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Messestadt:Anlieger protestieren gegen dichte Bebauung

Längst ist auf dem alten Flughafengelände in Riem ein ganzer Stadtteil entstanden. Das letzte Stück Brachland, die sogenannte Arrondierung Kirchtrudering, soll nun viermal so dicht bebaut werden wie in den Neunzigerjahren geplant. An diesem Mittwoch befasst sich der Stadtrat mit dem Thema.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im fünften Bauabschnitt der Messestadt sollen 2500 Wohnungen entstehen - vier Mal mehr als ursprünglich geplant. Die Bevölkerungsdichte pro Quadratkilometer wäre damit höher als in Paris.

Von Julian Raff

Wo vor 30 Jahren Jets knapp über die Köpfe der Gartenstädter hinwegdonnerten, rauscht heute zwischen Kirchtrudering und der Messestadt üppiges Grün im Sommerwind. Ein Idyll mit Ablaufdatum, so viel war den Anwohnern klar, seit der Stadtrat in den Neunzigerjahren dort einen fünften und letzten Bauabschnitt der Messestadt skizzierte. Alarmiert zeigt sich nun aber eine Bürgerinitiative (BI), seit sich abzeichnet, dass die Bebauung mit bis zu 2500 Wohnungen mehr als viermal so dicht ausfallen soll, wie seinerzeit geplant. Protest erregt außerdem das Projekt einer vierspurigen, 32 Meter breiten Erschließungsstraße.

Nach Vorberatung im Bauausschuss steht der mit "Arrondierung Kirchtrudering" betitelte Abschnitt an diesem Mittwoch auf der Agenda des Stadtrats. Das Gebiet liegt zwischen dem Nordosteck Kirchtruderings und dem südwestlichen Ende der Messestadt, im Norden begrenzt durch den alten Riemer Friedhof, im Süden durch die Bahnlinie. Es umfasst rund 25 Hektar und befindet sich zu gut 25 Prozent im städtischen, ansonsten im privaten Eigentum der Schörghuber-Gruppe und anderer Investoren. Der Eckdatenbeschluss für den Planerwettbewerb setzt eine Höchstmarke von 2500 Wohnungen für 5500 bis 6000 Bewohner.

Die auf den Quadratkilometer hochgerechnete Bewohnerdichte läge beim Fünffachen des Stadt-Durchschnitts, also bei 24 000 Menschen. Ein Wert zwischen dem europäischen Dichtepol Paris mit seinen 21 000 und Manhattan mit 27 000 Menschen pro Quadratkilometer, rechnet Peter Grünbeck vor. Mit seinen Nachbarn hat er sich zusammengetan, um, wenn schon nicht den Grundsatzbeschluss, so doch dessen Umsetzung abzumildern: Eine Obergrenze von 1500 Wohnungen steht als Kernforderung in einem Papier, das an die 400 Anwohner unterschrieben haben - bislang fast alle aus Trudering, aber die BI rechnet auch mit Zuspruch aus der Messestadt, wo sie gerade erst anfängt, darum zu werben. Die 1500er-Marke habe man sich "nicht aus den Fingern gesogen", erklärt Grünbeck, vielmehr entspreche sie genau der Dichte des Messestadt-Quartiers.

Dass die Weiten der Flughafenbrache in den Neunzigern eher locker überplant wurden und heutige Bauflächen, wie etwa der "Truderinger Acker" in Berg am Laim, die geplante Arrondierung sogar noch toppen, dass man also einem "St.-Florians-Verdacht" entgegentreten müsse, ist Grünbeck und seinen Mitstreitern natürlich klar. Sie führen daher allgemeine Vorteile ihres Wunschszenarios ins Feld, allen voran eine halbwegs freie Frischluftschneise zwischen Ebersberger Forst und Stadtmitte, aber auch den offenen Zugang zum Riemer Park. Dieser, so die Befürchtung, halte als Vorwand dafür her, den Grünanteil pro Bewohner im neuen Quartier unter das vorgeschriebene Mindestmaß von 20 Quadratmetern zu drücken. Anders können sich die BI-Aktiven nicht ausrechnen, wo die Bebauung Platz finden soll, außer in der Höhe. Der städtische Beschlussentwurf ermöglicht Bauten mit bis zu 15 Stockwerken. Allerdings fordern Grüne, SPD und Linke hier einen Rückschnitt auf die Hochhausgrenze von acht Geschossen, die CSU will maximal sechs Geschosse und beantragt als einzige große Ratsfraktion eine Begrenzung auf 2200 Wohnungen.

Bis zu 6000 neue Nachbarn könnten Kirchtruderinger und Messestädter bekommen. Bei einem Ortstermin informierten sich Anwohner über die Pläne.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am Boden bleibt der Platz jedenfalls beengt: Von den 25 Hektar sind 4,5 reserviert für friedhofsnahes Gewerbe im Norden, eine fünf- bis sechszügige Grundschule, Kitas und andere soziale Einrichtungen, sowie allein 2,5 Hektar für die umstrittene, 800 Meter lange Erschließungs- und Entlastungsstraße zwischen Rappenweg und Linnenbrüggerstraße. Die 32 Meter breite Trasse ließe sich aus BI-Sicht um zwei Busspuren verschmälern, wenn Busse stattdessen konsequent Vorfahrt bekämen.

Um noch Einfluss zu nehmen, hatte die BI zu zwei Ortsterminen geladen. Am Sonntag diskutierten rund 50 Bürger, vier Stadträte und sieben Mitglieder des Bezirksausschusses (BA) Trudering-Riem, am Montag noch einmal 30 Anwohner und BA-Leute. Dass die BI als Verdichtungskritiker auftritt, nicht aber als Verhinderer, zeigte sich im Verlauf der Diskussion: Ein aufgebrachter Nachbar erklärte, ihm sei "der Acker lieber, als irgendein dämliches Fassadengrün", fand auch sonst deftige Worte für Zuzug, Verdichtung und den vermeintlich undemokratischen Umgang der Stadtpolitik damit, er blieb aber mit seiner Baustopp-Forderung ziemlich allein in der Runde. Auf eine nichtsdestoweniger "wirklich ekelhafte Bürgerbeteiligung" hofft stattdessen Susanne Weiss von den BA-Grünen. Gelegenheit dazu bietet ein Bürgerworkshop, wohl noch im Juli und möglichst als echte Zusammenkunft. Längerfristig will sich die BI eventuell auch mit Alternativplänen einschalten, falls sich engagierte Architekten finden.

Nachtrag: Susanne Weiss legt im Nachgang zu unserer Berichterstattung Wert auf die Feststellung, dass sie sehr wohl für eine hartnäckige und engagierte Bürgerbeteiligung eintritt. So sei das Wort "ekelhaft" auch gemeint gewesen - da ist jemand "ekelhaft" und lässt nicht locker.

© SZ vom 09.06.2021/vewo, van
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