Verpackungsfreier Supermarkt Müllfreier Alltag

Seit einem knappen Jahr versucht die gelernte Schneiderin Hannah Sartin, in ihrem Vier-Personen- Haushalt ohne Verpackungsmaterial auszukommen.

(Foto: Robert Haas)

Hannah Sartin aus Haidhausen will einen Laden eröffnen, in dem Lebensmittel unverpackt angeboten werden

Interview von Stephanie Beutel

Hannah Sartin hat einen Traum. Sie will einen Supermarkt eröffnen - mit verpackungsfreien Lebensmitteln. Ihr Laden soll "Ohne" heißen. Das Geld für das Projekt will die 30-Jährige im Internet einsammeln, auf der Website Startnext. Ihr Ziel: 55 000 Euro. Kapitalgeber sind die Internetnutzer, diese Art der Finanzierung nennt sich Crowdfunding. Das funktioniert für die unterschiedlichsten Projekte, auch solche, die den Verpackungsmüll einzudämmen versuchen. Zwei Berlinerinnen haben auf diese Weise im vergangenen Jahr 100 000 Euro für ihren Supermarkt "Original Unverpackt" gestemmt. In München sieht die Unternehmerin in spe eine Marktlücke: Ungewöhnliche Einkaufskonzepte gibt es bisher unter anderem bei "Naturlieferant", einem plastikfreien Laden in Haidhausen, oder bei der Kette "Kochhaus" mit Filialen in Haidhausen, am Gärtnerplatz und in Schwabing, die Einkaufen nach Rezept anbietet. Aber "ein verpackungsfreier Laden fehlt noch", sagt Hannah Sartin.

SZ: Warum nehmen Sie für den Supermarkt nicht einfach einen Kredit auf, sondern sammeln das Geld über Crowdfunding ein?

Hannah Sartin: Toll an Crowdfunding ist, dass alle, die an mein Projekt glauben, mithelfen können, "Ohne" zu realisieren. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich auf diese Weise unmittelbar mitbekomme, ob es für meine Idee ein Publikum gibt. Wird gespendet, kommt das Konzept an und München ist bereit für einen verpackungsfreien Supermarkt.

Und wie läuft es bislang?

Sehr gut. Ich bekomme unheimlich viel positives Feedback. Nachdem ich in der ersten Phase genug Fans für das Konzept gewinnen konnte, geht es nun an die Finanzierung. Die ist vor gut zwei Wochen gestartet. Mir bleiben insgesamt 90 Tage, um die benötigte Summe zusammenzubekommen. Damit könnte ich die ersten Mieten, Waren und die Einrichtung bezahlen.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, einen verpackungsfreien Supermarkt in München etablieren zu wollen?

Alles fing mit dem Buch "Zero Waste Home" von Bea Johnson an. Darin gibt sie eine Anleitung, wie man ein fast müllfreies Leben führt. Ich habe mich in diese Philosophie verliebt. Seitdem versuchen meine Familie und ich nach den Zero-Waste-Regeln zu leben, indem wir verweigern, reduzieren, wiederverwenden und wiederverwerten. Dazu gehört auch, verpackungsfrei einzukaufen.

Wie machen Sie das genau?

Gemüse und Obst kaufe ich nur lose, Brot kommt in den Stoffbeutel, Mehl ins Glas und Käse in eine Edelstahlbox. Sicher ist das nicht mehr so bequem wie zuvor, aber wenn man sich einmal umgestellt hat, ist es nur eine Frage der Organisation. Natürlich wäre es viel unkomplizierter, wenn es in München einen verpackungsfreien Laden gäbe. Da das bislang noch keiner angegangen ist, mache ich das jetzt.

Komplett ohne Verpackungen, geht das überhaupt - was ist zum Beispiel mit Medikamenten, Schokolade, Schminke oder einem neuen Handy?

Bei Medikamenten ist es tatsächlich schwer. Da muss ich eine Ausnahme machen. Schokolade ist auch schwierig. Deshalb bin ich den Kompromiss eingegangen, mir Bio-Schokoladenbruch in Cellophan liefern zu lassen. Aber für alles andere gibt es fast immer Lösungen ohne Verpackungsmüll. Schminke besitze ich kaum. Sollte ich mal welche brauchen, würde ich sie mir von einer Freundin leihen. Und mein Handy kaufe ich gebraucht.

Wie soll so ein Einkauf in Ihrem verpackungsfreien Supermarkt denn für die Kunden aussehen?

Ich möchte im "Ohne" ein möglichst großes Sortiment anbieten. Eigentlich alles, was man so braucht. Wer spontan einkaufen möchte, kann Stoffbeutel und Gefäße bei uns leihen. An der Wand hängen sogenannte Bulk Bins. Das sind transparente Lebensmittelspender, in denen sich Mehl, Müsli oder Süßigkeiten befinden. Der Kunde hält seinen Behälter darunter, schiebt einen Riegel hoch und das Mehl rieselt durch eine geöffnete Schleuse hinein. Man kann fast alles in einer wiederverwendbaren Mehrweglösung oder komplett ohne Verpackung anbieten, selbst Zahnpasta. Die gibt es in Tablettenform. Eine Käse- und Wurst-Theke wird es nicht geben. Allerdings arbeite ich daran, dass an bestimmten Tagen Käse- und eventuell auch Wursthersteller aus der Region mit einem Stand in den Laden kommen.

Über den verpackungsfreien Supermarkt in Berlin hat der Nachrichtensender n-tv vor Kurzem berichtet, dass der Hype inzwischen vorbei sei. Grund dafür seien happige Preise und ein spartanisches Sortiment. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Eigentlich nicht. Jedes Konzept ist anders. Ich möchte ausschließlich Bioprodukte anbieten und das zu normalen Bioladen-Preisen. Die Ware soll überwiegend von regionalen Produzenten kommen. Dass der Laden laufen wird, dafür kann mir keiner eine Garantie geben. Aber die Leidenschaft ist da, es zu versuchen.

Was passiert, falls Sie scheitern und die 55 000 Euro nicht über Crowdfunding zusammen bekommen?

Dann hoffe ich, dass ich eine andere Möglichkeit finde, um "Ohne" trotzdem zu eröffnen.

Informationen über das Projekt "Ohne" unter www.zerowastemunich.com.