Von der niedlichen Nilpferd-artigen Anmutung der kleinen weißen Trolle sollte man sich nicht täuschen lassen: Denn die sehr verschiedenartige Mumin-Gesellschaft ist beseelt von einer sanft-anarchistischen Weltanschauung. Zu der gehören zwar Freundschaft und der Wunsch nach Geborgenheit. Aber auch die Rebellion gegen Regeln und Verbote, die Empathie für Außenseiter und Verrückte und ein großer Freiheitsdrang sind zentrale Elemente.
Dies alles ist trefflich visualisiert in der Ausstellung „Tove Jansson – Die Welt der Mumins“, die jetzt im Literaturhaus eröffnet wurde. „Unser Ehrgeiz als Literaturhaus ist es, die künstlerisch-literarischen Aspekte von Tove Janssons Werk zu zeigen“, sagt Literaturhauschefin Tanja Graf bei einem gemeinsamen Rundgang mit der Kuratorin Paula Vosse. Eine Mumin-Welt voller Poesie und Eigensinn eröffnet sich hier, in der ganz unaufgeregt nahezu philosophische Fragen diskutiert werden. „Wie sollen wir je die Sonne wiederfinden, wenn wir uns nicht übers Meer trauen?“, fragt Mumin einmal.
Entstanden ist das erste von neun Mumin-Büchern noch während des Zweiten Weltkriegs, die Angst vor dem Weltuntergang und der Naturzerstörung sind von Anfang an präsent. Sie werden allerdings aufgefangen in einer Gemeinschaft, die Toleranz walten lässt und in der jede Figur ihre Macken haben darf. Symptomatisch hierfür ist die Geschichte des kleinen Mädchens, das durch Lieblosigkeit unsichtbar wird und erst in der Geborgenheit der Mumin-Familie wieder Stück für Stück Gestalt annimmt.
Wenn in ihrem dritten Buch „Eine drollige Gesellschaft“ (1948) Tofsla und Vifsla auftreten, dann porträtiert die Autorin Tove Jansson sich selbst und ihre damalige Liebe Vivica Bandler als Paar: Sie tragen ihr Geheimnis als kostbaren Edelstein mit sich herum. Mit diesem Band begann der internationale Erfolg der Buchreihe, auch wenn einige Nachkriegs-Moralisten das Leben der Mumin-Bohème kritisierten. In der neben den Mumins auch Wesen wie der Schnupferich und der Sniff, das Snorkfräulein und die kleine Mü, ja sogar die unheimliche Morra ihre Existenzberechtigung haben.

Ob ihre Leser und Leserinnen nun Kinder oder Erwachsene waren, interessierte die Autorin Tove Jansson wenig, stattdessen lebte sie ihre Begabung für Satire aus. Die hatte sie schon mit Anfang 20 in antifaschistischen Karikaturen über Hitler und Stalin unter Beweis gestellt. Mit „Muminvaters wildbewegte Jugend“ schuf sie 1950 eine Parodie auf Heldenbiografien, gleichzeitig aber auch eine liebevoll-humoristische Hommage an alle Väter, ihren eigenen eingeschlossen.„Das einzig Wichtige war, dass ich meinen ersten Freund gefunden hatte. Damit hatte mein Leben erst richtig begonnen“, sagt Muminvater in seinen Memoiren. Die mit der romantischen Begegnung mit der Muminmutter enden.
Tove Jansson wurde 1914 in eine Künstlerfamilie hineingeboren, ihr Vater war Bildhauer, ihre Mutter Grafikerin, „die auch schon finnische Briefmarken und Geldscheine entwarf“, sagt die Kuratorin Vosse. Früh entschied sie sich für eine künstlerische Berufsoption, ähnlich wie ihre jüngeren Brüder Lars und Per Olov. Der eine arbeitete als Zeichner, der andere als Fotograf. Sehr selbstbewusst blickt sie die Betrachter von ihren Selbstporträts heraus an. Sie studierte Malerei in Stockholm und Paris, galt als Vertreterin des Postimpressionismus, wovon in der Ausstellung Bilder zeugen, die an Gauguin und Matisse erinnern, bevor sie sich schließlich in Helsinki niederließ.

