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Altpapier:Für die einen Müll, für andere Profit

Papiermüll, Zamdorferstraße 16-18 bei der Firma Remondis Trade and Sales

Mit Altpapier lässt sich Geld verdienen: Die Preise unterscheiden sich jedoch regional sehr stark und hängen von der Qualität des Materials ab.

(Foto: Florian Peljak; Illustration Jessy Asmus)

Aus Altpapier lässt sich ordentlich Geld machen. In München sammeln Sportvereine oder auch Pfadfinder den Rohstoff, um ihre Kassen aufzubessern. Doch das Geschäft mit dem Papier ist kompliziert.

Was die auf dem Land können, das muss in München doch auch gehen - so ungefähr hat sich das Helmut Neumaier gedacht. Vor ein paar Jahren war er bei einer Entsorgungsfirma beschäftigt und bekam so mit, wie im Umland viele Vereine Geld damit verdienen, Altpapier zu sammeln. Dort fahren sie meist mit dem Traktor von Tür zu Tür, das war für Neumaier und seine Kollegen vom TSV Allach 09 nun aber keine Option.

Doch inzwischen stehen drei große Tonnen auf dem Gelände des Fußballvereins, die Mitglieder schmeißen ihre alten Zeitungen, Magazine und Bücher hinein, alle paar Tage werden die Container geleert. Zwei bis drei Tonnen Papier kämen so im Monat zusammen, schätzt Neumaier, und am Ende des Jahres 1000 bis 1500 Euro für die Vereinskasse.

Helmut Neumaier.

(Foto: Stephan Rumpf)

Müll ist nicht wertlos. Altpapier schon gar nicht - wenn die Qualität stimmt. "Am Anfang ist alles reingeflogen", erinnert sich Neumaier: Amazon-Schachteln, Pizzakartons. Liegt aber Pappe im Altpapier, ist es kaum noch was wert. Gefärbte Papiere senken ebenfalls den Preis, Plastik ist sowieso nicht gern gesehen, aber auch McDonald's-Tüten sind ein Problem - da hängen oft noch Essensreste dran. Die Entsorger kontrollieren genau, wie sortenrein das Altpapier ist, und zahlen entsprechend. Inzwischen hätten das die Vereinsmitglieder verstanden, sagt Neumaier, und es landeten fast nur noch Zeitungen und Zeitschriften in den Containern, "das ist mit das Beste". Abgerechnet wird nach Gewicht: Ungefähr 60 Euro bekommen die Allacher für jede Tonne.

Schon allein deswegen reden die Entsorger und Recycler ja nicht von Müll, sondern von "Sekundärrohstoffen" oder "Recycling-Rohstoffen". Und was dafür noch zu bekommen ist, ist eine Wissenschaft für sich. Die Preise unterscheiden sich nicht nur regional, sondern hängen vor allem von der Qualität des Materials ab - eine komplexe Angelegenheit. Beim Altpapier etwa umfasst die europaweit verbindliche Liste fast 100 verschiedene "Standardsorten", die so spezielle Namen tragen wie "unbenutzte Kraftpapiersäcke", "gebleichter Sulfatkarton, unbedruckt" oder auch "Endlosformulare, holzhaltig".

Oder, ein anderes Beispiel, die Einweg-Pfandflaschen: Werden die im Supermarkt zurückgegeben, können sie dort relativ sortenrein ins Recycling gehen: 400 bis 500 Euro bekomme man da für eine Tonne zu Ballen gepresster PET-Flaschen, sagt Stefan Lang vom Branchen-Nachrichtendienst Euwid. Dann werden sie sortiert, gewaschen, zerkleinert - und kosten schnell noch ein paar Hundert Euro mehr je Tonne. Landet dieselbe PET-Flasche aber in einer gelben Tonne oder in einem Münchner Kunststoff-Container, ist sie viel weniger wert, vielleicht muss der Entsorger sogar draufzahlen, weil sie am Ende verbrannt wird: Denn alle Stoffe auseinanderzusortieren, die in einer solchen Misch-Sammlung landen, ist extrem aufwendig - und lohnt sich nicht immer.

Zahlen und Fakten zum Altpapier

Altpapier zu sammeln ist Aufgabe der Stadt - wie bei allem Müll, der in Privathaushalten anfällt. Das übernimmt der städtische Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM), der dafür an alle Häuser blaue Tonnen verteilt. In diesen kamen im vergangenen Jahr etwa 88 000 Tonnen Altpapier zusammen, das sind gut 57 Kilogramm pro Einwohner. Im Jahr zuvor waren es noch gut 90 000 Tonnen.

Dieser Rückgang folgt einem längerfristigen Trend, wie es beim AWM heißt: Weil in den blauen Tonnen immer mehr Pappen, etwa Versandkartons, landen und zugleich immer weniger Zeitungen und Bücher, steigt das Volumen des Papiermülls, sein Gewicht sinkt zugleich. Auch wenn das die Qualität des Altpapiers senkt: Es ist immer noch besser, Pappen in die blaue Tonne zu werfen als in den Restmüll, wo sie am Ende verbrannt würden. Denn auch Pappen lassen sich recyceln.

