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Politik in München:So will die Stadt das Müll-Chaos an Wertstoffinseln beenden

Kommunalreferentin Kristina Frank demonstriert das richtige Verhalten an einer Wertstoffinsel.

So funktioniert es: Kommunalreferentin Kristina Frank demonstriert in der Pappenheimstraße das richtige Verhalten an einer Wertstoffinsel.

(Foto: Robert Haas)

Überquellende Plastik-Container in einem Meer aus Flaschen - um solche Zustände künftig zu verhindern, hat die Stadt den Entsorgungsfirmen neue Auflagen gemacht. Der Rathauskoalition gehen sie nicht weit genug.

Von Anna Hoben

Es gab eine Zeit im Frühjahr, als das öffentliche Leben heruntergefahren war, da war jeder Gang nach draußen an die frische Luft ein Highlight - und wenn es nur der Gang zur Wertstoffinsel war. Die Freude hatte sich dann allerdings schnell wieder erledigt, wenn man vor den Containern stand und nicht wusste, wohin mit den Flaschen und dem Plastikmüll. Behälter voll, um die Inseln ein Meer von Flaschen oder Tüten voll mit Kunststoff, das war ein typischer Anblick - und Anlass für viel Ärger. Den hatte es zwar auch schon vorher immer wieder gegeben, aber das erhöhte Müllaufkommen in Corona-Zeiten hat das Fass, also die Container, noch mal mehr zum Überlaufen gebracht.

Jetzt soll alles besser werden: Gerade hat die Stadt die Abstimmungsvereinbarung mit den Firmen der Dualen Systeme neu ausgehandelt, die dann Verträge schließen mit den Betreiberfirmen der Wertstoffinseln. Das sind in München die Firmen Remondis und Wittmann; die neuen Verträge laufen bis Ende 2023. Die Firmen sollen die Container künftig häufiger leeren, ihre Kapazität erhöhen, besser kommunizieren und besser für Sauberkeit sorgen. Kommunalreferentin Kristina Frank (CSU), zu deren Behörde der Abfallwirtschaftsbetrieb (AWM) gehört, hat die neuen Vertragsinhalte am Donnerstag vorgestellt.

Im Home-Office sei bei den Menschen mehr Müll angefallen, sagte sie, das habe zu den Zuständen an den Wertstoffinseln geführt. Dazu komme, dass immer wieder Menschen Sperrmüll dort abstellten. Nach der sogenannten Broken-Window-Theorie finde so ein Verhalten dann Nachahmer: "Wenn's einmal ausschaut wie Sau, schmeißt man eher noch was daneben, als wenn es sauber ist."

Für den Termin hatte der Abfallwirtschaftsbetrieb eine sehr saubere Wertstoffinsel gewählt, Kommunalreferentin Frank warf zu Präsentationszwecken eine leere Maisdose in einen Container. Das ist eine der Neuerungen: Plastikmüll, Metall und Verbundstoffe dürfen künftig in den gleichen Container geworfen werden - bisher waren es getrennte. Die Container werden hierfür zurzeit neu beklebt. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die Alu-Container oft nicht ganz gefüllt waren, während die Kunststoffbehälter überquollen, heißt es vom AWM und von den Betreiberfirmen. Durch die Zusammenlegung soll mehr Platz geschaffen werden. Die Materialien ließen sich anschließend gut maschinell auseinandersortieren.

Zwei Drittel aller Container sollen nun mindestens dreimal pro Woche geleert werden, der Rest mindestens einmal pro Woche. Wenn das nicht ausreicht, soll bei Bedarf zusätzlich geleert werden. Durch eine Hotline und einen QR-Code, der auf den Containern zu finden ist, sollen die Firmen für die Münchnerinnen und Münchner künftig besser erreichbar sein.

Die Stadt ist in zwei Entsorgungsgebiete aufgeteilt, Ost und West. 950 Wertstoffinseln gibt es insgesamt. Im Osten ist die Firma Wittmann für die Entsorgung von Metall und Kunststoffen zuständig. Die Firma Remondis macht das Gleiche im Westen und entsorgt das Glas im ganzen Stadtgebiet. Davon ist in diesem Jahr deutlich mehr angefallen als sonst: Bis einschließlich August sei jeden Monat 15 Prozent mehr Glas gesammelt worden, sagt Klaus Thielmann von Remondis. Das sind 325 Tonnen oder 30 Sammel-Lkw. "Das hat uns überrollt, wir kamen nicht nach." Man habe jedoch mittlerweile ein weiteres Fahrzeug im Einsatz und die Sache "ganz gut im Griff". Bei Kunststoff und Alu waren es im Gebiet München-West sechs Prozent mehr: 220 Tonnen pro Monat.

Den Regierungsfraktionen im Rathaus gehen die Verbesserungen allerdings nicht weit genug. Grüne/Rosa Liste und SPD/Volt forderten vergangene Woche in einem gemeinsamen Antrag die Verwaltung vor allem dazu auf, den Betreiberfirmen deutlich mehr Druck zu machen. Betreiber, die vereinbarte Leerungen und Reinigungen nicht durchführen, sollten etwa mit Vertragsstrafen belangt werden können. Dazu fordern die Regierungsfraktionen Füllstandsanzeiger an den Containern und eine schönere Gestaltung der Inseln. Denkbar wären Einhausungen für die Container, sagt Sibylle Stöhr (Grüne).

Kritik üben Grüne und SPD an Kommunalreferentin Kristina Frank. Sie habe trotz des Ärgers für die kommenden drei Jahre "lediglich vage Vereinbarungen" getroffen, heißt es von der SPD. "Wir begrüßen es, dass in den neuen Verträgen bessere Leerungsintervalle ausgehandelt worden sind. Doch die Probleme mit den Wertstoffinseln bleiben", sagt Stadträtin Kathrin Abele. Plastik habe eine schlechte Recyclingquote von nur 18 Prozent. "Wir wollen prüfen, wie es möglich wird, dass München aus dem Dualen System aussteigen kann", sagt ihr Fraktionskollege Nikolaus Gradl. Es brauche neue Bundesgesetze, um die Recyclingquoten zu erhöhen.

Das Thema wird die Stadtpolitik weiter beschäftigen. Letztendlich gehe es darum, Müll möglichst zu vermeiden, sagt Kommunalreferentin Frank. Angesichts des steigenden Müllaufkommens scheint die schöne Vision von der "Zero Waste City", der Stadt, die keinen nicht verwertbaren Müll produziert, gerade allerdings in weiter Ferne. Wie viel Plastik beim Einzelnen tatsächlich anfällt, wollte die FDP mit den Jungen Liberalen am Donnerstagabend bei einer Aktion auf dem Marienplatz zeigen. Sie sind für ein anderes System: die gelbe Tonne. "Beim Recycling sind wir in München ganz hinten dran", sagt Stadträtin Gabriele Neff. Sie fordert einen Probelauf mit der gelben Tonne im Stadtgebiet.

© SZ vom 23.10.2020/syn
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