Am Schluss werden Geigen- und Bratschen-Bögen zu Waffen. Die hohen Streicher lassen sie wie Peitschen durch die Luft sausen, der symbolisch getroffene Cellist schreit markerschütternd. Vereinzelt provoziert das verunsichertes Lachen im schummrig beleuchteten Herkulessaal, aber vor allem Erstaunen über die brutale Poesie, mit der Jörg Widmann sein drittes Streichquartett beschließt.
Das „Jagdquartett“ markiert die rasante Mitte des aus fünf Quartetten bestehenden ersten von bislang zwei Quartett-Zyklen, mit denen Widmann die Königsdisziplin der Kammermusik befragt hat. Dass ein aus Solisten des BR-Symphonieorchesters bestehendes Quartett (Korbinian Altenberger, Lorenz Chen, Benedict Hames, Jaka Stadler) die Stücke an einem musica-viva-Abend aufführt, gibt Gelegenheit, einen der meistaufgeführten lebenden Komponisten kennenzulernen, einen, der an den Spuren der Tradition entlangläuft, um sich eigene Nebenwege zu suchen.
Dabei wirkt der Beginn ratlos. Die vier Musiker setzen ihre Bögen an, lassen Flageolett-Töne entstehen, klagende, winzige Melodie-Fragmente. Allmählich verdichten sich die Klänge, treten zusammen und demonstrieren so den Reichtum an Texturen, die Widmanns Quartette zur fesselnden akustischen Erfahrung machen. Reibende Akkorde, dazu schmerzvoller Viola-Gesang, geschlagene und gezupfte Saiten. Diese Quartette suchen nach Möglichkeiten, die alte Gattung mit neuen Ideen in Kontakt zu bringen. Widmanns „Choralquartett“ tastet sich deshalb von einem historischen Ausgangspunkt in die Gegenwart vor. Zugrunde liegt dem Stück ein Gedanke an Haydns Quartett-Bearbeitung von „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“. Langsam und hochkonzentriert bewegt sich die Musik, mischt unwirkliche Choral-Teile mit trockenen, geräuschhaften Handlungen, bis - wie bei Haydn - ein Instrumentalbeben den Versuch beendet.
Das „Jagdquartett“ mit seinem grimmigen Witz und seiner manischen Fortführung eines Schumann-Motivs wirkt danach als Scherzo, in dem die BRSO-Musiker so engagiert wie perfekt koordiniert musizieren. Eine Passacaglia drosselt das Tempo zu einem gemächlich, aber konsequent kreisenden Perpetuum mobile, das ungemeine Sogwirkung ausübt, ehe im Finale die Besetzung noch um eine Stimme mit Worten des Predigers Salomo erweitert wird. „Fern ist der Grund der Dinge und tief, gar tief, wer will ihn finden?“, singt Mimi Doulton mit klarem, beweglichen Sopran, der immer mehr mit den kontrapunktischen Linien der Streicher verschmilzt – der programmatische Abschluss eines fordernden, bewegenden Abends: Der Grund der Dinge wurde auch hier nicht gefunden, aber die Suche danach führte zu faszinierenden Klangerlebnissen.

