Münchner Mode-Label:Aufklärung per T-Shirt

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Münchner Mode-Label: "Man trägt so ein T-Shirt auf eine andere Weise", sagt Lili Schleebach. Man repräsentiert etwas, Feminismus oder Internationalität zum Beispiel. Sie und Benedikt Korkmaz wollen mit ihren T-Shirts Dialoge anregen.

"Man trägt so ein T-Shirt auf eine andere Weise", sagt Lili Schleebach. Man repräsentiert etwas, Feminismus oder Internationalität zum Beispiel. Sie und Benedikt Korkmaz wollen mit ihren T-Shirts Dialoge anregen.

(Foto: Vivian Becker)

Lili Schleebach und Benedikt Korkmaz haben ein Mode-Label gegründet. Mit ihren Shirts wollen sie unter die Leute bringen, was vielerorts noch nicht angekommen ist: das Bewusstsein für Themen wie Feminismus und Nachhaltigkeit.

Von Sabrina Ahm

Das T-Shirt, das Lili Schleebach, 24, trägt, ist schlicht. Komplett weiß, ein gekritzelter Kreis, darin die einfache, aber klare Botschaft: "Einfach Mensch." Das lässt Raum für Vermutungen: Soll das ein Aufruf sein, einfach nur Mensch zu sein. Oder soll man jedes Individuum - egal welchen Geschlechts und egal welcher Herkunft - einfach nur als Mensch betrachten. "Einfach Mensch" ist das Projekt von Lili Schleebach und Benedikt Korkmaz, 27. Sie wollen mit ihren T-Shirts offene Dialoge anregen. Nicht verurteilen, sondern aufklären. Und mit jedem verkauften Shirt auch noch etwas Gutes tun. Das ist der Grundgedanke von ihrem Mode-Label.

"Es ist wichtig, über Themen zu reden, ohne eine andere Person zu verurteilen, weil sie das nicht kann", sagt Lili. Sie vertritt den Themenbereich Feminismus innerhalb des Projektes. Sie trägt einen silberner Anhänger mit den Buchstaben "GRL PWR", also "Girl Power". Lili lacht oft zwischen ihren Sätzen. Ihre Sprache ist präzise und überlegt. Für Feminismus und Gleichberechtigung setzt sie sich schon sehr lange ein, mit ihrer rebellischen Art sei sie bereits in der Kindheit oft angeeckt, sagt sie: "Ich habe einfach in der Schule angefangen zu bemerken, dass Jungs und Mädchen anders behandelt werden. Und das fand ich scheiße." Mit ihrer Haltung sei sie oft in Diskussionen mit ihren Lehrern geraten. Aber geändert hat sie sich dadurch nicht. "Ich glaube, dass es ganz viele Themen gibt, die man ansprechen muss und immer wieder ansprechen muss, bis das Bewusstsein dafür da ist", sagt Lili.

Und genau an diesem Punkt will sie mit ihrem Mode-Label "Einfach Mensch" ansetzen. Mit ihren T-Shirts werden in ihren Augen wichtige Themen sichtbar gemacht, gleichzeitig soll ein einfacher Gesprächseinstieg ermöglicht werden. Etwa beim Thema Feminismus. Ein schwarzes Shirt, auf Brusthöhe ist ein Symbol zu sehen, das weiblich, männlich und alle anderen Geschlechter vereint. Auf der Rückseite steht eine Definition von Feminismus: "gleiche Rechte, gleiche Chancen, gleiche Wertschätzung. Unabhängig von Geschlecht, Ethnizität, Religion, Alter, Klasse, sexueller Identität oder sozioökonomischen Status."

Lilis Mitbewohner hat sich ein solches T-Shirt gekauft - und wurde, wie Lili erzählt, sofort darauf angesprochen. Er habe so seinen Gesprächspartner ohne belehrende Absicht in einen Dialog über Feminismus bringen können, sagt Lili: "Man trägt so ein T-Shirt auf eine andere Weise." Es gehe darum zu wissen, dass der- oder diejenige, die das Shirt trägt, auch etwas repräsentiere - in diesem Fall einen Themenbereich wie Feminismus, Queerness, Nachhaltigkeit oder Internationalität und dessen zugehörigen Verein.

