München:Meer der heulenden Seelen

Lesezeit: 4 min

Für Alejandro Calderón Jaffé sind Flucht und Gewalterfahrung familiäre Referenzpunkte für seine Kunst. In einer Schau im Rationaltheater geht es dem gebürtigen Venezolaner um Wunden, Ängste und Einsamkeit, aber auch um Hoffnungszeichen

Von Jutta Czeguhn

Zuhause ist da, wo es jemanden etwas bedeutet, dass du fehlst. Man dreht und wendet, knetet diesen Satz, der irgendwann gegen Ende unseres Gespräches fällt. Alejandro Calderón Jaffé hat da schon von Venezuela erzählt, dem Land, in dem er 1988 geboren wurde, das er aber nur einmal, wie aus Versehen, "Heimat" nennt. Von seinen Großeltern hat er berichtet, die als Juden vor den Nazis in das südamerikanische Land geflüchtet waren, aus Berlin, Heidelberg, der Opa väterlicherseits entfloh dem Terror in Kolumbien. Seinen eigenen Weg ins Exil nach Deutschland 2021 hat er ebenfalls beschrieben. An einer Hand, sagt er, könne er mittlerweile die Familienangehörigen und Freunde abzählen, die noch dort sind in Venezuela, diesem in Kriminalität und Chaos versunkenen Land. Niemand also, dem man fehlen könnte in diesem Zuhause, das nun für alle zu einer Art leerer Hülle, einer Fiktion, zu einem Phantomschmerz geworden ist. Oder zu einem "Traum", wie Alejandro Calderón Jaffé sagt. Exil als Schicksalszustand scheint über Generationen hinweg Baustein der DNA seiner Familie geworden zu sein. Durch die Erfahrung konsequenter Unmenschlichkeit. "Mein Thema ist Gewalt", erklärt der Künstler.

Mit Jaffés Ausstellung "Rückkehr" geht das Rationaltheater einen stillen Weg der Wiedereröffnung. Nach langen eineinhalb Jahren. Schon einmal hatte der Künstler, der sonst als Chef-Grafiker die Plakate für das Theater entwirft, seine Werke dort auf- und dann, dem Lockdown geschuldet, wieder abgebaut. Nun also kehren die Tusche-Zeichnungen und Skulpturen zurück. Und Dietmar Höss, Impresario des kleinen Schwabinger Theaters, freut sich, dass er zumindest Kunst inszenieren kann, denn ob und wann es mit den Vorstellungen wieder losgeht? Er steht hinter der Theke, brüht den Espresso auf und wird zum Fragezeichen.

Theater ist Illusion, Täuschung, ein Spiel mit Raum und Licht. Das weiß einer wie Höss natürlich, und Jaffé weiß es auch. Sie führen ihr Publikum in das pure Gegenteil eines sterilen White Cubes, weiß sind hier nur die Espresso-Tassen. Dunkles Holz an den Wänden, dunkler Boden, ein roter Lampenschirm wirft schummriges Licht, Boudoir-Atmosphäre suggerieren auch die Möbel. Zum Hineinlümmeln gemütlich sind sie, eine Komfortzone. Da aber sollten sofort alle Warnlichter angehen, schließlich sind wir hier in einem Theater. Er wird kommen, der schmerzhafte, unvermittelte Moment der Brechung, denn Alejandro Calderón Jaffés Werke erzählen von Wunden, Ängsten, der Einsamkeit eines Menschen im Exil.

Die langen Stunden, die ein Grafik-Designer am Rechner zu verbringen hat, wolle er mehr und mehr hinter sich lassen, sagt er. Das Sinnliche, Unmittelbare, das Freie der bildenden Kunst geben ihm viel mehr Raum, seine Gefühle auszudrücken. Weshalb er nach seiner Ankunft in Deutschland auch an der Kunsthochschule Giebichenstein in Halle studiert hat, im Fachbereich Bildhauerei. Das Erstaunliche an den Arbeiten, die nun im Rationaltheater zu sehen sind: Hier fügen sich die Fertigkeiten des Grafikers, des Fotografen, der er auch ist, mit der Kraft des Bildhauers und dem Blick des Malers zu etwas sehr Besonderem zusammen. Kontrolle und etwas Rohes, Entfesseltes tragen da einen Kampf aus - den keiner verliert.

