Dass es den Münchnerinnen und Münchnern reicht, zeigen sie in großer Zahl an diesem Samstagnachmittag unter dem grauen Himmel in der Münchner Innenstadt. Mehrere Tausend Menschen haben sich am Odeonsplatz versammelt, um ihrem Unmut über die Situation auf dem Wohnungsmarkt in der Stadt und darüber hinaus Ausdruck zu verleihen – viele Familien mit Kindern, Jüngere, Ältere. Ein Ausschnitt der Münchner Stadtgesellschaft.
„Papa schläft im Wohnzimmer, damit ich ein eigenes habe“, steht in bunten Farben auf einen Pappkarton geschrieben, den ein junges Mädchen in die Höhe hält. Der Ton ist damit schon einigermaßen gesetzt: Die Münchner haben genug von dem „Mietwahnsinn“ in ihrer Stadt, wie Julia Richter sagt, die Mitorganisatorin der Demo vor der Theatinerkirche.
Es ist ein breites Bündnis, das sich in der Innenstadt versammelt und die Demonstration mitorganisiert hat. Unzählige Fahnen wehen im Wind, der über den Platz zieht – von Parteien, Gewerkschaften, Initiativen. Einer der ersten Redner auf der Bühne ist der Münchner Musiker Roger Rekless, der auch durch die Veranstaltung führt. Aber auch ein Betroffener ist, wie er selbst sagt. Als Familienvater suche er seit fünf Jahren eine neue Wohnung, berichtet er. Vollkommen aussichtslos. Er könne sich nicht einmal mehr die Miete für den Proberaum leisten, so Rekless. Auf dem Platz herrscht zunächst betretenes Schweigen.
Das ändert sich aber im Laufe der Veranstaltung. Immer wieder brandet Applaus auf, wenn es darum geht, dass sich die Menschen gegen immer weiter steigende Mieten wehren müssten, Leerstand in der teuersten Stadt Münchens beendet werden müsse und Sozialwohnungen nicht mehr „verramscht“ werden dürften, wie Julia Richter sagt. Sie erinnert auch daran, dass der Freistaat Bayern unter dem damaligen Finanzminister Markus Söder (CSU), dem heutigen Ministerpräsidenten, mehr als 30 000 Sozialwohnungen der staatseigenen GBW verkauft habe.


Das Motto der Veranstaltung des Bündnisses Mietendemo München lautet „Uns glangt's! Mieten runter.“ Die Zahl der Teilnehmer gibt die Polizei, Stand 15 Uhr, mit 4000 bis 5000 Menschen an, Tendenz steigend, und hat auch auf Nachfrage um 17 Uhr noch keine neuen Zahlen. Die Veranstalter sprechen noch während der Veranstaltung von nahezu 10 000 Teilnehmern.
Beeindruckend wird es beim Auftritt von Marianne Ott-Meimberg, die in der Maxvorstadt in der Türkenstaße 52/54mit ihrem Mann wohnt. In einem Viertel, in dem man sich kannte. In einem Idyll, wie sie sagt. Doch dann kamen die Investoren und davon sei nichts mehr übrig. Vielmehr stünden dort jetzt hochpreisige Komplexe mit Preisen von bis zu 30 000 Euro je Quadratmeter, wie sie sagt.
Solch ausufernde Miet- und Kaufpreise sind auch Melanie Weber-Moritz vom Deutschen Mieterbund ein Dorn im Auge. Die Wohnungskrise, ruft sie von der Bühne vor der Feldherrnhalle, sei mitten in der Gesellschaft angekommen, eine Million Menschen in diesem Land habe keine Wohnung und viel zu viele Menschen lebten in Angst. „Der Markt ist außer Kontrolle geraten“, so Weber Moritz – auch und gerade in München, wo die Angebotsmiete mittlerweile im Durchschnitt 25 Euro je Quadratmeter betrage. „Wer soll das noch bezahlen?“, fragt sie lautstark.



