Münchner Modepreis:"Upcycling hat sein staubiges Image verloren"

Münchner Modepreis: Vier von acht Entwürfen, die im Schaufenster der Donisl-Passage präsentiert werden.

Vier von acht Entwürfen, die im Schaufenster der Donisl-Passage präsentiert werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Arbeiten der nominierten Designerinnen sind derzeit in der Donisl-Passage zu sehen. Bei der Auszeichnung geht es um mehr als nur ums Preisgeld.

Von Franziska Gerlach

Noch vor einigen Jahren hätte sich mancher vermutlich lieber auf die Zunge gebissen, als Mode und Upcycling in einem Atemzug zu nennen. Es klang einfach zu sehr nach basteln. Der Begriff beschreibt den kreativen Prozess, bei dem ausgediente Stoffe und Materialien einem neuen Dasein zugeführt werden. Aus alten Jeans wird dann ein Federmäppchen, ein ausgedientes Handtuch gibt umgenäht noch einen prima Turnbeutel ab. Doch nun ist Katharina Schumachers Upcycling-Outfit "Gaia" im Schaufenster der Donisl-Passage zu sehen. Und der Steppmantel, den die Modedesignerin aus einer alten Tagesdecke gefertigt hat, kommt nicht nur stylisch daher, er schont auch die Ressourcen. "Ohne Nachhaltigkeit geht es heutzutage nicht mehr", sagt die 27-Jährige.

Gemeinsam mit sieben anderen Modeschulabsolventinnen ist Schumacher für den Modepreis nominiert, den die Stadt in diesem Jahr nun zum vierten Mal vergibt. Alle zwei Jahre findet der Wettbewerb statt. Die Deutsche Meisterschule für Mode sowie die Akademie Mode & Design (AMD) haben jeweils vier Absolventinnen vorgeschlagen. Eine Fachjury wird die Abschlusskollektionen begutachten. Beim Publikumspreis können die Münchner bis zum 6. März unter www.muenchen.de/modepreis-voting für ihren Favoriten stimmen.

Münchner Modepreis: Katharina Schumacher und ihr Upcycling-Outfit "Gaia".

Katharina Schumacher und ihr Upcycling-Outfit "Gaia".

(Foto: Stephan Rumpf)

Im "kleinen Rahmen" wird Katrin Habenschaden (Grüne), Münchens Zweite Bürgermeisterin, am 9. März den mit 10 000 Euro dotierten Preis übergeben (Platz 2: 7000 Euro, Platz 3: 3000 Euro, Publikumspreis: 2000 Euro). Die Modenschau muss dieses Mal coronabedingt ausfallen. Die Stadt hat das Thema Upcycling vorgegeben: Für den Publikumspreis waren die jungen Designerinnen angehalten, aus Reststoffen oder Altkleidern ein Outfit zu erstellen.

Katharina Schumacher hat zu ihrem Mantel eine kakifarbene Hose mit spektakulärem Schlitz im weiten Bein gefertigt. Andrea Reiter verarbeitete die ausgediente Bettwäsche eines Krankenhauses sowie einen Vorhang zu einem avantgardistisch anmutenden Herrenoutfit. Dabei habe sie darauf geachtet, dass sich die verwendeten Materialien später wieder dem Kreislauf der Textilien zuführen lassen. Synthetische Klebeeinlagen? Bitte nicht. Carolina Viviana Wolf wiederum hat aus dem festen Polster einer Ledercouch vom Sperrmüll eine Jacke genäht. "Acht, neun Nadeln sind an meiner Maschine kaputt gegangen", erzählt die 25-Jährige am Telefon. Sie liebt Leder, möchte aber möglichst auf bereits vorhandenes Material zurückgreifen. Da kam ihr die alte Couch gerade recht.

"Upcycling hat sein staubiges Image verloren", sagt Mirjam Smend, die Gründerin der Kommunikationsplattform Greenstyle Munich. Es gebe mittlerweile spannende Labels und Verkaufsplattformen, die ausschließlich Upcycling-Mode führten. Smend sitzt 2022 zum ersten Mal in der Jury des Modepreises, neben Adrian Runhof und Johnny Talbot vom Münchner Designer-Duo Talbot Runhof, Andrea Karg vom Münchner Kaschmirlabel Allude, Christian Beck, Kreativdirektor der Firma Aigner, Annette Roeckl von Roeckl Handschuhe & Accessoires sowie die Modedesignerin Doris Hartwich. "Zukunftsfähigkeit, innovative Schnittführung und Materialität" seien die Kriterien, nach denen die Kollektionen der Modeschulabsolventinnen bewertet würden, sagt Smend. Und dass sie es wichtig finde, junge Designer bei ihrem Start ins Berufsleben zu unterstützen.

Münchner Modepreis: Andrea Reiter verarbeitete die ausgediente Bettwäsche eines Krankenhauses und einen Vorhang zu einem Herrenoutfit.

Andrea Reiter verarbeitete die ausgediente Bettwäsche eines Krankenhauses und einen Vorhang zu einem Herrenoutfit.

(Foto: Stephan Rumpf)

Man könnte auch sagen: Denjenigen unter die Arme zu greifen, die den Mumm haben, sich überhaupt noch heranzutrauen an die Mode - in einem Land, das in den vergangenen Jahren die Pleiten einst strahlender Marken wie Strenesse oder René Lezard hinnehmen musste. Und in einem Land, das zwar mächtig stolz ist auf seine Ingenieure, wo Mode in der Vorstellung vieler aber einfach nur Kleidung ist.

Als München den Modepreis 2016 das erste Mal auslobte, sollte das den jungen Kreativen auch zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Das führte zu Vergleichen mit dem legendären Modepreis der Münchner Modewoche, die zu ihren besten Zeiten in den Achtzigerjahren nicht nur zweimal pro Jahr Zigtausende Besucher anlockte, sondern auch Stardesigner wie Gianfranco Ferré und Topmodels wie Iman. München hielt etwas auf sich als Modestadt, duellierte sich selbstbewusst mit der Messe in Düsseldorf. Doch dieser Glamour ist verflogen. Trends werden längst woanders gesetzt.

Wer will es den jungen Designern da verübeln, wenn sie nach ihrem Abschluss zunächst in anderen Städten Erfahrungen sammeln, die neben Inspiration auch ein Quäntchen Verrücktheit bieten? Insofern ist der Münchner Modewettbewerb auch ein Versuch, den eigenen Nachwuchs in der Stadt zu halten - das war bei den Preisverleihungen der vergangenen Jahre immer wieder zu hören.

Carolina Viviana Wolf hat 2020 ihren Bachelor in Modedesign gemacht, mittlerweile arbeitet sie für das niederländische Label "Daily Paper" in Amsterdam. Dort ist sie in der Produktentwicklung tätig, kümmert sich um die Realisierung der Entwürfe. Ihr Traum aber sei ein eigenes Label. Auch Andrea Reiter arbeitet bereits. Die 25-Jährige ist Produktentwicklerin bei "United Fashion Service" in Seefeld. Sie fühle sich wohl in dem Job, sagt sie. Katharina Schumacher liebäugelt mit einem Master - und ist offen für andere Studienorte. München aber sei ihr Zuhause, sagt sie. "Es wird mich immer wieder hierhin zurückziehen."

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