Süddeutsche Zeitung

Medizin in München:So funktioniert eine Operation am schlagenden Herzen

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Als einziger Arzt in München beherrscht Ferdinand Vogt vom Artemed Klinikum München Süd die Neochord-Methode. Mit ihr kann auf die Verwendung einer Herz-Lungen-Maschine verzichtet werden.

Von Stephan Handel

15 Zentimeter ist es lang und nur 300 Gramm schwer, aber dennoch hängt alles von ihm ab: Von der ersten bis zur letzten Sekunde des Lebens schlägt das menschliche Herz, Tag und Nacht, pumpt das Blut durch den Körper, 70 Kubikzentimeter pro Schlag, knapp fünf Liter in der Minute. Verständlich, dass Mediziner seit jeher große Anstrengung darauf verwendet haben, Erkrankungen, Defekte des Herzens zu behandeln und womöglich zu heilen.

Einen großen Fortschritt in diesen Methoden brachte die Ende der 1930er-Jahre erfundene Herz-Lungen-Maschine - sie bietet die Möglichkeit, das Herz für eine bestimmte Zeit sozusagen stillzulegen; das Blut wird außerhalb des Körpers vom Kohlendioxid befreit und mit Sauerstoff angereichert, eine Pumpe hält den Kreislauf aufrecht.

Allerdings ist der Einsatz der Maschine nicht risikolos und nicht ohne Nebenwirkungen: Das Blut muss gerinnungsfrei gehalten werden, es drohen Embolien und neurologische Schäden. Umso bedeutsamer, dass nun ein Krankenhaus in München eine Methode anbietet, einen bestimmten Herzdefekt ohne Einsatz der Maschine zu beheben, eine Operation am schlagenden Herzen also.

Ferdinand Vogt ist Herzchirurg und Leitender Oberarzt im Artemed Klinikum München Süd in Thalkirchen. Neben ihm gibt es in Bayern nur noch in Augsburg und in Nürnberg Ärzte, die die Methode beherrschen: Reparatur der Mitralklappe mit dem System Neochord. Die Mitralklappe verbindet linke Herzkammer und linken Vorhof, über sie wird das Blut, von den Lungen kommend, in den Körper weitergeleitet.

Bei der OP wird ein kleiner Schnitt unterhalb der linken Brustwarze angebracht

Nun geschieht es, dass mit zunehmendem Alter die Klappe undicht werden kann: Von den beiden Segeln, die das Ventil ausmachen, schließt das hintere nicht mehr vollständig. Dadurch kommt es zu einem Rückstau in den Lungenkreislauf, Atemnot ist die Folge, Leistungsminderung, Wasser in der Lunge, im schlimmsten Fall Herzrhythmus-Störungen.

Zur Behandlung der Mitralklappen-Insuffizienz stehen mehrere Methoden zur Verfügung: die Operation am offenen Herzen - mit dem offensichtlichen Nachteil, dass dafür das Brustbein durchgesägt werden muss -, daneben ein minimalinvasiver Eingriff über die rechte Brustseite und verschiedene technische Verfahren. Bei ihnen allen aber wird das Herz "abgeklemmt", wie die Mediziner sagen, es kommt die Herz-Lungen-Maschine zum Einsatz.

Darauf kann Ferdinand Vogt bei seiner Neochord-Methode verzichten: Er bringt dem Patienten einen kleinen Schnitt von sieben bis zehn Zentimetern unterhalb der linken Brustwarze bei. Durch diesen führt er dann ein Spezialgerät über die Herzspitze direkt in die linke Kammer ein. Dieses Gerät verfügt vorne über eine Art Zange, mit der er es nun schaffen muss, das defekte Klappensegel zu fassen. Ist das gelungen, so wird mittels einer Nadel ein Faden aus Teflon an das Segel genäht. Wenn dieser Vorgang zwei- bis viermal geglückt ist, wird das Segel über die Fäden nach unten gezogen, bis es wieder richtig schließt. Die Fäden selbst werden außerhalb der Herzspitze verknotet und befestigt. Kontrolliert wird alles durch eine Echokardiographie in der Speiseröhre.

Noch gibt es wenige Ärzte, die diesen Eingriff anbieten

90 bis 100 Minuten dauert die Operation, kürzer als alle anderen Methoden. Das ist aber nicht der einzige Vorteil: Weil das Herz ganz normal weiterschlägt, kann der Erfolg der Prozedur jederzeit live verfolgt werden. Außerdem werden die Strukturen im Herzinneren bewahrt, so dass, wenn später ein weiterer Eingriff nötig werden würde, alle anderen Methoden immer noch zu Verfügung stehen.

Dass die Methode, die seit 2012 zugelassen ist, dennoch noch nicht weit verbreitet ist, erklärt Herzchirurg Ferdinand Vogt mit einer merkwürdigen Konkurrenz-Situation unter Medizinern, die sich mit dem Herzen beschäftigen: Eigentlich beanspruchen die Kardiologen minimalinvasive Eingriffe für sich, Herzchirurgen kommen erst dann zum Einsatz, wenn wirklich aufgeschnitten wird. Die Neochord-Methode ist aber beides: minimalinvasiv, weil mit einem Katheter gearbeitet wird - aber eben auch operativ, weil ja die Herzwand durchstoßen wird.

So ergibt sich das Dilemma, dass die Kardiologen sich nicht trauen, weil sie keine Chirurgen sind, und die Chirurgen nicht wollen, weil sie den Umgang mit minimalinvasiven Geräten nicht gewohnt sind. Dem Herzen selbst ist es wahrscheinlich egal, wie es repariert wird - solange es nur weiter schlagen kann.

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