Es war ein ziemliches Gejaule und klang fürchterlich schief, aber voll von ungebrochenem Enthusiasmus. Beim Avantgarde-Festival 2021 beschloss Moritz Eggert, einstiger Festivalmitbegründer, Komponist, Pianist, Präsident des Komponistenverbands und Professor in München, Maurizio Kagels „Exotika“ wieder aufzuführen. Die ursprüngliche Prämisse des Stücks – auf außereuropäischen Instrumenten zu spielen, von denen die Musiker nicht wussten, wie das genau geht – passte Eggert kurzerhand an eine, was Exotismen betrifft, etwas aufgeklärtere Gegenwart an: Jeder der Teilnehmenden, von Eggert selbst bis Salome Kammer, musste ein westliches Instrument spielen, das er oder sie eigentlich überhaupt nicht spielen konnte.
Der Blick richtete sich so auf einen selbst, auf die eigene Privilegiertheit und die eigenen (Un)-Fähigkeiten. Heraus kam eine heitere Umkehrung der Verhältnisse ohne moralische Zeigefinger oder zu große Verkrampftheit.

Genau das ist das große Können des Moritz Eggert, der am 25. November dieses Jahres seinen 60. Geburtstag feierte. Moritz Eggert holt eine Art Anarchie in die Neue Musik zurück, in der man besonders seit der Nachkriegszeit in Deutschland den Ernst der „Ernsten Musik“ oft sehr ernst nimmt. Eggerts Musik lebt, ist schräg, eckt an. Er hat weder Angst vor Dur-Dreiklängen noch vor Noise. Er pointiert so zielsicher wie es sonst nur die Popmusik tut und schafft trotzdem eine unbedingte Tiefe in seiner Musik.
Um die 300 Stücke umfasst sein Werk, darunter 19 Opern, aber auch Kammer- und Orchestermusik, Solostücke. Und er hat ein Faible für Fußball, komponierte für die Eröffnungszeremonie der WM 2006, 2025 zur Frauen-EM wurde sein Fußballoratorium „Der 7. Himmel“ uraufgeführt. Nebenher kommentiert er das zeitgenössische Musikgeschehen in seinem „Bad Blog of Musick“.

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Diese Art, auf die Musik zu schauen, gibt er seit 2010 als Professor quasi in die Zukunft weiter. „Seine Stücke sind anders“, sagt sein Schüler Leon Zmelty. Ganz einfach, ganz treffend. Genau aus diesem Grund habe er sich für den Master in München bei Eggert beworben. „Ich finde, dass eine besondere Stärke seine Musik umgibt … eine Art Grenzenlosigkeit. Er hat immer über Freiheit gesprochen, und das ist auf eine gewisse Weise auch sein ,Legacy‘“, erklärt auch Caio de Azevedo, ebenfalls Schüler von Eggert.
Zu Ehren Eggerts haben seine Studierenden nun ein Konzert für ihn organisiert. „Im Stil Eggerts“ haben sie komponiert, heißt es in der Ankündigung. Dazu gibt es passend zu Eggerts Lust an Grenzüberschreitungen Sport und Spiele und einen Mitmachparcour.
Am auffälligsten ist sein Humor
Der Stil Eggerts? Zum einen die Dramaturgie mehr im Blick haben als die einzelnen Takte oder Noten, sagt Zmelty. Und für Außenstehende? Am auffälligsten ist sein Humor. Eggerts Stücke sind lustig und Eggert auf der Bühne ist es auch, wenn er in Gala-Anzügen und klobigen Schuhen, wahlweise mit Klaviatur- oder Union-Jack-Muster (Punk lässt grüßen) auftritt.
„Humor gibt es viel zu selten in der Neuen Musik“, sagt Zmelty. „Humor macht Musik menschlicher, und damit wird sie etwas, das wirklich zu uns Hörerinnen und Hörern gehört“, sagt Azevedo. Dadurch würde aber die Musik auch in ihren eigenen Strukturen ins Wanken gebracht. „Und die Musik kann wunderbar, gefährlich, albern und farbenfroh sein …, und Moritz macht das großartig“, führt Azevedo weiter.
Moritz Eggert ist radikal, ohne Zweifel. Laut auch. Geht einer künstlerischen Idee lieber bis ins Extrem nach, als sich mit der Distinktion einer Andeutung zufriedenzugeben. Gehässig aber ist er nicht. Er zielt und trifft – sei es das aktuelle Musikgeschehen, die Musikgeschichte oder seine Kunst und sich selbst. Daneben, da muss auch gesagt werden, denn das betonen seine Schüler mit großem Nachdruck, muss er ein unglaublich empathischer, liebevoller und respektvoller Lehrer sein.
Bad Flock of Musick, Studierende von Moritz Eggert feiern dessen 60. Geburtstag, Sonntag, 14. Dezember, 18 Uhr, Schwere Reiter, Dachauer Straße 114a