Auch Monika Schmid-Balzert vom Münchner Mieterverein sagt, Wohnen sei in dieser Stadt „zur Existenzfrage geworden“. Immer mehr Menschen hätten Angst, morgens den Briefkasten zu öffnen, schließlich könnte sich darin ein Brief mit einer Mieterhöhung oder der Kündigung befinden. Und die Immobilienbesitzer hätten nur noch die „Dollarzeichen“ in den Augen.
Aber auch die Politik meldet sich an diesem Tag zu Wort. Bereits am Morgen ließ Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) via Social Media wissen: „Mir glangt’s a! Weil Wohnen in München zur Existenzfrage geworden ist.“ Familien, Studierende und Menschen mit mittleren Einkommen hätten Angst, die Wohnung zu verlieren, zahlten Mondpreise für Zimmer und gerieten immer mehr unter Druck. Die Wut der Menschen sei berechtigt, so der OB, München tue aber, was rechtlich möglich sei – und oft mehr. So würde keine einzige städtische Wohnung verkauft, seit 2019 gebe es 70 000 Wohnungen mit Mietenstopp und jeder zehnte Münchner lebe in einer städtischen Wohnung. Das Problem sei vielmehr, so der OB: Mietrecht sei Bundesrecht, die Mietpreisbremse biete zu viele Schlupflöcher und Index- und möblierte Mieten trieben die Preise hoch.
Das will Stefan Jagel, Stadtrat der Linken, auf der Bühne auf dem Odeonsplatz so nicht stehen lassen. Seit Dieter Reiter OB ist, so Jagel, seien die Mieten in München um 60 Prozent gestiegen. Die Stadt aber dürfe kein „Disneyland für Spekulanten“ werden. Auch Schmid-Balzert fordert die Stadt auf, mehr für den sozialen Wohnungsbau zu tun. Und es würden wirksamere Gesetze gegen Mietwucher benötigt. „Der Markt regelt rein gar nichts“, sagt sie unter lautem Beifall.
Münchens Zweiter Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) betont, Leerstand und Wucher müssten noch stärker bekämpft werden – und die Bauwirtschaft, die lange Zeit unglaublich gut verdient habe, müsse in die Pflicht genommen werden. Und sein Stadtratskollege Christian Köning von der SPD zeigt auf den Freistaat: Man müsse sich nur anschauen, wie dieser mit seinen Studierendenwohnungen in München umgehe. Begleitet werden die Beiträge der Stadtpolitiker nicht nur von Applaus, es sind auch Buhrufe zu vernehmen.
Kritik am Auftritt der grün-roten Koalitionspartner bei der Mietendemo sowie am Statement von Oberbürgermeister Reiter übt im Nachgang Clemens Baumgärtner. „Grün und Rot schimpfen laut über hohe Mieten und tun so, als wären sie unbeteiligte Zuschauer“, schreibt Baumgärtner auf Instagram. „Dabei tragen sie seit Jahren die Verantwortung im Rathaus.“ Für den Christsozialen sind die Fakten eindeutig: Neubauziele würden verfehlt, der Wohnungsbau liege auf einem historischen Tiefstand und es gebe zu viele bürokratische Hürden. Und voll im Wahlkampfmodus führt er weiter aus: „Bauen muss Chefsache sein. Bezahlbare Mieten entstehen durch Handeln, nicht durch Demos.“

Einen viel umjubelten „Blick aus der Provinz“ wagen auf der Bühne auf dem Odeonsplatz Hans Well und seinen Wellbappn. Und dieser Blick verrät ihm, singt Well, dass Investoren das Hasenbergl mittlerweile als Schwabing-West verschachern würden. Und sich Menschen wegen der hohen Mieten nicht einmal mehr ein Augustiner leisten könnten, und stattdessen Oettinger trinken müssten. Armes München.
Gegen 15.20 Uhr setzt sich dann der Demo-Zug vom Odeonsplatz in Richtung Maxvorstadt in Bewegung, in die Theresien- und Adalbertstraße – und später wieder zurück. In ein Viertel, in dem sich wie unter dem Brennglas beobachten lasse, was in dieser Stadt alles schiefläuft, wie einer der Veranstalter sagt. Es ist ein bunter Marsch, angeführt von einer überdimensionierten, aufgeblasenen Hand, die den Mietenstopp symbolisiert. Und gleich dahinter machen die Trommler der „Münchner Ruhestörung“ gewaltig Lärm. Die Münchner wollen keine Ruhe mehr geben, wenn es um ihre Mieten geht.

