Gewalt gegen Kinder:"Das dunkelste Kapitel der Münchner Jugendhilfe"

Marie Mattfeld Haus, 2021, Oberammergau

Wie viele Kinder in städtischen Einrichtungen wie dem Hänsel-und-Gretel-Heim in Oberammergau körperliche oder sexualisierte Gewalt erfahren haben, ist völlig unklar.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Der Stadtrat will Betroffene von Gewalt und Missbrauch in städtischen Heimen und Pflegefamilien schnell entschädigen. Im November beginnt eine Expertenkommission mit der Aufarbeitung und untersucht die Jahre von 1945 bis 1999.

Von Bernd Kastner und Rainer Stadler

Christian Müller, SPD-Fraktionschef im Stadtrat, nennt es "das dunkelste Kapitel der Münchner Jugendhilfe". Dieses Kapitel muss nun genauer untersucht werden, darin ist sich der Stadtrat einig. Was Kindern, die einst unter der Obhut des Münchner Jugendamtes standen, angetan wurde, soll rasch aufgeklärt werden. Betroffene sollen zudem möglichst schnell finanzielle Entschädigungen erhalten. Der Kinder- und Jugendhilfeausschuss hat am Dienstag eine Kommission berufen, welche die Gewalt an Minderjährigen, für die die Stadt München die Verantwortung hatte, aufarbeiten wird.

Untersucht werden dabei die Jahre von 1945 bis 1999. In dieser Zeit waren Tausende Mädchen und Jungen vom Münchner Jugendamt in städtischen Heimen, in Einrichtungen außerhalb Münchens sowie in Pflege- und Adoptivfamilien untergebracht worden. Wie viele von ihnen unter körperlicher, psychischer oder sexualisierter Gewalt litten, ist bisher völlig unklar.

Eine erste Aufarbeitung vor etwa einem Jahrzehnt blieb an der Oberfläche, sie beschränkte sich auf die drei städtischen Heime. Die Stadt ging den 2014 veröffentlichten Berichten früherer Heimkinder über Gewalterfahrungen nicht weiter nach. Bewegung entstand erst, als mehrere ehemalige Heimkinder öffentlich über ihre Zeit in Heimen in Feldafing, Oberammergau und München sprachen. Sie sei "sehr bestürzt" angesichts dessen, "was passiert ist", sagte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD).

"Es kann keine angemessene Entschädigung geben für Übergriffe, Gewalt und Missbrauch"

Vertreterinnen und Vertreter aller Fraktionen begrüßten, dass die Belange der Betroffenen im Fokus der Aufarbeitung stehen sollen. Die Kommission soll binnen eines halben Jahres erste Vorschläge erarbeiten, wie diese Personen, die heute oft in höherem Alter und gesundheitlich angeschlagen sind, entschädigt werden könnten. Müller formulierte die Bitte, dass die Entschädigung noch vor Ablauf der sechs Monate beginnen solle. Die Stadt hatte im Rahmen der ersten Aufarbeitung versprochen, in den bundesweiten Entschädigungsfonds für Heimkinder einzuzahlen. Nachdem der Freistaat den städtischen Anteil übernommen hatte, vergaß man im Rathaus das eigene Versprechen.

"Es kann keine angemessene Entschädigung geben für Übergriffe, Gewalt und Missbrauch", sagte Clara Nitsche von den Grünen. Das Erlittene lasse sich nicht mit Geld aufwiegen. Dennoch sei es wichtig, dass die Stadt wenigstens jetzt finanziell helfe, die Folgen der Taten abzumildern. Auch Beatrix Burkhardt (CSU) sprach sich für zügige Zahlungen aus: "Wir haben alle die zähen und zum Teil sehr peinlichen und verletzenden Vorgänge in der katholischen Kirche betrachtet. Was da abgelaufen ist, ist sicherlich nicht förderlich für die Betroffenen."

Die Kommission wird sich laut Sebastian Groth, Vize-Chef des Sozialreferats, im November erstmals treffen. Ihr gehören 14 Fachleute an, darunter zwei Betroffene, die erst später berufen werden sollen. Leiten wird die Kommission Ignaz Raab, bis Mitte des Jahres Chef des für Sexualdelikte zuständigen Kommissariats im Polizeipräsidium. Die weiteren namentlich bekannten Mitglieder sind: Christine Strobl, bis 2020 als Bürgermeisterin für Soziales zuständig; Petra Schmid-Urban, früher Vize-Chefin des Sozialreferats; Jörg Jaegers, Trauma-Therapeut aus Mainz; Carola Baumgartner vom Weißen Ring; Heiner Keupp, Experte für die Aufarbeitung von Missbrauchskomplexen; Christine Rädlinger, Historikerin und Autorin des 2014 erschienenen ersten Aufarbeitungsberichts.

Noch nicht benannt sind die Vertreter des Sozialreferats und der Wohlfahrtsverbände. Cornelia Abeltshauser vom Jugendamt übernimmt die Geschäftsführung der Kommission. Die Recherchearbeit zur Aufklärung des Unrechts soll ein wissenschaftliches Institut übernehmen. Der Auftrag dafür muss von der Stadt ausgeschrieben werden. Bei der Auswahl soll die Kommission beratend eingebunden sein, die Entscheidung wird der Stadtrat treffen.

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