Neben dem AWM gibt es in München noch etwa ein halbes Dutzend Organisationen, die ebenfalls Altpapier sammeln - zum Beispiel Vereine. Die benötigen dafür eine (kostenlose) Sondergenehmigung der Stadt, dann dürfen sie das Altpapier respektive den Erlös der Sammlung behalten. Das ist nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz nur für gemeinnützige Zwecke möglich - und in Ausnahmefällen auch für Firmen. Solche gewerblichen Sammlungen gibt es in München aber nur sehr wenige.

Das ist auch der Grund, warum der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) nichts von der immer wieder diskutierten Idee hält, statt vieler verschiedener nur noch eine Tonne für Wertstoffe aller Art einzuführen. Gerade für Altglas oder Altpapier wäre das kontraproduktiv, weil viel weniger wiederverwendet werden könnte, sagt Jörg Lacher vom BVSE.

Und das ist auch der Grund, warum Albert Mayer aus Waldtrudering seine Papiersammlung für die ökologisch sinnvollste Variante hält, zumindest für sinnvoller als die blaue Tonne der Stadt. Jeden ersten Samstag im Monat setzt sich dort, am Ostrand Münchens, ein knappes Dutzend Pfadfinder in Bewegung; mit Kleintransportern und einem alten Traktor sammeln sie Altkleider und vor allem Altpapier ein, das die Waldtruderinger auf die Straße gestellt haben. Das geht - bei gutem Wetter zumindest - relativ rasch.

Länger dauert dann das Sortieren: Die Pfadfinder klauben Kartonagen heraus und alles andere, was nicht hineingehört. "Für vermischtes Papier würde sich so eine Sammlung nicht rentieren", sagt Mayer. Im vergangenen Jahr habe man zwischen 85 und 120 Euro für jede Tonne bekommen. Die Kosten für Benzin und Diesel gehen dann noch weg, aber da bleibt schon etwas übrig für den Pfadfinderstamm Condor Waldtrudering - für neue Zelte, die Gebühren von Gruppenleiterkursen oder auch ein Schulbauprojekt in Burkina Faso, das die Pfadfinder mit den Sammelerlösen unterstützen.

Die Pfadfinder von Waldtrudering.

(Foto: Robert Haas)

Seit fast 50 Jahren gibt es diese Stadtteil-Sammlung schon. Mayer, damals noch ein junger Pfadfinder, war von Anfang an dabei. Bis heute organisiert er die Sammlung. Und ihm geht es, wie er sagt, nicht nur um den finanziellen Erlös, sondern auch darum, bei Jugendlichen ein Bewusstsein für den Wert von Abfall zu schaffen. Über all die Jahrzehnte ist Mayer zu einem Laien-Experten für den Altpapiermarkt geworden. Für die schwankenden Preise, für die Recycling-Möglichkeiten, für den möglichen Ertrag. 40 bis 50 Tonnen bringen die Waldtruderinger Pfadfinder jedes Jahr zusammen, wie Mayer sagt. Viel? "Sehr überschaubar", sagt Mayer. Zumindest verglichen mit den Achtziger- und Neunzigerjahren, bevor die Stadt die blaue Altpapiertonne einführte.

"Das war ein erheblicher Einbruch." Diese Tonne hat einen großen Vorteil: Sie macht das Mülltrennen für jeden leicht, damit wird mehr gesammelt. Der Nachteil: Weil in der Tonne alles Mögliche landet, ist die Qualität des Altpapiers schlechter, es lässt sich vielleicht noch für Kartons verwenden, nicht aber für Papier zum Bedrucken. Und weil auch Sortieren und Reinigen des Papiers Energie kosten, hält Mayer die sogenannte Bündelsammlung, wie sie seine Pfadfinder betreiben, für die beste Lösung: "Je höher die Sortenreinheit, desto ökologischer ist es", sagt er und sieht sich damit im Einklang mit den Entsorgern, die immer wieder anmahnen, die Qualität des Altpapiers hochzuhalten.

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Die ist in den Augen der Branche nämlich gar nicht schlecht: Drei Viertel des in Deutschland hergestellten Papiers sei Recyclingpapier, sagt BVSE-Sprecher Lacher. Diesen Anteil könne man kaum mehr nennenswert steigern, das Sammelsystem funktioniere relativ gut. Bis vor einiger Zeit hat Deutschland Altpapier exportiert, inzwischen wird es importiert, um den Bedarf zu decken. Der Handel mit Abfall ist ein weltweiter Markt: Als China, der weltgrößte Importeur, vor zwei Jahren seine Grenzen für das Altpapier nahezu schloss, sanken in Deutschland sofort die Preise - nicht dramatisch, aber spürbar. Und damit auch die Erlöse für den TSV Allach und die Pfadfinder von Waldtrudering.