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Giesinger Bräu:"Da merkt man, was wirklich wichtig ist in dieser Stadt"

So werden all die leeren Träger niemals voll: Oberbürgermeister Dieter Reiter (links), Brauerei-Chef Steffen Marx (2. von links) und Aurelis-Geschäftsführer Stefan Wiegand (rechts) stoßen auf die neue Brauerei an.

(Foto: Stephan Rumpf)

Giesinger Bräu eröffnet seine neue Brauerei im Münchner Norden - ein gewaltiger Fortschritt für das Unternehmen. Nur den Slogan "Aus Giesing. Logisch" muss man jetzt wohl überdenken.

Ein bisschen anders als die anderen ist Giesinger Bräu ja schon. Das sieht man bereits am Eingang; da steht ein großer Silobehälter, auf voller Höhe besprayt von dem Münchner Graffitikünstler Won. Drinnen im Gebäude waren seine Kollegen Loomit, Lando, Flin, Neon, Cemnoz, Codeak, Scout und Bert zugange und haben weitere acht große Stahltanks besprüht, in denen die Giesinger Erhellung bis zur Abfüllung ruht. Jeder Tank hatte einen Paten, der ihn für die Brauerei finanziert hat. Dafür durfte er ein, zwei Stichworte liefern, nach denen der Tank dann künstlerisch bearbeitet wurde. Bei Paulaner oder Hacker-Pschorr, Spaten oder Löwenbräu, Augustiner oder Hofbräu würde das vermutlich anders laufen.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) fand's jedoch "ziemlich cool" bei der offiziellen Eröffnung der neuen Brauerei von Giesinger Bräu am Mittwochmittag. Reiter war extra hinaus in den Münchner Norden gekommen, wo die Giesinger um Brauereichef Steffen Marx ihr Werk 2 hingestellt haben. Beziehungsweise hinstellen mussten, denn im heimatlichen Stadtviertel Giesing war einfach kein Platz mehr für eine Brauerei mit einem Ausstoß von 20 000 Hektolitern Bier pro Jahr - in der ersten Ausbaustufe. Ungefähr noch einmal so viel wären schon drin. Aber das muss die Zukunft weisen, und die ist momentan bekanntermaßen recht unsicher.

Reiter zeigte sich jedenfalls beim kurzen Einweihungsakt recht beeindruckt von der Größe der neuen Brauerei an der Detmoldstraße 30: "Da merkt man richtig, was wirklich wichtig ist in dieser Stadt", sagte er. Die Giesinger Brauerei könne auf eine schöne Erfolgsgeschichte zurückblicken, in nicht ganz 15 Jahren habe sie es weit gebracht. Und mit dem eigenen Tiefbrunnen auf dem Grundstück schließe man nun auf in die Reihen der Münchner Traditionsbrauereien, die alle ebenfalls einen eigenen Brunnen auf Stadtgebiet haben und mit Münchner Wasser brauen. Das war wohl eine kleine Spitze in Richtung Verein der Münchner Brauereien. Der hat den Giesingern bislang die Mitgliedschaft verwehrt, weil die mit Leitungswasser aus dem Mangfallgebiet arbeiten mussten. Das ist nun endgültig vorbei - und damit auch ein wesentlicher Grund fort, Giesinger Bräu den Einzug auf die Wiesn mit einem eigenen Zelt zu verweigern.

Das ist aber nun wirklich noch Zukunftsmusik. Brauereichef Steffen Marx ist jedenfalls schon froh, "diesen Meilenstein für die Geschichte unserer Brauerei" gesetzt zu haben. Vier Jahre lang habe man geplant, gebaut wurde dann in nur 18 Monaten, dank der Unterstützung des Grundeigentümers Aurelis, der Grundstücksgesellschaft der Bahn, und der städtischen Behörden, die dem Projekt keine Steine in den Weg legten. Stefan Wiegand, Aurelis-Geschäftsführer für die Region Süd, gab das Kompliment zurück: Man freue sich über einen Partner, der so sehr für Qualität stehe wie Giesinger Bräu.

Blick in die neue Produktion

(Foto: Stephan Rumpf)

"Für uns ist diese neue Brauerei hier ein Riesensprung", erklärt der technische Leiter Simon Roßmann. Schließlich sei die Abfüllung seit 2014 ausgelagert gewesen, im ersten Erweiterungsbau der Giesinger Garagenbrauerei an der Martin-Luther-Straße hatte sie keinen Platz gehabt. Jetzt hat man sie wieder im Hause, respektive in der Werkshalle auf dem 4700 Quadratmeter großen Grundstück an der Detmoldstraße. 10 000 Flaschen in der Stunde können hier abgefüllt werden. Vom Ende der Woche an werden sie dann auch ausgeliefert an die Getränkemärkte und den Einzelhandel.

Das neue Brauereigebäude hat rund 20 Millionen Euro gekostet, finanziert haben die Giesinger alles über die Aurelis, über Kredite und Crowdfunding, das allein immerhin 3,5 Millionen Euro einbrachte. Im Werk 2 können sie jährlich 20 000 Hektoliter produzieren, weiteres Wachstum ist drin und natürlich auch erwünscht. Am neuen Standort werden im wesentlichen das Helle, das vier Fünftel der Produktion ausmacht, und das Weißbier hergestellt. Die Spezialbiere wie Pils, Bock und Red Ale werden weiterhin an der Martin-Luther-Straße gebraut.

Nach Corona will man dann auch wieder "eine Brauerei zum Anfassen" sein - mit Veranstaltungen, Führungen und Partys. Derzeit geht das natürlich noch nicht. Die Gastronomie an der Martin-Luther-Straße beispielsweise bleibt weiterhin geschlossen, vorerst noch bis Anfang Juli.

Ihren alten Slogan: "Aus Giesing. Logisch", werden die Giesinger jedoch überdenken müssen. Denn eigentlich kommen die umsatzstärksten Biere ja jetzt aus Feldmoching-Hasenbergl. Die Brauerei liegt obendrein an der Grenze des 24. Stadtbezirks, und das auch noch in Wurfweite zum Güterbahnhof Milbertshofen, verwirrenderweise. Damit nicht genug: Der Stadtbezirksteil heißt Lerchenau. Ob Hasenbergl, Lerchenau, Milbertshofen: Für ein altes Arbeiterviertel wie Giesing ist das aber wohl gerade noch hinnehmbar. Bogenhausen wäre deutlich schlimmer.

© SZ vom 04.06.2020
Hava Misimi, 2020

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Finanzbloggerin
:"Wenn mir Sparen Freiheit verschafft, was ist daran uncool?"

Hava Misimi ist 26 Jahre alt, Immobilienbesitzerin, Unternehmensberaterin - und sie spart gerne Geld. Auf ihrem Blog erklärt sie, worauf man beim Aktienkauf achten sollte und warum gerade in der Corona-Krise ein Haushaltsbuch wichtig ist.

Von Martina Scherf

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