Wo waren Sie an 9/11? An dem Tag, an dem Terroristen zwei Flugzeuge in die Twin Towers in New York flogen. Die meisten Menschen, die an jenem 11. September 2001 schon lebten, haben eine Antwort auf diese Frage. Prägend war das Ereignis für viele auch hier in Deutschland. Für die knapp 7000 Passagiere, die in Gander, Kanada, notlanden mussten, weil der Luftraum als Folge der Anschläge geschlossen war, ist es mit großer Sicherheit ein Tag, an den sie sich erinnern können. Ein Tag mit Nachwirkungen. Für diese Menschen ganz persönlich, aber auch für die gesamte Weltordnung.
Im Deutschen Theater hat sich das Publikum eingefunden. Vor einem spärlichen Bühnenbild fängt das Stück alltäglich an. Da streiten sich der Bürgermeister von Gander mit dem Busfahrer, der gerade streikt. Das Wetter ist zu heiß für Unterricht, doch die Grundschullehrerin will ihn trotzdem halten. Eine Radio-Reporterin ist nervös an ihrem ersten Arbeitstag. Dann wird ihr Leben von der Nachricht der Terrorattacken unterbrochen.
Das Musical „Come From Away“ von Irene Sankoff und David Hein verbindet die einzelnen Geschichten der Notgestrandeten und der Neufundländer mit dem großen Ganzen der Terroranschläge. Nach den Terrorattacken wurde der nordamerikanische Luftraum geschlossen. 255 Flugzeuge mussten in Kanada notlanden. 38 davon in Gander im Osten Kanadas auf der Insel Neufundland. Dort leben nur etwa 9000 Menschen. Das Besondere: Gander hat einen internationalen Flughafen. Genutzt wurde er einst, damit Flugzeuge noch einmal tanken konnten, bevor sie den Atlantik überqueren. 2001 war Zwischentanken nicht mehr nötig, und damit der Flughafen eigentlich ziemlich irrelevant. Bis der 11. September kam.
Ein Musical, basierend auf der wahren Geschichte dieser Notgestrandeten. Eine Geschichte, die in direktem Zusammenhang mit 9/11 steht. In Gander landeten Menschen, die soeben Angehörige bei den Terroranschlägen verloren hatten. Daraus ein Musical zu machen, birgt natürlich die Gefahr, der Tragödie nicht gerecht zu werden.
Das ist ein großes Wagnis. Mit dem schafften es Sankoff und Hein immerhin auf den Broadway. Vielleicht, oder gerade, weil Come From Away in diesem Spannungsfeld zwischen den Terrorattacken und dieser vermeintlich heilen Welt in Neufundland spielt. Im Deutschen Theater in München wird nun die deutschsprachige Version vom Theater Regensburg aufgeführt. Selbst die Songs werden fast ausschließlich auf Deutsch gesungen. Das nächste Wagnis. Kann das gelingen?
Übersetzerin Sabine Ruflair hat brilliante Arbeit geleistet. Besonders der Humor geht nicht verloren. Das zwölfköpfige Ensemble füllt je mehrere Rollen aus - das ist nur gelegentlich etwas verwirrend. Besonders Wietske van Tongeren überzeugt als Pilotin Beverly Bass.
Der Airport Gander wird zur Utopie
Das karge Bühnendesign mit den weißen Stühlen und den roten Säulen an den Seiten ändert sich während der knapp zwei Stunden langen Performance kaum. Durch das Umstellen der Stühle wird es mal zu einem der Flugzeuge und mal zu einer Bar, in der sich die Passagiere zusammen mit den Bewohnern volllaufen lassen. Denn, während der fünf Tage, bis sie Gander wieder verlassen können, haben manche eine ziemlich gute Zeit.
Gander wird hier zu einer kleinen Utopie. Die Menschen nett und hilfsbereit, die Fremden aus aller Welt kommen trotz aller Unterschiede miteinander aus. Zwischen einem Engländer und einer Texanerin bahnt sich gar eine Liebesgeschichte an. Genau in diesen kleinen, zwischenmenschlichen Geschichten, die alle tatsächlich so passiert sein sollen, liegt die Stärke von „Come From Away“. Ins Kitschige rutscht das Musical dabei wohl vor allem wegen des tragischen Kontextes nicht ab.
Es bleibt Raum für Andeutungen der Folgen des Angriffes. Bei aller Freundlichkeit der Neufundländer schüren sich Ressentiments gegen einen muslimischen Ägypter. So schleicht sich selbst in dieses kleine, abgeschiedene Idyll Gander langsam die Erkenntnis ein: Nichts ist mehr, wie es war.
Come From Away, 11. bis 13. Juli, Theatersaal im Deutschen Theater. Infos unter www.deutsches-theater.de/come-from-away.

