rathaus. Im Münchner Forum für Islam liegt Spannung in der Luft.
Ohne Unterstützung der Politik, glauben sowohl Lamaj als auch Mehic, werde es aber nicht gehen. In München scheiterte es in den vergangenen Jahren allein schon daran, einmalig ausreichend große Räumlichkeiten für ein abendliches Fastenbrechen im Ramadan zu finden, an der Vertreter der ganzen Stadtgesellschaft teilnehmen könnten. Die Stadt selbst stellt ihre Immobilien nur für kulturelle und nicht für religiöse Zwecke zur Verfügung.
Mehic bringt die Pläne seines Hauses wieder ins Spiel, eine zentrale Moschee mit ausreichend Platz in der Stadt zu bauen, „die Würde, Transparenz und Repräsentanz ausstrahlt“. Das Projekt liegt auf Eis. Der Status quo mit Gebetsräumen in Münchner Hinterhöfen jedenfalls werde der „Realität von Musliminnen und Muslimen in dieser Gesellschaft nicht mehr gerecht“. Lamaj wird grundsätzlich: „Wir identifizieren uns auch mit diesem Land, unsere Kinder sind hier geboren und studieren hier, alle bringen ihren Beitrag; es ist an der Zeit, dass der Staat den Islam als Religionsgemeinschaft anerkennt und akzeptiert, dass Muslime zu Deutschland gehören, dass wir hier Strukturen schaffen und Abkommen machen, die im gegenseitigen Interesse sind.“
Die Wirtschaft sei längst viel weiter als die Politik, sagt der Vorsitzende des Muslimrats: Firmen richteten Gebetsräume ein, um sich für Mitarbeiter attraktiver zu machen, das gelte auch für Altenheime, die sich neu orientierten und selbst in der Küche Rücksicht nähmen auf muslimische Bewohner. „Aber in der Stadt selbst ist nicht so viel Bewegung.“
Den Mangel an Innenstadt-Moscheen spüren sie bis nach Pasing. Volkan Türlü ist unabhängiger Kulturbeauftragter der Moschee an der Planegger Straße, außerdem Mitveranstalter des interreligiösen Pasinger Friedenswegs. „An den Feiertagsgebeten am Ende des Ramadan und beim Opferfest wird manchmal zweimal gebetet, wenn der Andrang der Gläubigen groß ist, was oft der Fall ist.“ Die Gemeinde gebe jeden Abend Essen aus.
Etliche der vielen Flüchtlinge, die nach München gekommen seien, nähmen daran teil, „weil es ihnen nicht so gut geht“. Um ihnen den Vortritt zu lassen, träten an Ramadan Gemeinde-Mitglieder, die das Essen auch finanzierten, zurück und stießen erst in einer zweiten Runde dazu. „Manche machen das Fastenbrechen deshalb auch zu Hause und kommen erst danach in die Moschee.“ Die Almosengabe, eine der fünf Säulen des Islam, ist im Ramadan von zentraler Bedeutung. Gäbe es mehr Gebetsräume in der Stadt, sagt Türlü, „wäre das eine super Entlastung“.

