Lange Nacht der Museen:"Alles erscheint um diese späte Zeit in einem anderen Licht"

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Warten auf Eintritt vor dem Eingangsportal des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst, der Blick geht hinüber zur Alten Pinakothek. (Foto: Florian Peljak)

28 000 Menschen lassen sich bei der Langen Nacht der Museen von ganz besonderen Exponaten faszinieren. An mehr als 80 Orten stoßen sie etwa auf eine geheimnisvolle Goldmaske, ein irrlichterndes Schaf oder auf die wohl bewegendste Komposition - in Neuhausen.

Von Andrea Schlaier

Chariklia Papadopoulou schickt einen ohne Umwege ins Jenseits. Dürfte die Leiterin der Oberaufsicht nur ein einziges Exponat aus ihrem ganzen Haus zeigen, dann das erhabene Stück, das in den Tiefen des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst sehr weit unten ruht, im Jenseitsglaube-Raum: "Sie müssen zur goldenen Maske, wenn sie in ihre Augen gucken, guckt sie zurück." Also hinab, dem sich windenden Messing-Band hinterher, das wie der Ariadne-Faden ins Labyrinth hinein und hoffentlich wieder herausführt. Eine echte Hilfe, weil sich hier unten am Samstagabend anscheinend die halbe Maxvorstadt zwischen Sarkophagen und Grabfunden verabredet hat. Am Ende des Weges wartet sie schon, mit ruhigem Lächeln, voller Grandezza hält sie den leichten Silber-Blick von ihrem weißen Sockel herunter, die Königstochter und Königsschwester Sat-Djehuti aus Theben-West. "Na", fragt Chariklia Papadopoulou, die oben noch immer die vom Eingang hereinfließenden Menschenströme orchestriert, als man wieder auftaucht, "hat sie Sie begrüßt?"

Der aufgestellte goldene Sargkorpus des Königskinds hat an diesem Abend reichlich zu tun mit Willkommens-Bekundigungen. Die Münchnerinnen und Münchner drängen ins Staatliche Museum Ägyptischer Kunst. Auch wenn die Schlangen weit weniger lang sind als in den Vor-Corona-Jahren: Die Klassiker unter den hiesigen Musentempeln entfalten wieder Wirkung beim Publikum, gleich ob Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Lenbachhaus, Glyptothek, Haus der Kunst oder Villa Stuck. Das kuratorisch frisch aufgebürstete und in Teilen wiedereröffnete Deutsche Museum ist außerdem Liebling der Nachtschwärmer.

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Gewurschtel mit den Einlass-Tickets

Die Menschen zieht es hinaus zum Lustwandeln durch die Kunst der Stadt, endlich wieder ein lauer Abend, je nach Location ratschen sie mit der Flasche Hellem, einem Glas Weißen oder dem eigenen Kind in und an der Hand, bevor sie wieder weiterspazieren, die Vielfalt hinter sperrangelweit geöffneten Türen zu entdecken. Etwa 28 000 Besucherinnen kauften nach ersten Schätzungen der Veranstalter in diesem Jahr Tickets für die Lange Nacht der Münchner Museen - der zweiten in Pandemiezeiten. Darunter viele jüngere Menschen.

Dies hier war eimal das Gesundheitshaus an der Dachauer Straße, jetzt ist es das Kunstlabor 2, genauer: der Escape Room von Octavi Serra. (Foto: Florian Peljak)

Statt Bändchen gibt es diesmal die All-in-Karte, die an jedem Einlass umständlich als elektronischer QR-Code auf dem Handy oder als zunehmend ramponierter Papierschnipsel aus der Tasche gekramt werden muss. In der Pinakothek der Moderne ist das Gewurschtel eine Stunde nach Beginn noch kein Thema, weil die Massen erst später hereindrücken - mehr als 10 000 Gäste werden es insgesamt. Unter der Rotunde ist zunächst noch reichlich Raum für ein herumstreunendes Schaf, das gern mal gegen eine Säule rennt oder Kinderbeinen hinterher. Der Schauspieler im Schafpelz ist Teil des Aktionsprogramms "Unexpected". Zu den unerwarteten Ereignissen gehört auch Lina Zyllas Soundcollage oben im Raum, wo Joseph Beuys'44 riesige Basaltsteine auch optisch wummern. Die Künstlerin nimmt das "Punkt, Punkt, Komma Strich"-Konzert auf, das Besucher mit dem Bleistift vor ihrem Mikro zu Papier bringen; in Loops übereinander gespielt entsteht kraftvolle Musik zum schwergewichtigen Kunstwerk.

