„Early in the morning I still get a little bit nervous / Fighting my anxiety constantly, I try to control it.“ Die Zeilen stammen aus dem Song „Control“, der Zoe Wees weltweit berühmt gemacht hat. Die junge Sängerin aus Hamburg spricht an, was viele fühlen: Nervosität, Angstzustände, Kontrollverlust und die Gefahr, sich selbst zu verlieren. Mit den einfühlsamen Texten verarbeitet die Künstlerin ihre Gedanken und Gefühle. In ihrer Kindheit erkrankte sie an Epilepsie, als Folge kamen später Panikattacken und Depressionen dazu. „Diese Krankheit hat mich gezwungen, früh erwachsen zu werden. Heute sehe ich das als Teil meiner Geschichte. Das hat mich zu der Person gemacht, die ich bin – jemand, die kämpft, aber auch fühlt“, sagt sie rückblickend.
Zoe Wees schafft es, ihre Erfahrungen ungefiltert in die Musik einfließen zu lassen – und das kommt bei ihrem meist jungen Publikum gut an: „Es kostet Kraft, jedes Mal alles zu geben. Es gibt Abende, da stehe ich auf der Bühne und kämpfe innerlich gegen meine Ängste. Aber dann sehe ich all die Menschen, die mitsingen – und plötzlich ist da dieses Gefühl von Verbundenheit. Es ist, als würden wir uns gegenseitig heilen.“
Ihre Betroffenheit macht sie zum idealen Stargast für das Mental Health Arts Festival im Gasteig HP8. Dieses Jahr findet es zum dritten Mal statt – weil der Andrang in den vergangenen Jahren so groß war, geht es nun über fünf Tage. Ein deutliches Zeichen, denn im Vorjahr war das Festival nur eintägig. Das Konzert soll für alle zugänglich sein und ist inklusiv gestaltet: Die Deaf-Performerinnen Ilknur Warnecke und Susanne Kermer machen die Musik von Zoe Wees durch Gebärden- und Körpersprache sowie Mimik nicht nur verständlich für gehörlose Menschen, sondern auch erfahrbar. Das ist zusätzlich für Hörende ein Erlebnis. Vor dem Konzert wird es noch eine Podiumsdiskussion mit Zoe Wees und der „Bibi & Tina“- Darstellerin Lina Larissa Strahl geben, bei der sie über ihre Erfahrungen mit mentaler Gesundheit sprechen.

Aber das Festival verspricht noch viel mehr: Es soll darum gehen, wie Kunst, Kultur und mentale Gesundheit zusammenhängen. Was beruhigt mich? Was tut mir gut? Was benötige ich wirklich? Das sind zentrale Fragen, denen das Festival mithilfe verschiedener Programmpunkte auf den Grund gehen will.
Es soll offen über Themen wie Depression, Resilienz und gesellschaftliche Stigmatisierung gesprochen werden. Zwischen Film- und Theateraufführungen können die Besucher und Besucherinnen frei beim Legal Ecstasy Dance tanzen, Lego bauen, Yoga machen und diskutieren. Das Ziel ist, dass sie herausfinden, was ihnen hilft und welche Aktivitäten sich positiv auf das eigene Wohlbefinden auswirken. Gleichzeitig sollen sie wichtige Werkzeuge an die Hand bekommen, um betroffene Angehörige unterstützen zu können. Zwar liegt der Schwerpunkt in diesem Jahr auf Jugend und Familie, das Festival soll aber für alle ein offener Raum sein, sodass sich jeder und jede mit dem Thema mentale Gesundheit auseinandersetzen kann.

Neben Zoe Wees tritt auch die Münchner Bildungsreferentin Kharis Petronelle Ikoko auf. Sie ist bekannt unter dem Künstlernamen Kokonelle und wird einen Empowerment-Workshop für junge Frauen und weiblich gelesene Personen geben. Es soll um Grenzen gehen, das eigene Selbstbewusstsein und Nähe, sowohl zu sich selbst, als auch zu anderen. Dinge, die im Alltag oft eine Herausforderung darstellen. Mit dem Theaterstück „Icebreaker“ wollen Schülerinnen und Schüler der Münchner Ludwig-Thoma-Realschule für Depressionen sensibilisieren. Sie stellen mithilfe unterschiedlicher Alltagssituationen dar, wie man Anzeichen für Depressionen erkennen kann und welche Verhaltensweisen weniger bedenklich sind. Das Besondere: Das Stück ist interaktiv gestaltet und ermöglicht dem Publikum, sich währenddessen auszutauschen und eine Checkliste der Anzeichen gemeinsam zu erstellen.
Der Eintritt zu all diesen Programmpunkten und überhaupt dem Festival ist kostenlos. Allerdings sind die Besucherzahlen für bestimmte Veranstaltungen begrenzt und Tickets müssen im Vorfeld bestellt werden. Dementsprechend lohnt es sich, ein paar Tage vorher die Verfügbarkeit zu überprüfen.
Zoe Wees freut sich besonders darauf, wenn Musik und Emotionen zusammenkommen und noch mehr passiert: „Dieses Festival steht für alles, was mir wichtig ist – Ehrlichkeit, Heilung, Gemeinschaft. Ich will, dass die Menschen dort spüren, dass sie nicht allein sind“, erklärt sie. Die Sängerin möchte anderen Betroffenen mitgeben, „dass sie nicht kaputt sind, dass Heilung Zeit braucht und, dass man nicht stark sein muss, um geliebt zu werden“. Das Mental Health Arts Festival kann zwar nicht für jedes Problem Lösungen bieten, aber erste Ansätze, um welche zu finden.
Mental Health Arts Festival, Mittwoch, 22. Oktober, bis Sonntag, 26. Oktober, Gasteig HP8, Informationen unter www.gasteig.de