Befeuert durch Comic-Strips, die von 1954 an in der Londoner Evening News erschienen, bescherten die Mumins ihrer Schöpferin einen Erfolg, der zunehmend zur Belastung wurde. Um wieder mehr künstlerische Freiheit zu erlangen, übergab sie das Zeichnen der Comics ab 1960 ihrem Bruder Lars. Er beherrschte die minimalistische Darstellung der Figuren perfekt, in der allein die sehr präzise Mimik und Gestik ihr inneres Gefühlsleben ausdrücken. Und seine Schwester konnte sich anderen Projekten zuwenden, etwa der autobiografischen Erzählung „Sommerbuch“ (1972), deren Verfilmung mit Glenn Close auf dem diesjährigen Münchner Filmfest lief.
„Es ist mein Lieblingsbuch von Tove“, sagt Tanja Graf. „In der Oma-Enkelin-Beziehung sind genau die Individualität der Personen und der schräge Humor zu finden, die auch die Mumin-Bücher auszeichnen.“
Interessanterweise erlebte Tove Jansson schon zu Lebzeiten den gewaltigen Merchandising-Erfolg ihrer Trolle. Das Plakat zur Ausstellung zeigt sie auf einem Foto inmitten von zahlreichen Stoff-Mumins. Nachvollziehbar macht die Schau, wie bei Jansson Realität und Werk einander inspirierten. In „Winter im Mumintal“ (1957) wacht Mumin viel zu früh aus seinem Winterschlaf auf und begegnet in der Einsamkeit der erstarrten Natur „Too-ticki“: „Alles ist sehr ungewiss und gerade das finde ich beruhigend“, sagt sie zu dem verunsicherten Mumin. In dieser Figur verbirgt sich Tove Janssons Lebensgefährtin Tuulikki Pietilä.

Auch wenn Bi- und Homosexualität in Finnland bis 1971 strafbar war, blieben Jansson und die Grafikerin Pietilä über Jahrzehnte ein Paar, das sich von heteronormativen Vorstellungen nicht beirren ließ und seine Beziehung nicht verheimlichte. In ihrem Leben wie im Mumin-Tal gestaltete sie ihre Überzeugung, dass Wahlfamilien ebenso wichtig sind wie biologische Verwandtschaft – entscheidend sind Fürsorge, Respekt und gemeinsam verbrachte Zeit. Dazu passt, dass frühere Beziehungspartner und -partnerinnen ihr auch späterhin als Freunde verbunden blieben. Weibliche Charaktere unterscheiden sich optisch nur durch Details – hier ein Zylinder, dort eine Handtasche – von den männlichen Figuren. Auch die Grenzen zwischen Mensch und Tier verlaufen fließend.
„Bezeichnenderweise gibt es auch richtige ‚Muminologen‘ unter den Erwachsenen“, sagt Graf. Trotzdem dürften auch sie in der Ausstellung auf Ungekanntes stoßen, vermutet sie. An kindliche Mumin-Einsteiger wenden sich die kleinen Zelte mit Hörstationen, ein Segelschiff, eine dunkle Höhle und ein begehbares, zweistöckiges Haus: Ein exakter Nachbau des blauen Mumin-Hauses, wie es die Familie am Ende des ersten Mumin-Bands findet und fortan zur Heimstatt wählt. Diese Szenerie wird durch große Fensterlichter ergänzt, die Fotos der schwedischen Schäreninseln von Per Olov Jansson zeigen. Dort wiederum hatte seine Schwester ihr Haus und ihre Wahlheimat gefunden.
Tove Jansson. Die Welt der Mumins, bis 12. April 2026, Literaturhaus München; Vorlesen im Mumintal mit Simone Oswald und Janosch Fries am Samstag, 24. Januar 2026, Sonntag, 1. Februar und Sonntag, 15. März, 15 bis 18 Uhr, Beginn im Forum 3. OG, Ende im Ausstellungsbereich EG

