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Organisierte Kriminalität:Mafiöse Motorraddiebe schlagen 39 Mal zu

  • Der Lagebericht von Landeskriminalamt, Verfassungsschutz und Justiz zeigt: Organisierte Kriminalität ist in München ein internationales Phänomen.
  • Zum Beispiel flog im Juni 2018 eine ukrainische Mafia-Bande auf, die im großen Stil Motorräder klaute und nach Osteuropa schaffte.
  • Alleine in München schlug sie zwischen Mai und Juni des vergangenen Jahres 39 Mal zu.
  • Der Fall zeigt, wie gut organisiert die meisten kriminellen Gruppierungen arbeiten.

Von Martin Bernstein

Es waren Szenen wie aus einem Mafiafilm: Polizeifahrzeuge einer Spezialeinheit rasen heran, blockieren einen Transporter, dessen Fahrer auszubrechen versucht, dabei zwei Einsatzfahrzeuge rammt und schließlich mit seinem grauen Sprinter in abgestellte Autos und am Ende in eine Haustüre an der Neuhausener Schulstraße kracht. Und tatsächlich ging es um die Mafia - in München. Denn die besteht nicht etwa ausschließlich oder überwiegend aus Schutzgelderpressern und Geldwäschern mit familiären Verbindungen nach Kalabrien, Sizilien oder Neapel.

Organisierte Kriminalität (OK) hat ganz unterschiedliche Erscheinungsformen und sie ist auch in der bayerischen Landeshauptstadt ein internationales Phänomen. Das geht aus dem am Montag veröffentlichten Lagebericht von Landeskriminalamt, Verfassungsschutz und Justiz hervor. So flog im Juni 2018 eine ukrainische Mafia-Bande auf, die im großen Stil Motorräder in München klaute und nach Osteuropa schaffte.

Der Fall zeigt, wie gut organisiert die meisten OK-Gruppierungen arbeiten. Die Bande hatte es vor allem auf "Supersportler" genannte, hoch motorisierte Bikes abgesehen. Alleine in München schlug sie zwischen Mai und Juni des vergangenen Jahres 39 Mal zu. Der Beuteschaden betrug dabei 240 000 Euro. Außerdem knackten die kriminellen Profis Kleintransporter, bevorzugt Mercedes Sprinter. Denn auch das war Teil des ausgeklügelten Plans.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft München I reisten die Bandenmitglieder mit verschiedenen Begleitfahrzeugen, die in der Ukraine oder in osteuropäischen EU-Ländern auf Dritte zugelassen waren, nach München und in andere bayerische Städte. Tagsüber kundschafteten die Verdächtigen öffentlich abgestellte Krafträder und Kleintransporter aus, fotografierten sie mit Mobiltelefonen und speicherten den Standort in einem Navigationsgerät. Dann begann Phase zwei des Plans - die Autoknacker stahlen jeweils zwei Kleintransporter mittels Spezialwerkzeugs und mitgebrachtem Motorsteuergerät. Erst danach wurden in einer dritten Phase die bereits ausgespähten Motorräder geklaut, in die gestohlenen Transporter verladen und sofort nach Osteuropa verbracht. Transitland war in der Regel die Tschechische Republik.

Am 21. Juni setzte eine Spezialeinheit der Münchner Polizei dem kriminellen Treiben von vier Bandenmitgliedern ein Ende. Vorangegangen waren intensive Ermittlungen. Kurz vor Mitternacht nahmen Polizisten an der Schulstraße in Neuhausen die 18, 21 und 50 Jahre alten Männer fest. Bei dem Einsatz kam es zu den dramatischen Szenen. Die Polizei fand insgesamt drei gestohlene Kleintransporter, in einem von diesen standen zwei ebenfalls gestohlene Rennmotorräder. Ein Richter erließ gegen alle vier Männer Haftbefehle. Weitere acht ukrainische Beschuldigte konnten Ermittler in Österreich und Deutschland festnehmen. Ähnliche Taten hatte die Bande nach Einschätzung des Münchner Polizeipräsidiums in mehreren deutschen Großstädten sowie in Österreich verübt.

Die Autoknacker arbeiteten nach Polizeierkenntnissen auf der untersten Ebene einer "hierarchisch gegliederten und arbeitsteilig agierenden Tätergruppierung". Die Handlanger, die beim Verladen der Motorräder halfen, sollen mit ein paar hundert Euro abgespeist worden sein. Die für die Fahrzeugbeschaffung beauftragten Täter wurden laut Lagebild von den in der Ukraine befindlichen Hintermännern instruiert. Die Motorräder und Transporter wurden im osteuropäischen Ausland an Abnehmer übergeben, die für den Weiterverkauf zuständig waren. Das Diebesgut wurde teilweise auch in Einzelteile zerlegt und so wieder in den legalen Wirtschaftskreislauf eingebracht.

Dieser Fall verdeutliche, heißt es im bayerischen OK-Lagebild vom Montag, "dass Tätergruppierungen einen beträchtlichen Aufwand betreiben und Spezialisten einbinden, um ihre Pläne zur Gewinnerzielung umzusetzen". Für die Strafverfolger heißt das, dass auch sie überregional und international eng zusammenarbeiten müssen. Ukrainisch dominierte OK-Gruppierungen treten in Bayern eher selten auf. 2018 gab es in Bayern zwei Ermittlungsverfahren gegen Banden aus dem osteuropäischen Staat. Immerhin stellten sie im Bereich der organisierten Eigentumskriminalität aber 14 Prozent der Tatverdächtigen, also jeden siebten.

© SZ vom 18.12.2019/fema

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