Am besten sieht man das in seinen Skulpturen, die ungeheuer dynamisch sind. Auf einem Sockel eine Bronze, etwa von der Größe eines Bügeleisens. Nur einmal gegossen, ein Unikat, sagt Alejandro Calderón Jaffé und nickt, als man ihm aufzählt, welche Medienbilder die kleine Plastik triggert: Karawanen Flüchtender, die einen Grenzfluss zwischen Guatemala und Mexiko überqueren. Männer, Frauen und Kinder, die eine Menschenkette im Wasser bilden, um nicht fortgeschwemmt zu werden. Oder einer jener Häftlingszüge, Halb- und Fast-schon-Tote, die von SS-Schergen über eisige Straßen gejagt wurden. Jaffé nickt wieder. Und sagt dann etwas sehr Schönes, Zärtliches: "Ich habe diese Figur zu ewiger Statik verurteilt, das Mindeste, was ich machen kann, ist, ihr noch etwas Leben zu geben." Deshalb dieses Dynamische, die kleine Menschengruppe scheint sich schnell zu bewegen, auf ein gemeinsames, unsichtbares Ziel zu. Sie handelt autonom, wie Jaffé selbst, als er sich mit seinem letzten Geld ein Flugticket nach Deutschland kaufte. Er wolle seinen Arbeiten, die fast immer von Gewalt erzählten, auch Hoffnungszeichen einschreiben.

"Setzen Sie sich auf die Couch", sagt Dietmar Höss, und es klingt fast wie ein Befehl. Man gehorcht und nimmt unmittelbar vor der Bühne Platz. Mit einer Erwartungshaltung, als würde sich nun gleich der Vorhang heben. Auftritt. Doch da ist kein Vorhang. Dort oben steht etwas, das jetzt von einem riesigen Ventilator angeweht wird und zum Leben erwacht. Die Gesamtgestalt dieses Dings ist wuchtig und filigran zugleich. Ein Organismus, zusammengesetzt aus vielen Einzelorganismen. Auch hier hat es Jaffé fertig gebracht, die Skulptur in eine Bewegungsaktivität zu versetzen. Dabei besteht sie aus nichts als verleimter, verschraubter oder mit Draht umwickelter Wellpappe, Fetzen davon. Dantes "Divina commedia", sagt er, habe ihn hier beeinflusst. Das Bild im Höllen-Kapitel, in dem Charon, der Fährmann, die heulenden Seelen über den Acheron führt.

Auf Fotos oder in einem Film auf der Website des Theaters sieht man den Künstler, wie er die Pappe traktiert. Mit vollem Körpereinsatz, elegant wie ein Tänzer oder hemmungslos wie ein Kämpfer bewegt er sich dabei. "Dieses einfache Material, das ist etwas, das ich verletzen, zerreißen, Spuren von Gewalt hinterlassen kann." Der Draht, der fesselt, ins Fleisch eindringt, in sein Fleisch, das komme beim Arbeiten hin und wieder vor.

Kunst ist für Alejandro Calderón Jaffé ein Weg, seiner Traurigkeit, seiner Wut Bilder zu geben. Vielleicht ein Exorzismus. Wie alle Exilierten sehnt sich nach einer Rückkehr, nach Venezuela, oder der Erinnerung daran. Und dann auch wieder nicht. Wir sitzen im kleinen Rationaltheater und betrachten seinen Charon, auch er zwischen zwei Welten. Was mit der Skulptur geschieht nach der Ausstellung? Alles wieder auseinanderreißen, wegpacken in zwei Plastiktüten? Loslassen, wegschmeißen? Sich davon verabschieden, wie die Exilmenschen, die mit leichten Gepäck reisen müssen. Das Rationaltheater hat kürzlich seinen Stauraum, sein Archiv und damit ein wenig auch sein Gedächtnis verloren. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Die Vernissage zur Ausstellung "Rückkehr" von Alejandro Calderón Jaffé findet am Samstag, 17. Juli, 19 Uhr, im Rationaltheater, Hesseloherstraße 18, statt. Infos zu den Öffnungszeiten unter www.rationaltheater.de. Der Eintritt ist frei.

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