Armin Scheibenzuber und Behin Bodaghi legen den Kompositionsstift aus der Hand und singen das hohe Lied auf die Museumsnacht: "Alles erscheint um diese späte Zeit in einem anderen Licht, einer anderen Atmosphäre", sagt der 32-Jährige. "Mit Performances wird die Kunst richtig zum Leben erweckt. Das ist sehr spannend." Die Iranerin Bodaghi studiert seit vier Jahren an der LMU Kunst, Musik, Theater und Germanistik und hält die Lange Nacht für eine "gute Gelegenheit, Kunst aus Europa und der ganzen Welt kennenzulernen".

Es ist ein Abend der Augenblicke - reingehen, wo man schon längst mal über die Schwelle wollte: in den AudiMax-Kino-Saal der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) zum Beispiel. Der ist am frühen Abend bereits so rappelvoll, dass die Gäste neben den roten Plüschsesseln stehend zuschauen müssen, wie auf der Leinwand gerade eine junge Barfrau ihre Münzgeld-Neurose auslebt. Im "Espace Louis Vuitton München" an der Maximilianstraße, einem vielen noch unbekannten Ausstellungsraum, lassen sich keine Taschen inspizieren, sondern südafrikanische Kunst. Im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz druckt die Leiterin der Lithographie-Werkstatt Raquel Ro mit den Gästen Karten und hat von Beginn an alle Hände voll zu tun. Vor ihrer Tür werden Tanzende im Treppenhaus zum Kunstwerk der Nacht. Das Europäische Patentamt an der Hackerbrücke führt am Samstag erstmals Besucher durch die eigene Kunstsammlung. "Der Zuspruch zu unserem Angebot hat alle Erwartungen gesprengt", sagt Sprecher Luis Berenguer Gimenez.

Die Shuttle-Busse schwärmen im Zehn-Minuten-Takt zu Touren in alle Himmelrichtungen aus. Richtung Westen, vorbei am Hot-Spot des jungen Publikums, dem Kunstlabor 2, der Groß-Zwischennutzung des ehemaligen Gesundheitshauses an der Dachauer Straße, wo kreative Kräfte ehemalige Amtszimmer wie Zellentüren von innen aufsprengen.

Kreischende Himmelschöre und Bässe zum taub werden

Im vergangenen Jahr bei der langen Nacht der Museen veranstaltete das Kulturmanagement der Erzdiözese München und Freising in der Münchner Herz-Jesu-Kirche das künstlerische Projekt: "Here we are. Missbraucht. Verraten! Hoffnung?" (Foto: Florian Peljak)

Der möglicherweise bewegendste Ort dieser Nacht der 80 Kunsträume ist die Herz-Jesu-Kirche in Neuhausen. Mit bebender Wucht erhebt sich hier fast eine Stunde lang, getragen von mehr als 100 Mitwirkenden, eine Tanz, Musik und Bild gewordene Komposition über erlebten Missbrauch in der Kirche. Bässe zum taub werden, kreischende Himmelschöre des Bayerisches Staatsorchesters und schwarze Luftballons schweben über weiß maskierten Tänzerinnen der Seelennot. Mitten unter ihnen Mitglieder des Unabhängigen Betroffenenbeirats der Erzdiözese München und Freising. Zum Finale hebt der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper an: "Herr, erbarme dich."

Es ist eine Kunst, das Leben in dieser Stadt in einer Nacht zu fassen.

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