Wohnprojekt in Riem:Wie Menschen mit Behinderung möglichst selbständig leben

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Wohnprojekt in Riem: Fabian Ertl (re.) kommt ohne die Hilfe seines Betreuers Markus Lindler aus.

Fabian Ertl (re.) kommt ohne die Hilfe seines Betreuers Markus Lindler aus.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In vier WGs leben 20 junge Menschen mit Behinderung zusammen - freier als zuvor bei ihren Eltern. Das einzigartige "Projekt Rio" des Franziskuswerks ist sehr begehrt.

Von Konstantin Rek

Fabian Ertl nimmt ein Messer, schneidet Tomaten und richtet das Abendbrot an. Neben ihm steht sein Betreuer Markus Lindler, der jederzeit helfen könnte. Muss er aber nicht, Fabian Ertl schafft das selber. Der 27-Jährige hat das Down-Syndrom und lebt zusammen mit vier Mitbewohnern mit leichten bis mittelgradigen geistigen Behinderungen in einer WG. Jetzt gibt es Brotzeit. Die fünf Bewohner waren in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten. Nun ist Feierabend, die Stimmung daher ausgelassen.

Die Wohngemeinschaft gehört zum "Projekt Rio" des Franziskuswerks Schönbrunn. Schon 2013 sei die Idee entstanden, für Menschen mit Behinderung bessere Wohnmöglichkeiten zu schaffen, berichtet Wohn-Geschäftsbereichsleiter Gerhard Grüner - gemäß der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Diese spricht Menschen mit Behinderungen unter anderem ein Wahlrecht darüber zu, wo sie wohnen wollen.

Die Umsetzung des Projekts dauerte aber. Erst im vergangenen Jahr konnten die Bewohner in das Haus in der Willy-Brandt-Allee in Riem einziehen. Das "Projekt Rio" profitiert dabei von einer Kooperation mit den beiden Genossenschaften Wogeno und Wagnis und befindet sich in deren "Rio Riem" - ein klimafreundlicher Massivholzbau mit insgesamt 150 Einheiten. In vier davon leben die 20 Menschen mit Behinderung.

Die Bewohner unternehmen viel gemeinsam

"Die Bewohner müssen zeitweise auch ohne Betreuung leben können, sie brauchen ein Mindestmaß an Selbstständigkeit", sagt Grüner. Menschen, die mehr Unterstützung brauchen, können in den Wohngemeinschaften nicht leben. Hierfür hätte das Franziskuswerk andere räumliche Standards erfüllen müssen.

Das Ziel des Projekts ist inklusives Wohnen. "Hier können sie so normal wie möglich leben", sagt Grüner. Dabei funktioniere das Zusammenwohnen der Menschen mit Handicap sehr gut. Klare Regeln für die Küche, beim Putzen oder dem Fernseher koordinieren das Leben in der WG. Sie sind auf großen Postern in den Gemeinschaftsräumen zu sehen. "Ich fühle mich hier sehr wohl", sagt Ertl. Dabei sei es vor allem schön, selbstständig zu leben. Seine Mitbewohner sind wie Ertl junge Erwachsene, die davor meistens bei ihren Eltern gelebt haben. In Riem sind sie jetzt deutlich freier und werden nicht kontrolliert. "Hier dürfen sie das machen, worauf sie Lust haben", berichtet der Betreuer Lindler. Die Gruppe wächst zusammen, die Bewohner unternehmen viele gemeinsame Ausflüge. Kleinere Konflikte gibt es zwar auch, aber die werden von den zwölf Betreuern schnell geschlichtet.

Wohnprojekt in Riem: Das "Projekt Rio" gehört zu "Rio Riem" in der Willy-Brandt-Allee: Hier haben die Genossenschaften Wogeno und Wagnis einen Massivholzbau mit insgesamt 150 Wohnungen errichtet. Das Leben dort soll auf lebendiger Nachbarschaft und gegenseitiger Unterstützung beruhen.

Das "Projekt Rio" gehört zu "Rio Riem" in der Willy-Brandt-Allee: Hier haben die Genossenschaften Wogeno und Wagnis einen Massivholzbau mit insgesamt 150 Wohnungen errichtet. Das Leben dort soll auf lebendiger Nachbarschaft und gegenseitiger Unterstützung beruhen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Primär helfen diese den Bewohnern beim Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen oder putzen. "Wir machen erst etwas gemeinsam, damit sie das irgendwann selber alleine können und keinen Assistenten brauchen", sagt Lindler, der schon nach einem Jahr große Fortschritte bemerkt. Die Betreuung findet dabei außerhalb der Arbeit in der Werkstatt statt, selbst in der Nacht schlafen die Betreuer teilweise vor Ort. Eines stellt Lindler aber klar: "Wir sind professionelle Assistenten, Freunde sind wir nicht. Dann würde man die Distanz verlieren." Diese sei die Grundlage für die Arbeit.

Trotzdem kümmern sich die Betreuer auch um die sozialen Kontakte der Menschen. Die versuche man etwa durch Besuche in Jugendzentren oder Kirchen aufzubauen und zu erweitern. Dabei äußern die Bewohner Wünsche, die Betreuer knüpfen in der Folge den Kontakt und initiieren die Begegnung. "Der erste Schritt ist unsere Aufgabe, dann lernen sie die Menschen kennen und bauen ihre Hemmschwellen ab", erzählt Lindler. So entwickeln die Menschen mit Handicap ein Sozialleben.

Dabei spielen auch die Nachbarn eine wichtige Rolle. "Wenn wir eine inklusive Wohnform schaffen, geht es nur mit Nachbarn, die bereit sind, sich auf ein Leben mit Menschen mit Behinderung einzulassen", erklärt Grüner. Die Nachbarschaft in Riem sei damit sehr offen und positiv umgegangen. Man unternimmt viel miteinander - die Nachbarn werden zur Normalität, der Kontakt mit Menschen ohne Handicap immer intensiver. Außerdem hilft es, dass sich die Nachbarschaft nicht verändert. Das gewohnte Umfeld biete den Bewohnern Sicherheit, sagt Grüner.

Das Projekt ist laut Franziskuswerk in München einmalig. In der Wohngruppe lebten nur Menschen mit Behinderung zusammen, das unterscheide sie von anderen, erklärt Grüner. Das Interesse war von Anfang an groß, schon Monate vor dem Einzug waren die Plätze in den Wohnungen belegt. Das Projekt stille das Bedürfnis der Menschen, so normal wie möglich zu leben, erklärt Grüner die hohe Nachfrage. Trotzdem ist er nicht wunschlos glücklich: "Auch für Menschen, die mehr Hilfe benötigen, müssen Wege gefunden werden, dass sie normaler leben können." Hierfür fordert er auch mehr Toleranz in der Gesellschaft. Das Leben von Fabian Ertl hat das Projekt Rio schon deutlich verändert, er selber ist darüber einfach nur glücklich.

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