Müll Das kann weg!

Hans Rötzer hilft einer älteren Dame beim Entrümpeln.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf den Wertstoffhöfen werfen Menschen nicht nur ihren Müll weg, sondern entsorgen so manches auch sehr symbolisch. Zwölf Beispiele.

Von Pia Ratzesberger (Texte) und Alessandra Schellnegger (Fotos)

Der Trödel

Er entrümpelt schon seit zwei Monaten. Und ist immer noch nicht fertig. Hans Rötzer, 48, hilft gerade einer älteren Dame, ihren Keller leer zu räumen. Der ist 200 Quadratmeter groß und als er zum ersten Mal dort unten war, fand er unter anderem: einen Kohleboiler aus den Dreißigerjahren, vor Jahrzehnten eingewecktes Obst sowie 30 Kilo Kernseife. In solchen Kellern zeigt sich, wie groß die Sammelleidenschaft der Menschen ist, wie schwer es manchmal fällt, sich von Dingen zu trennen. "Du denkst ja immer, dass du das alte Waschbecken vielleicht doch noch einmal brauchen kannst", sagt Rötzer. Manche Dinge, die er in seinem Anhänger dabei hat, würden am Flohmarkt wahrscheinlich als Vintage gelten und recht hohe Preise erzielen, doch sobald Rötzer sie auf den Platz des Wertstoffhofes geladen hat, darf er sie an Interessierte nicht mehr abgeben. Der Sperrmüll gehört von dem Moment an den Abfallwirtschaftsbetrieben - und so gut erhaltene Dinge wie den Picknickkorb geben sie an die Halle 2 weiter. Ihr eigenes Second-Hand-Kaufhaus.

Die Matratze

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Vor neun Jahren hat die Familie ein neues Haus gebaut, die Mutter hatte damals genaue Vorstellungen, wie das auszusehen hat. Ein vorgezogenes Treppenhaus zum Beispiel musste sein, ganz aus Glas - in dem einen das halbe Viertel morgens im Schlafanzug sehen könne, sagt die Tochter Patricia Kirschner, 19. Man hört, dass sie sich darüber nicht immer freut. Man habe dafür einen tollen Blick, entgegnet die Mutter, Doris Kirschner, 53. Die Matratze hat sie sich damals zum neuen Haus gekauft, nach neun Jahren muss jetzt eine neue her. In dem Haus aber plant sie, wohnen zu bleiben - "für immer". Warum eine Situation verändern, wenn sie gut ist. Kirschner hat sich deshalb auch die gleiche Matratze noch einmal geholt, man hat sich aneinander gewöhnt. Die Tochter wohnt mit im Haus, sie macht gerade eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Das Hotel Mama sei nun einmal günstig. Zudem schlafe man dort sehr gut, sagt sie. Auf einer bequemen Matratze.

Das Trampolin

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Axel Springfeld, 61, muss ausziehen. Sein Haus wollen die Enkel des Vermieters jetzt verkaufen, die Immobilienanzeige steht schon im Internet. Er könnte sich auf jahrelange juristische Streitereien einlassen, sagt er, aber am Ende sterbe er wegen all des Stresses noch an einem Herzinfarkt. Darauf habe er keine Lust, und so hat er sich schon eine neue Bleibe gesucht, eine außergewöhnliche. Springfeld, gelernter Flugzeugbauer, wird mit seiner Freundin in einen alten Wasserturm bei Mammendorf ziehen, mit fünf Stockwerken und einem Blick bis zu den Alpen. Dort gibt es viel Platz für all die Dinge, die er in den vergangenen Jahren auf mehr als 100 Quadratmetern angehäuft hat, in seiner kleinen Werkstatt mit Drehbank zum Beispiel. Vieles sortiert er für den Umzug aber aus, viereinhalb Tonnen hat er bisher schon weggeworfen, alleine aus seinem Haushalt. Jetzt kommt noch das Trampolin aus der Physiotherapie-Praxis seiner Freundin dazu, von dem er immer dachte, dass er es noch einmal reparieren werde. Den Vorsatz hat er aufgegeben.

Die Fenster

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sie zieht jetzt weg aus Bayern. In ein altes Haus an der Weinstraße in Rheinland-Pfalz. München sei zu teuer, sagt Doris, 54. Für das Alter stelle sie sich ein anderes Leben vor, zum Beispiel eines inmitten von Weinreben und Pfirsichen, mit Blick auf das Hambacher Schloss. So wie in dem Haus an der Weinstraße eben. Wegen des Umzugs muss sie sich allerdings auch von vielen Dingen trennen, die sie früher einmal auf Reisen gesammelt hat. Ihr Mann neben ihr sagt dazu nur: "Sie hat da so eine bestimmte Eigenart." Wenn Häuser abgerissen werden zum Beispiel hält sie an und fragt nach, ob sie aus dem Schutt ein paar Sachen mitnehmen könne. Die alten, weißen Fenster hat sie bei einem Abriss in Frankreich eingepackt, im Elsass. Nicht um sie Zuhause bei sich wiedereinzubauen, sondern als Menükarten für Abendessen mit Freunden. Sie nehme alles mit, was schön ist oder zumindest wieder schön gemacht werden könne, sagt sie. Der Dachboden sei voll, die Garage auch. Das Haus an der Weinstraße aber ist noch leer. Noch.