Münchner Mode-Label: "Dieser Drang, etwas zu machen, liegt darin, dass wir sehen, wie aussichtslos es sonst ist", sagt Lili. Das liege auch daran, dass die Informationsflut noch nie so groß war wie heute.

"Dieser Drang, etwas zu machen, liegt darin, dass wir sehen, wie aussichtslos es sonst ist", sagt Lili. Das liege auch daran, dass die Informationsflut noch nie so groß war wie heute.

(Foto: Vivian Becker)

Während Lili den Themenbereich Feminismus vertritt, steht Benedikt für Internationalität ein. Gemeint sind hiermit alle Themen rund um Migration, Integration und Rassismus. Benedikt selbst hat Migrationshintergrund, sein Vater stammt aus der Türkei. Obwohl sich der Umgang mit Migranten auch in Deutschland deutlich verbessert habe, sagt Benedikt, sei es weiterhin schwer, sich zu integrieren. Benedikt ist groß, seine Haare sind schwarz und er trägt einen Vollbart. Er selbst habe sich nie als Kind mit Migrationshintergrund wahrgenommen, wird aber bis heute immer wieder auf seine Herkunft angesprochen. Wenn er sage, er komme aus Deutschland, werde er immer wieder gefragt, woher er wirklich komme.

Auf Benedikts T-Shirt sind schemenhaft zwei Gesichter zu sehen, die in einer Linie miteinander verbunden sind. Für den Gründer hat das Bild eine große Symbolkraft. "Man wächst so mit zwei Gesichtern auf, und es gibt nur ganz wenige Leute, die sich in diese Lage hinein versetzen könnten", sagt Benedikt. Wohin er gehört, hat er lange Zeit nicht richtig verstanden. "In Deutschland war ich nicht so richtig der Deutsche. Und in der Türkei war ich kein Türke", sagt Benedikt.

In seinem Themenbereich arbeitet er mit dem gemeinnützigen Verein "Integreater" zusammen, der das Ziel verfolgt, die gesellschaftliche Vielfalt in Deutschland zu stärken. Der Verein unterstütze Menschen wie ihn, die Schwierigkeiten haben, sich vollständig zu Hause zu fühlen, sagt Benedikt. Obwohl Benedikt zweisprachig erzogen wurde, spricht er heute kein Türkisch mehr. "Im Kindergarten fanden viele Kinder das super komisch, dass ich Türkisch reden kann", sagt Benedikt. Weil ihm das damals sehr oft gesagt wurde, habe er es sein lassen - und das nicht nur im Kindergarten, auch mit seiner Familie habe er die Sprache nicht mehr sprechen wollen. Und so seien seine Sprachkenntnisse verloren gegangen. Für Benedikt kein Problem. "Ich bin halt Europäer und ich gehöre hier einer großen Gemeinschaft an", sagt er.

Lili und Benedikt haben einfach das Bedürfnis, irgendetwas zu tun und einen, wenn auch kleinen, Beitrag zu leisten. "Dieser Drang, etwas zu machen, liegt darin, dass wir sehen, wie aussichtslos es sonst ist", sagt Lili. Das liege auch daran, dass die Informationsflut noch nie so groß war wie heute. Und bei allem, was passiere, dränge sich das Gefühl von Ohnmacht auf. Gemeinsam haben sie sich überlegt, wie man trotzdem etwas unternehmen kann. Und dabei kamen sie auf Klamotten als Statement. Auch, weil sie damit Fragen aufwerfen können. Fragen, die der Einstieg zu einem Gespräch sein können.

Das Unternehmen gibt es noch nicht einmal ein halbes Jahr. Die T-Shirts lagern und versenden sie von Lilis WG-Zimmer aus. "Wir sind viel zu klein, um zu sagen' wir verändern die Welt. Aber wenn ich es schaffe, eine einzige Person zu erreichen, die sich dann in einem dieser Vereine engagiert, dann bedeutet das für diesen Verein so viel. Dann war es schon erfolgreich, was wir machen", sagt Lili.

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