Mülltrennung:München führt versuchsweise gelbe Tonne ein

Lesezeit: 4 min

Debatte um Duales System

Bisher geht München bei der Entsorgung des Plastikmülls einen Sonderweg - in Leipzig etwa ist die gelbe Tonne längst Standard.

(Foto: dpa)

In fünf ausgewählten Bezirken ist bald Schluss mit dem lästigen Gang zur Wertstoffinsel: Der Abfallwirtschaftsbetrieb testet, ob die Münchnerinnen und Münchner ihren Müll dann besser trennen.

Von Heiner Effern

Es soll bunter werden in so manchem Münchner Müllhäuschen, zur schwarzen, zur braunen und zur blauen soll in ausgewählten Bezirken auch noch eine gelbe Tonne kommen. Der städtische Abfallwirtschaftsbetrieb (AWM) will in einem Pilotversuch prüfen, ob das Trennen und Entsorgen von Wertstoffen in der Stadt mit einem anderen System nicht viel besser laufen könnte als im Moment. Das Ergebnis könnte auf den Alltag der Bürgerinnen und Bürger massive Auswirkungen haben: Es geht um nicht weniger als die Frage, ob sie weiterhin den Verpackungsabfall bis zur nächsten Wertstoffinsel spazieren tragen oder ob sie ihn maximal bis zur Garten- oder Hoftür bringen müssen, wo ihn eine Flotte von Lastwagen einsammelt.

Bisher geht München mit seinen etwa 1000 Wertstoffinseln einen Sonderweg. In Berlin und in Hamburg zum Beispiel gibt es eine Wertstofftonne, in der neben Verpackungsabfall auch noch weiterer Müll aus gleichem Material wie kaputtes Plastikspielzeug landen darf. In Bayerns Großstädten gibt es gelbe Tonnen (Nürnberg) und Wertstofftonnen (Augsburg). Doch in der Landeshauptstadt wurde ein Umstieg bisher nicht als sinnvoll angesehen. "Bis dato steht ein zu geringer Rezyklat-Output einem deutlich höheren Sammelaufwand gegenüber, weshalb ein Bringsystem in summa ökologischer war", erklärt Kommunalreferentin Kristina Frank (CSU), zu deren Haus der AWM gehört.

Die Münchnerinnen und Münchner stehen nicht gerade als Helden bei der Mülltrennung da

Rezyklate heißen Produkte, die aus einem Recyclingprozess von gesammelten Wertstoffen gewonnen werden. Tatsächlich ist bei der Nutzung von getrenntem Plastikmüll noch Luft nach oben, doch das gilt seit Jahren auch für die Münchnerinnen und Münchner, die nicht gerade als Helden bei der Mülltrennung dastehen. Im Jahr 2019, dem letzten vor der Pandemie, die auch beim Müll- und Verpackungsaufkommen einiges durcheinander gebracht hat, kamen auf jeden Einwohner etwa 5,7 Kilogramm getrennt gesammelter Verpackungsmüll. Bayernweit betrug der Durchschnitt 21,6 Kilogramm, die Augsburger schafften sogar mehr als 30 Kilo.

Im Pilotversuch will der AWM nun testen, ob die Münchnerinnen und Münchner sich mehr Mühe geben, wenn man ihnen die Wege bis zu den Containern irgendwo im Viertel abnimmt. Wissenschaftler sollen den Versuch begleiten und genau feststellen, bei welcher Variante der Verpackungsmüll mehr, sorgfältiger und am Ende effizienter getrennt wird. Ausprobiert werden sollen beide alternativen Systeme: die gelben Tonnen nur für Plastikverpackungen und Metalle und die Wertstofftonnen mit einer noch größeren Bandbreite an Entsorgungsmöglichkeiten.

In fünf ausgewählten Bezirken, die nur dünn mit Wertstoffinseln versorgt sind, will der AWM den Pilotversuch durchführen. Dazu sollen in einem Innenstadtbezirk gelbe Säcke verteilt werden. Da der AWM den Test von 2024 bis 2026 in Eigenregie durchführen will, muss er sich mit dem Dualen System einigen. Die Entsorgung von Verpackungsmüll ist in Deutschland nämlich per Gesetz privatwirtschaftlich organisiert. Der Handel zahlt für die Entsorgung seiner Verpackungen in das Duale System ein, das private Verwertungsfirmen mit der Durchführung beauftragt.

