Kritik:Die Welt von Daten und Sammlern

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Alecto (Katharina Müller-Elmau, li.) hält sich im Metropoltheater nur scheinbar im Hintergrund. Dabei bestimmt sie im Stück "(R)Evolution" längst das Leben von Lana (Vanessa Eckert) und Dr. Stefan Frank (Hubert Schedlbauer). (Foto: Jean-Marc Turmes)

Jochen Schölch inszeniert am Metropoltheater das Dystopie-Stück "(R)Evolution". Darin bestimmen Maschinen und Algorithmen das Leben der Menschen.

Von Yvonne Poppek, München

Der Mensch hat sich der digitalen Welt unterworfen. Schon verfällt er in eine gebückte Haltung, auf dem Weg zurück zum Menschenaffen und fragt sein mit sämtlichen Datenströmen verknüpftes Hausgerät: "Was kann ich für dich tun, Alecto?" Das Hausgerät, das ausschaut wie ein Mensch, lächelt triumphierend. Sieg auf der ganzen Linie. An der Spitze der Evolution steht nicht mehr der Homo sapiens, sondern Big Data.

Jochen Schölch lässt seine Inszenierung von Yael Ronen und Dimitrij Schaads Dystopie-Stück "(R)Evolution" am Metropoltheater mit diesem Schlussbild enden. Er setzt damit noch einmal ein fettes Ausrufezeichen hinter einen Abend, der die sukzessive Entmündigung des Menschen durch Maschinen und Algorithmen durchexerziert. Ronen und Schaad haben mit ihrer "Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert" ein bitterböses Kammerspiel geschrieben, das Schölch nun zur ernsten Warnung gerinnen lässt.

Die Mitmenschen werden ersetzt durch den Computer

Dafür hat ihm Thomas Flach eine wunderbar schlichte Hochglanz-Bühne gebaut: drei filigrane, lackierte Bänke, eine kippbare Wand, fertig. In der sterilen Atmosphäre streiten sich Lana (Vanessa Eckart) und René (Jakob Tögel) darüber, ob und wie sie ihr künftiges Kind optimieren lassen sollen. Dr. Stefan Frank (Hubert Schedlbauer) und Ricky Martin (Marc-Philipp Kochendörfer) haben Probleme mit ihrem Cybersex. Und Tatjana hat so schlechte Prognosen, dass sie vorsorglich aus der Gesellschaft entfernt wird. Mara Widmann legt dabei so viel Einsamkeit in ihre Figur, dass sie dem Abend neben dem Daten-Wahnsinn noch eine Facette hinzufügt. Nämlich die Frage: Was ist der Mensch ohne seine Mitmenschen?

Diese Mitmenschen ersetzt oft: Alecto, der wie auch immer geartete Computer im Jahr 2040. Bei Schölch wird er gespielt von Katharina Müller-Elmau, die mal mit aseptischer Computerstimme, mal berlinernd, polternd oder tussihaft Farbe in das Hochglanz-Schwarz-Weiß der Bühne bringt. Die Zukunft, so viel ist klar, war auch einmal besser. Den akkuraten Datencheck dazu gibt es im Metropoltheater.

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