Noch eine Tagesbar? Noch eine Tagesbar! Und was für eine. Nahe der alten Messehalle und mitten im neuen, durchaus attraktiven Viertel auf der Schwanthalerhöhe hat im vergangenen Frühjahr das Mokum eröffnet – und ist schon eine Bereicherung des Quartiers wie seiner Gastroszene. Jetzt, im Winter, lockt am frühen Abend das warme Licht aus den hohen Fenstern, die Bar ist gemütlich, dezent beleuchtet und hat nur wenige Tische. Peffekoven empfiehlt daher eine zeitige Reservierung, denn das Mokum hat sich bereits eine treue Kundschaft erkocht.
Wirklich Spaß macht die Begeisterung des jungen Teams. Das Betreibertrio, Julia Kolbeck, Florian Rottensteiner und Tim Meier, ist noch jung, aber schon erfahren in der gehobenen Münchner Gastronomie. Die zwei Köche arbeiteten im Gault-Millau-bemützten Werneckhof, Julia Kolbeck sorgte dafür, dass zu den Drei-Sterne-Gerichten bei JAN, Jan Hartwigs Restaurant in der Luisenstraße, der höheren Ansprüchen angemessene Wein gereicht wurde. Das Mokum ist ihr erstes eigenes Lokal, eher vom Charakter einer behaglichen Weinbar als eines Speiselokals, einer Bar freilich, in der man ausgezeichnet essen kann.
Peffekovens Runde eröffnete den Abend erwartungsfroh mit einem kleinen Glas feinperligem Champagner (Karthäuserhof Brut, 15 Euro für 0,1 Liter) und den Austern nach Art des Hauses (6 Euro pro Stück, sechs Stück für 30 Euro): Sie sind fest und fleischig und schwimmen in einem dezenten Zitrone-Jus, ein Gedicht. Das Mokum bezieht die Austern vom Traditionsunternehmen Hervé nahe von Bordeaux, und sie tragen nach Dafürhalten der Testrunde ihren Namen Royale zu Recht.
Peffekovens Runde empfand die Forelle nach Matjes Art als kulinarisches Highlight des Abends, sie war auch eine optische Freude: Das marmorierte Frühlingsgrün der Soße, raffiniert angemischt aus Dill, Apfelsalat und Buttermilch, bot einen reizvollen Kontrast zum rosigen Fisch (21 Euro). Wer möchte und die Euro-Noten locker sitzen hat, kann das Gericht noch um zehn Gramm hauchzarten Umai-Kaviar erweitern (plus 25 Euro).

Naturgemäß kräftiger war das Rindertatar, pfeffrig und leicht zwiebelig, angereichert mit Miso-Sauce (21 Euro). Hierzu empfiehlt sich das saftige, leicht angewärmte und selbst gebackene Roggen-Weizen-Sauerteig-Brot mit Salzbutter. Laut Karte kostet es fünf Euro, wurde aber freundlicherweise nicht berechnet und auch großzügig nachgereicht. Für Vegetarier gab es zarten Lauch mit weißen Bohnen und Sesam (14 Euro).
Im guten Sinne sehr à la parisienne erschien die Pâté en Croûte (19 Euro), eine klassische Pastete aus Schweinefleisch, Entenleber und Pflaumen – ein herzhaftes Gericht zum Wein, das als Hauptspeise vollkommen genügt. „Wie bei einem Picknick auf dem französischen Land“, merkte eine Begleiterin Peffekovens an. Bemerkenswert gelungen fanden die Tester die Soße dazu, dunkelrot, eine feine Mischung aus Senf, Preiselbeeren und Sauerkirschen. Garniert wurde das Ganze von zwei Bonsai-kleinen Cornichons und einer ebensolchen Gemüsezwiebel – das könnte man etwas großherziger handhaben. Was auf der Speisekarte ganz fehlte, war Salat, was nicht jedem gefallen dürfte.
Im Mokum begleitet nicht der Wein das Essen, sondern das Essen den Wein
Aber derlei erscheint als lässliche kleine Sünde. Im Mokum begleitet nicht der Wein das Essen, sondern das Essen den Wein. Die Speisekarte ist recht klein, das Weinangebot überwältigend. Es lockt mit Dutzenden Flaschen, der Schwerpunkt liegt auf gehobenen deutschen und französischen Weingütern, etwa Wittmann aus Rheinhessen (eine Flasche Riesling Morstein 2020 für 150 Euro). Wer in olympische Genüsse einsteigen will, könnte einen roten 2014er-Château Margaux aus Bordeaux bestellen, dies allerdings für 800 Euro, was Peffekoven jedoch aus grundsätzlichen Erwägungen unterließ. Und keine Sorge: Sehr gute Weine gibt es im Mokum ab 40 Euro die Flasche (Weißburgunder Seehalde 2022, vom Winzerhof Gierer am Bayerischen Bodensee).

Interessant ist auch der Umgang mit offenen Weinen. Zu den Gerichten bietet das Mokum jeweils passende Trauben an – zur Forelle etwa 0,1 Liter trocken-erdigen Riesling Porphyr vom Weingut Wagner-Stempel aus Rheinhessen (9 Euro). Faustregel: Die offenen Weine wechseln, sie sind nicht alle eigens auf der Karte angegeben – also am besten Sommelière Julia Kolbeck ansprechen, die gern und sehr kompetent Auskunft gibt. Dasselbe gilt beim Essen für ihre beiden Kollegen, und wem es schwerfällt (wie Peffekoven), sich die vielen Details zu merken – einfach noch einmal nachfragen. „Tageswein“ war bei einem Besuch ein sehr würdiger Silvaner, kräftig und knochentrocken, eine ganz alte Rebe vom Weingut Kraemer aus Franken (0,1 Liter für 9 Euro).
Peffekovens Bilanz: Das Mokum bietet ausgezeichnete Küche und eine Vielzahl liebevoll ausgewählter und exzellenter Weine, dazu einen kompetenten und wirklich sympathischen Service. Das alles hat seinen Preis, ein günstiges Vergnügen ist ein Besuch hier nicht.
Überdenken sollten die drei Betreiber vielleicht die Slot-Planung, wie sie leider neuerdings in München Einzug hält. Jedes Verständnis, ein kleines Tagesbistro muss leben, und das wird schwer, wenn sich zwei Verliebte über Stunden bei ein, zwei Gläsern Wein und dem billigsten Gericht (einem Käsetoast mit Pickles für 12 Euro, mit Südtiroler Speck 15) aufhalten und sich ansonsten tief in die Augen sehen. Aber Slots von einer Stunde, die auf der Homepage mitunter für Lücken bei den Reservierungen angeboten werden statt der üblichen zwei, wirken nicht so gastfreundlich. Immerhin wirbt das Mokum damit, es sei „home away from home“. Aber zu Hause wird man nicht nach einer Stunde vom Sofa gescheucht.
Dennoch: Peffekoven wird gern zurückkommen, warme Empfehlung!
Bistro Mokum, Alter Messeplatz 6, 80339 München. Telefon: nicht angegeben, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag: 12 –20 Uhr, hello@mokum-munich.de
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