Zweifel gibt es immer wieder wegen des zusätzlichen Schwerlastverkehrs bei der Abholung der Tonnen

Forderungen nach einem Systemwechsel und Versuchen mit gelben Tonnen gab es aus der Münchner Politik immer wieder, doch der AWM lehnte stets ab. Auch die grün-rote Koalition zeigte sich im Oktober 2020 noch skeptisch und wies ein solches Ansinnen im Kommunalausschuss ab. Hauptgrund für die Ablehnung beim AWM war der zusätzliche Schwerlastverkehr bei der Abholung der Tonnen, der im Verhältnis zur mageren Wiederverwertungsquote von getrenntem Plastikmüll die Ökobilanz ins Negative drehe. Doch mit der steigenden Herstellung und Verwendung von recycelten Produkten stellt der AWM einen Positions- und damit einen Systemwechsel in Aussicht. "Es zeichnet sich ab, dass sich der Rezyklateinsatz in der Produktion zukünftig deutlich erhöhen wird", sagt Kommunalreferentin Frank.

Im Oktober 2021 hatte auch die Rathauskoalition beantragt, gelbe Tonnen und Wertstofftonnen als Alternative zu den Wertstoffinseln zu prüfen. Mit letzteren herrscht in der gesamten Stadtpolitik Unzufriedenheit. Verschmutzt, überfüllt, zugemüllt, so lauten die Klagen der Bürgerinnen und Bürger, die im Rathaus ankommen. "Das ist kein Zustand", sagt Kathrin Abele, Sprecherin der SPD im Kommunalausschuss. "Ich finde es echt gut, dass wir nun alles ausprobieren, um die beste Lösung zu finden." Auch die Grünen sind froh, dass Bewegung in die Entsorgung kommt. "Es gibt den dringenden Wunsch nach Verbesserungen", sagt Stadträtin Julia Post.

Irritiert ist ihre Fraktion allerdings über den Zeitplan für den Pilotversuch. Kommunalreferentin Frank will bis Ende 2022 mit dem Dualen System darüber Einigkeit erzielen und ihn dann von 2024 bis 2026 durchführen. "Das ist reichlich spät", sagt Post. Sie hätte das Ergebnis lieber schon früher, um bei Bedarf den Umstieg schneller umsetzen zu können. So ist es auch im gemeinsamen Prüfantrag mit der SPD formuliert. Sollte es mit dem Dualen System, das sich schon 2020 offen für einen Umstieg auf das gelbe System gezeigt hatte, wenn es die Stadt denn wünsche, keine Einigung über den Pilotversuch geben, könnte die Stadt bei der nächsten Ausschreibung den Wechsel auf die gelbe Tonne einfach vorgeben.

Die Verhandlungen finden im kommenden Jahr statt, der nächste Drei-Jahres-Zyklus beginnt am 1. Januar 2024. Sollte sich die Stadt für eine noch großzügigere Wertstofftonne entscheiden, müsste sie laut AWM die Entsorgung und die Kosten zu einem Viertel übernehmen, weil der Handel nur für den Abtransport von Verpackungen zahlt.

Im Stadtrat dürfte ein Pilotversuch auf breites Wohlwollen stoßen, die Forderung danach kam unter anderem bereits von der FDP, der ÖDP und den Freien Wählern. Auch mehrere Bezirksausschüsse hatten schon den Umstieg verlangt. Eine Klage werden sie alle aber wohl auch bei einem Umstieg auf gelbe Tonnen und Säcke weiter hören: Das Klirren in den Containern und das Flaschenmeer davor bei Überfüllung wird bleiben. Denn ihr Glas werden die Münchner in jedem Fall weiterhin an Wertstoffinseln entsorgen müssen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSchritte zum Umweltschutz
:Wie München klimafreundlicher werden soll

Öl- und Gasheizungen umrüsten, Solaranlagen fördern, weniger Autos in der Innenstadt: In den nächsten vier Jahren will die Stadt fast 400 Millionen Euro investieren, um weniger Treibhausgas auszustoßen.

Lesen Sie mehr zum Thema