Forschung in Moosach:Mehr Wohnungen - und trotzdem genug Grün

Grüne Stadt der Zukunft

Die GWG-Anlage an der Karlingerstraße wird nachverdichtet.

(Foto: Catherina Hess)

Wie klappt Nachverdichtung, ohne dass sich die Stadt weiter aufheizt? TU-Forscher haben das Mikroklima einer 70 Jahre alten Wohnanlage untersucht, die erweitert werden soll - nun mit genauen Vorgaben.

Von Christina Seipel, Moosach

Hinter den hoch gewachsenen Bäumen und den weitläufigen grünen Innenhöfen zwischen den sandfarbenen Häuserblocks an der Nanga-Parbat-Straße ist die vierspurige Dachauer Straße kaum zu erkennen. Doch die grüne Oase mitten in der Großstadt könnte bald verschwinden. Die maroden Gebäude aus den Nachkriegsjahren sollen erneuert werden. Welche Auswirkungen die Nachverdichtung auf das bestehende Grün hat, damit befasst sich Sabrina Erlwein, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Strategie und Management in der Landschaftsentwicklung an der Technischen Universität (TU) München. Im Rahmen des Projekts "Grüne Stadt der Zukunft" hat sie mit weiteren Forschern der TU die Wohnblocks der städtischen Wohnungsgesellschaft München (GWG) im Umfeld der Karlingerstraße unter mikroklimatischen Aspekten untersucht und ist dabei der Frage nachgegangen, welche Klimaleistung die Bäume erbringen.

Das 35 Hektar große Wohngebiet, das die Stadt sanieren will, erstreckt sich von der Baubergerstraße südlich des Moosacher Bahnhofs bis zum Wintrichring im nördlichen Bereich des Westfriedhofs. Im Rahmen des städtebaulichen Planungswettbewerbs solle nun ein Entwurf erarbeitet werden, wie der Bereich gestalterisch und funktional aufgewertet werden könne, erläutert ein Sprecher des Planungsreferats auf Anfrage. Das Ziel: "Im Wettbewerbsgebiet sollen innovative Siedlungen mit Vorbildcharakter entwickelt werden."

Unter der Prämisse, möglichst viel Grün zu erhalten, haben die Forscher der TU verschiedene Varianten der Nachverdichtung untersucht und dabei mögliche Auswirkungen auf die Umwelt skizziert. Eine Blockrandbebauung zum Beispiel, welche die Zeilen zwischen den Häuserblocks schließt, reduziert zwar den Verkehrslärm, verhindert aber auch den Luftaustausch. Außerdem müssten für den zusätzlichen Neubau etliche Bäume weichen. Werden die Häuserblocks nur aufgestockt, müsste weniger Fläche verbaut werden und wertvoller Baumbestand könnte erhalten bleiben, sagt Erlwein. Die Ergebnisse sollen den Stadtplanern künftig als Grundlage dienen und auf weitere Areale in Moosach übertragen werden.

Großbäume zu erhalten ist Sabrina Erlwein ein besonderes Anliegen. Sie dienten nicht nur als Schattenspender, sondern reduzierten auch die gestaute Wärme, glichen Temperaturextreme aus und sorgten für Frischluft in der Stadt. "Bis ein neu gepflanzter Baum die gleiche Klimaleistung hat, vergehen 50 Jahre."

Ein großer Einflussfaktor sei vor allem der Stellplatzschlüssel, weiß die Forscherin. Eine Tiefgarage unter jedem zweiten Innenhof zu errichten, so wie es ursprünglich vorgesehen war, komme nicht in Frage, denn darauf lassen sich keine Großbäume pflanzen. Ökologisch besser geeignet seien sogenannte Quartiergaragen, welche die Parkplätze in einem Haus bündeln.

Grüne Stadt der Zukunft.Bauberger Ecke Gubestrasse

Vorbild ist ein Projekt, das an der Baubergerstraße geplant ist.

(Foto: Catherina Hess)

"Baumschutz ist kein Selbstzweck", sagt Armin Ziegler (SPD). Auch der Vorsitzende des Unterausschusses Bau, Umwelt, Klima und Wirtschaft im Moosacher Bezirksausschuss (BA) weiß um den Spagat zwischen energetisch hochwertigen Neubauten auf der einen und dem Erhalt von Bäumen und Grünflächen auf der anderen Seite. Die Gebäude im Sanierungsgebiet befänden sich "energetisch in einem miserablen Zustand". Viele der Häuserblocks, die aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren stammen, werden immer noch durch eine Gasheizung über die Außenwand versorgt. Auch der latente Parkdruck an der Karlingerstraße ist dem BA bekannt. Die Nanga-Parbat-Wiese wollen die Stadtviertelvertreter jedoch von einer Bebauung freihalten und dort durch die Öffnung des Bodens eine Regenrückhaltemöglichkeit schaffen.

Die Stadtviertelvertreter begrüßen den städtebaulichen Wettbewerb, der Ende Oktober beginnt und bei dem das gesamte Gebiet überplant werden soll. "Wir versprechen uns viele Ideen", sagt Armin Ziegler. Ein "sehr stimmiges Bauprojekt" und ein Beispiel, wie es später einmal auf dem Areal aussehen könnte, sei der Neubau der GWG, der an der Bauberger-/Ecke Gubestraße entsteht. Dort sollen einmal barrierefreie Wohnungen mit einer Tiefgarage unter den Gebäuden und Räumen für Mobilitätsstationen errichtet werden.

Grüne Stadt der Zukunft

Das Projekt "Grüne Stadt der Zukunft", das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, soll Städte dabei unterstützen, ihre langfristigen klimapolitischen Ziele zu erreichen. Am Beispiel der bayerischen Landeshauptstadt entwickelt die TU München seit 2018 Lösungen, wie wachsende Städte mit den Folgen des Klimawandels und den Herausforderungen der Nachverdichtung umgehen sollen. In Zusammenarbeit mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und den Referaten für Stadtplanung und Bauordnung sowie Klima- und Umweltweltschutz haben die Forscher in den letzten drei Jahren unter verschiedenen Aspekten untersucht, wie Quartiere in Städten gestaltet sein müssen, damit sie klimaresilient sind. Fokus der Untersuchung sind die Grün- und Freiflächen, die aufgrund der steigenden Bevölkerungszahlen extrem unter Druck stehen. Die Erkenntnisse sollen Städten und Regionen mit vergleichbaren Herausforderungen als Handlungsempfehlungen zur Verfügung gestellt und stadtplanerisch umgesetzt werden. csp

Ein neues Mobilitätskonzept ist auch ganz im Sinne der Stadtplaner und der Forscher der TU. Gemeinsam haben sie Handlungsempfehlungen formuliert und Kriterien erarbeitet, die im städtebaulichen Nachverdichtungswettbewerb berücksichtigt werden sollen. Wichtige Planungsziele sind etwa, den alten Baumbestand und relevante Kaltluftschneisen in dem Wohngebiet in Moosach zu erhalten. Versiegelte und unterbaute Flächen sollen auf ein Minimum reduziert werden. Baumalleen, begrünte Dachflächen, die für regenerative Energie sorgen, und Regengärten mit Mulden, die Wasser speichern - so könnte nach Sabrina Erlwein die grüne Stadt der Zukunft einmal aussehen. Die Ergebnisse der Forschungsstudie werden am Dienstag, 14. September, vorgestellt.

© SZ vom 25.08.2021/vewo
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