Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche:Kardinal Wetter entschuldigt sich, bestreitet aber Umfang seines Fehlverhaltens

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Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche: Kardinal Friedrich Wetter bei einem Gottesdienst im Jahr 2008.

Kardinal Friedrich Wetter bei einem Gottesdienst im Jahr 2008.

(Foto: Frank Mächler/dpa)

In einer persönlichen Erklärung räumt der ehemalige Münchner Erzbischof ein, im Fall eines pädophilen Pfarrers "ohne Zweifel objektiv falsch" gehandelt zu haben. Für zahlreiche andere Fälle weist er den Vorwurf zurück.

Von Bernd Kastner, Nicolas Richter und Annette Zoch, München

Die entscheidenden Sätze finden sich ganz am Ende seiner mehrseitigen Erklärung: Durch Theologie und Kirchenrecht seien in der katholischen Kirche die Vollmachten fast nur auf den Ortsbischof konzentriert, schreibt Kardinal Friedrich Wetter, der ehemalige Erzbischof von München und Freising. "Dem entspricht eine undelegierbare persönliche Verantwortung." Für seinen "unzureichenden Umgang im Fall H., aber auch mit anderen Anzeigen und Missbrauchsfällen in meiner Amtszeit muss ich deshalb auch persönlich Verantwortung übernehmen und bitte um Entschuldigung".

Der 93-jährige Wetter räumt in seiner am Dienstag veröffentlichten Erklärung zum Münchner Missbrauchsgutachten ein, sich vor dem Jahr 2010 nicht ausreichend eingehend mit den zerstörerischen Folgen von Missbrauchstaten für Kinder und Jugendliche auseinandergesetzt zu haben. Das mache für ihn persönlich sein Verhalten als Amtsträger zwar verständlicher, könne es aber nicht rechtfertigen. Denn hätte er anders entschieden, hätte es nicht zu weiteren Missbräuchen kommen können.

Wetter entschuldigt sich ausdrücklich für seine "falsche Entscheidung" im Fall des pädophilen Priesters Peter H. Dieser hätte nicht mehr in der Seelsorge eingesetzt werden dürfen. Dass er seiner Verantwortung im Umgang mit dem Fall H. nicht "in dem notwendigen Maße gerecht" geworden sei, erfülle ihn "mit Scham und Trauer".

Der Fall H. ist ein besonders schwerwiegender, der in die Amtszeit von gleich drei Erzbischöfen fällt. Unter Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., wurde H. aus Essen in die Erzdiözese München und Freising übernommen. Benedikt XVI. bestreitet, von der pädophilen Vorgeschichte des Priesters Kenntnis gehabt zu haben. Unter Wetter wurde H. nach weiteren Übergriffen und einer strafrechtlichen Verurteilung dennoch versetzt und weiter in der Seelsorge beschäftigt. Unter Marx wurde H. noch 2008 in die Tourismusseelsorge nach Bad Tölz versetzt und erst 2010 schließlich ganz aus dem Dienst entfernt. Heute lebt H. unter strengen Auflagen wieder in seinem Heimatbistum Essen.

Ein Rückfall? "Warum hat mir das niemand gesagt", fragt Wetter

Die Gutachter der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) hatten den Verdacht geäußert, dass Wetter trotz Kenntnis um die pädophile Störung Hs. "keine zielführenden Maßnahmen ergriffen hat, um weitere Übergriffe ... soweit möglich zu verhindern". Außerdem soll Wetter - wie es im Mai 2016 im Strafdekret von Offizial Lorenz Wolf bestätigt wurde - kein innerkirchliches Strafverfahren veranlasst haben, obwohl ein staatliches Gericht H. im Jahr 1986 wegen des mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen verurteilt hatte.

Wetter erklärte, er sei mit dem Fall H. nach seiner Erinnerung zum ersten Mal in Berührung gekommen, "als es darum ging, ob er nach seiner Verfehlung noch einmal in der Seelsorge eingesetzt werden könne. Die Entscheidung, die ich nach intensiver Beratung in der Ordinariatssitzung getroffen habe, ihn unter strenger Aufsicht nach Garching/Alz zu schicken, war ohne Zweifel objektiv falsch", schreibt der frühere Erzbischof heute.

"Auch im Rückblick verstehe ich noch nicht, wie wenig bzw. nichts über die Missbrauchsvorgänge bekannt war oder mitgeteilt wurde: Ich hatte strenge Überwachung von H. in Garching angeordnet und mich auch selbst immer wieder erkundigt. Damit sollte sichergestellt werden, dass sich H. an keinem Kind und Jugendlichen vergreift. Da hörte ich nur positive Urteile." Erst durch die jüngsten Untersuchungen habe er erfahren, dass H. rückfällig geworden sei. "Warum hat mir das niemand gesagt?", schreibt Wetter.

Ein pauschales Fehlverhalten sieht Wetter auch weiterhin nicht

In seinen Antworten an die Gutachter hatte Wetter geschrieben, es sei nicht zulässig, die Maßstäbe von nach 2010 - dem Jahr, in dem der Missbrauchsskandal in Deutschland ins Licht der breiten Öffentlichkeit geriet - an sein Verhalten anzulegen. "Denn was vor 2010 geschah, geschah in verbreiteter Unkenntnis."

Insgesamt haben die WSW-Gutachter Kardinal Wetter mit seinem Verhalten in 21 Fällen konfrontiert. In seiner Stellungnahme geht Wetter nun stichpunktartig darauf ein, bestreitet aber den Umfang seines Fehlverhaltens. In sechs Fällen habe kein Missbrauch vorgelegen, acht weitere Fälle hätten sich nicht in seiner Amtszeit oder seinem Amtsbereich ereignet, in zwei Fällen habe er Priester an die Orden zurückgeschickt und in einem Fall einen Priester suspendiert. Wetter schreibt, diese Fakten zu den Fällen belegten "keinesfalls pauschal" ein Fehlverhalten.

Wetter schreibt nun, in der gesamten Kirche sei "eine Selbstreinigung in Gang, die mit einem Schuldbekenntnis beginnt".

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