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München:Mit Rücksicht auf die Geschichte

An der Orleansstraße steht noch heute der Zaun, an dem Sophie Scholl Abschied nahm von ihrem Bruder Hans und von Christoph Probst. Die Investoren, die entlang der Gleise ein Bauprojekt planen, zeigen sich dafür aufgeschlossen, dort einen Gedenkort einzurichten

Noch ist das Grundstück an der Orleansstraße ein Überbleibsel aus fast schon vergangener Zeit. Aus jener Ära, als sich für die Flächen entlang von Bahngleisen - wie zwischen der Postfiliale am Ostbahnhof und dem Haidenauplatz - eher Gebrauchtwagenhändler und Autovermietungen interessierten. Heute dagegen ist es verlockend, einen solchen Grund nicht mit Autos vollzustellen, sondern mit neuen Wohnungen und Gewerbe zu bebauen - nicht zuletzt ob der finanziellen Aussichten. Der Orleanshöfe GmbH gehört das etwa 500 Meter lange Stück entlang der Bahngleise, ein städtebaulicher Wettbewerb soll für das Grundstück in den kommenden Monaten ausgelobt werden. Zumindest ein erster "Testentwurf" der Eigentümerin deutet nun an, wie es dort künftig aussehen könnte. Kritisiert werden die Pläne nicht, doch vor allem beim Thema Verkehr haben die Stadtteilpolitiker aus Au-Haidhausen Anmerkungen. Und sie erkennen die Möglichkeit, im Zuge der Bebauung auch den Haidenauplatz neu zu gestalten. Dafür soll die Stadt im Umfeld des Platzes gegebenenfalls neue Flächen kaufen.

Das Areal, eingerahmt von Orleansstraße, Haidenauplatz, Bahngleisen und Post-Gebäude befindet sich in Planungen für eine Neubebauung. München, 28.02.2019

Dem Areal zwischen Ostbahnhof und Haidenauplatz sieht man nicht an, dass es sich um einen geschichtsträchtigen Ort handelt.

(Foto: Jan A. Staiger)

Die Zukunft des Geländes entlang der Orleansstraße wurde bereits im vergangenem Jahr intensiv diskutiert, als die Pläne für eine mögliche Bebauung bekannt wurden. Denn an der Orleansstraße entstanden am 23. Juli 1942 Fotos von historischem Wert. Der Medizinstudent Jürgen Wittenstein fotografierte, als Sophie Scholl Abschied nahm von ihrem Bruder Hans Scholl und dem gemeinsamen Freund Christoph Probst, die zur Ostfront mussten. Diese Fotos sind inzwischen "ikonografisch für die Weiße Rose geworden", wie Hildegard Kronawitter sagt, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung. Noch heute verläuft der damalige Zaun, an den sich Sophie Scholl auf einem der Bilder lehnte, entlang der Orleansstraße. Mit Bekanntwerden der Neubaupläne kam die Frage auf, ob es künftig wieder einen Gedenkort an der Stelle geben wird. Bis zum Sommer 2017 hing an dieser Stelle bereits eine Gedenktafel, die allerdings wegen Witterungsschäden abgebaut werden musste.

Der Erinnerungsort soll erhalten bleiben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Thomas Schmid von der GVG Grundstücksverwaltungs- und -verwertungsgesellschaft, die bei der Entwicklung des Gebiets die Orleanshöfe GmbH vertritt, sichert bei dem Thema erneut Kooperation zu. "Was genau passieren soll, ist allerdings durch die fachlich qualifizierten Stellen vorzuschlagen", sagt Schmid. Auch im Wettbewerbsverfahren werde auf die "Besonderheit dieser baulichen Anlage und auf einen angemessenen Umgang damit" hingewiesen, teilt das Planungsreferat mit. Das Stadtmuseum hat bereits zugesagt, zwei Teile des Zauns bei sich einzulagern, während die Bagger zugange sind. Das eine Stück für einen möglichen Gedenkort an der Orleansstraße, das zweite für eine Präsentation im eigenen Haus.

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An Sophie Scholl, ihren Bruder Hans und die "Weiße Rose" erinnerte bis vor Kurzem eine Gedenktafel.

(Foto: AFP)

Mit dem nun im Unterausschuss Planung des Haidhauser Bezirksausschusses vorgestellten Testentwurf lässt sich zumindest grob abschätzen, wie es zwischen der Post am Orleansplatz und dem Haidenauplatz künftig aussehen könnte.

Die Kennzahlen lassen in etwa die spiegelbildliche Entsprechung des Hotelbaus an der Orleansstraße 87 erwarten. Denn der Entwurf sieht entlang der Straße sechsstöckige, zu den Bahngleisen hin achtstöckige Gebäude vor. Etwa 450 Wohnungen, dazu genauso viel Fläche für Gewerbe könnten laut Schmid dabei entstehen. Im Erdgeschoss der Wohnhäuser sind "teilweise kleinteilige Einzelhandelsflächen angedacht". Für das Gebiet sei "die langfristige Bestandshaltung und Vermietung der künftigen Gebäude" geplant, sagt Schmid. Eigentumswohnungen sollen nicht gebaut werden. Etwa auf Höhe des heutigen Hotels am Haidenauplatz sei direkt gegenüber eine "optionale Hotelnutzung" möglich, erläutert Schmid. Eine Idee allerdings, die bei den Haidhauser Lokalpolitikern auf wenig Gegenliebe stößt. Sie regen an, wenn "irgend möglich", auf ein Hotel an dieser Stelle zu verzichten.

Ein Konzept zum Verkehr ist für die Bebauung zwar nicht vorgesehen - das sei aufgrund der geringen Größe des Projekts nicht nötig, heißt es beim Planungsreferat; doch die Bebauung wird auch Änderungen beim Verkehr mit sich bringen. So ist momentan vorgesehen, entlang der Orleansstraße einen Zweirichtungsradweg anzulegen und auf Höhe der Spicherenstraße eine Fußgängerquerung über die Orleansstraße einzurichten. Ob die mit einem Zebrastreifen oder einer Ampel geregelt wird, ist noch offen.

Da haben die Stadtteilvertreter zumindest schon eine konkretere Vorstellung. Einstimmig verabschiedeten sie einen Antrag der Grünen, der unter anderem auf Höhe der Spicherenstraße eine Ampel fordert. Außerdem soll die Stadt, so die Forderung im Antrag, am Haidenauplatz "Flächen erwerben, um Radwege und Haltestelle zu verbessern". Das solle noch vor Auslobung des städtebaulichen Wettbewerbs geschehen. Darüber hinaus heißt es weiter, dass die Auswirkungen auf die verkehrsberuhigten Straßen in der Nähe berücksichtigt werden sollen, beispielsweise sei die Spicheren- und Kirchenstraße zu betrachten. Auch ein einstimmig verabschiedeter SPD-Antrag richtet sich auf das Thema Verkehr. Die Planung solle einen "Radweg zwischen Bebauung und Bahnanlagen" vorsehen. Ein solcher Radweg ermögliche es den Radlern, "eine längere Strecke störungsfrei, das heißt vor allem kreuzungsfrei, zurückzulegen". Weil am Haidenauplatz auch für die zweite Stammstrecke gebaut werden soll - dort kommt die S-Bahn-Röhre wieder an die Oberfläche -, plant die GVG, das Projekt der Orleanshöfe schrittweise umzusetzen. Noch in diesem Jahr steht der städtebauliche Wettbewerb an, danach ist der entsprechende Stadtratsbeschluss erforderlich. Derzeit rechnet Schmid mit einer "stufenweisen Realisierung zwischen 2023 und 2028".