SZ-Serie: 550 Jahre LMU-Medizin:Wie das erste Kinderspital Bayerns gegründet wurde

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SZ-Serie: 550 Jahre LMU-Medizin: "Kindermedizin braucht ein anderes Wissen und einen anderen Zugang zum Patienten", sagt Christoph Klein. Er ist seit 2011 Direktor der Kinderklinik und damit Nachfolger des Gründers August von Hauner.

"Kindermedizin braucht ein anderes Wissen und einen anderen Zugang zum Patienten", sagt Christoph Klein. Er ist seit 2011 Direktor der Kinderklinik und damit Nachfolger des Gründers August von Hauner.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Arzt August von Hauner hatte einen Lebenstraum: eine moderne Kinderklinik in München. Doch es dauerte lang, bis das Geld dafür beisammen war.

Von Stephan Handel

Ein Kind zu sein im 19. Jahrhundert, war keine leichte Aufgabe: Sogar in der reichen Residenzstadt München starb ein Drittel vor dem fünften Lebensjahr. Hauptursachen waren Durchfallerkrankungen, Infektionen - und Armut: Wer arm war, ernährte sich schlechter und konnte sich bei Krankheit keinen Arzt leisten. Die therapeutischen Möglichkeiten waren eingeschränkt; es gab noch keine Antibiotika und keine Impfungen. 1845 kam der Arzt Napoleon August Hauner nach München, um als Armenarzt zu praktizieren: Er versorgte bedürftige Bürger kostenlos und wurde dafür mit 150 Gulden Jahresgehalt aus der Stadtkasse entlohnt.

Hauner war 33 Jahre alt, als er 1846 eine Zwei-Zimmer-Wohnung an der Sonnenstraße anmietete und dort mit sechs Betten das erste Kinderspital in München und in Bayern überhaupt begründete. Das waren die bescheidenen Anfänge der heutigen Universitäts-Kinderklinik, die immer noch den Namen ihres Gründers trägt - denn nicht nur hat er die Grundlagen für Kindermedizin in München gelegt, er hat auch entscheidend zur Entwicklung der Pädiatrie beigetragen.

Immer auf Augenhöhe mit den kleinen Patienten

"Hauner hat erkannt, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind", sagt Christoph Klein. Er ist seit 2011 Direktor der Kinderklinik und damit ein Nachfolger des Gründers. "Gehirn, Immunsystem bei Kindern funktionieren ganz anders als bei Erwachsenen. Deshalb braucht Kindermedizin ein anderes Wissen und einen anderen Zugang zum Patienten." Das bedeutet bei Klein zum Beispiel, dass er immer in die Hocke geht, sozusagen auf Augenhöhe, wenn er mit seinen kleinen Patienten spricht. "Dem vierjährigen Max oder der sechsjährigen Lena ist es völlig wurst, dass ich Professor bin."

Auf drei Säulen, sagt Klein, baue die Kindermedizin auf - drei Säulen, die auch August Hauner zur Maxime seines Handelns machte: die Erkenntnis, dass die Kindheit eine besondere Lebensphase ist, die das ganze restliche Leben prägt. Zum zweiten eine ganzheitliche Herangehensweise - schon allein, weil der Arzt einem kleinen Kind nicht erklären kann, dass das jetzt gleich weh tun wird, aber dass es dann besser wird. Und zum dritten natürlich das wissenschaftliche Denken, ärztliches Handeln nicht aus dem Bauch heraus zu entwickeln, sondern nach Evidenz, also nach Methoden, deren Wirksamkeit bewiesen ist - eine Sichtweise, die im 19.Jahrhundert sich durchzusetzen aber gerade erst begann.

Ironischerweise wurde Hauners großer Wunsch, einen eigenen Lehrstuhl für Kindermedizin an der Universität zu bekommen, nicht erfüllt - den eingesessenen Ordinarien erschien er als Mann, der seine Erkenntnisse nicht im Labor und am Mikroskop gewann, sondern am Krankenbett, und das war nicht in Mode zu einer Zeit, in der Emil von Behring, Rudolf Virchow und Robert Koch herausragende Entdeckungen auf dem Feld der Mikrobiologie und der Immunologie machten. Zwar wurde er 1858 zum Honorarprofessor ernannt - der Zusatz "Honorar" leitet sich aber vom Lateinischen honor, Ehre, ab; Geld bekam Hauner dafür nicht.

Prominente Förderer im Trägerverein des Spitals

Immerhin hatte er es geschafft, einen Verein zu gründen, der als Träger seines Spitals auftrat, mit überaus prominenten Personen als Förderer, allen voran die bayerischen Königinnen Therese und Marie. Bis heute gibt es im Kinderspital eine Marmortafel, die zeigt, welchen Rückhalt Hauner in der Münchner Stadtgesellschaft hatte, bekannte Bierbrauer-Namen finden sich dort ebenso wie Gräfinnen, Freifrauen, Privatiers-Witwen und Advokaten-Gattinnen. Christoph Klein würde sich derartiges bürgerschaftliches Engagement auch heute wünschen - wahrscheinlich auch, weil er in den USA, in Harvard gelehrt hat, wo private Initiativen zur Finanzierung sozialen Engagements viel weiter verbreitet sind als hierzulande. "Wir müssen als Gesellschaft auf die Lebenswirklichkeit der Kinder achten", sagt er und meint damit: Gerade dem kranken Kind sollte die Gesellschaft alles zur Verfügung stellen, was es braucht, und das sind eben nicht nur ein Bett und Medikamente.

Ein Adelstitel hilft, Mäzene zu finden

August Hauners Spital wuchs schnell aus der Zwei-Zimmer-Wohnung an der Sonnenstraße heraus. So zog er zunächst in die Jägerstraße hinter dem Odeonsplatz, dann in die Gartenstraße, die heutige Kaulbachstraße in Schwabing. 1858 war ihm der persönliche Adelstitel verliehen worden. Das machte es wahrscheinlich leichter, Mäzene für seine große Idee zu finden, den Neubau einer modernen Kinderklinik in München. Dennoch dauerte es Jahrzehnte, bis das Geld beisammen war: 1882 wurde das Dr. von Haunersche Kinderspital an der Lindwurmstraße eröffnet.

Der Gründer überlebte die Erfüllung seines Lebenstraumes nur zwei Jahre, 1884 starb August von Hauner. Wenig später erfüllte sich auch seine zweite große Vision: Das Haus wurde vom bayerischen Staat übernommen und zur Universitätskinderklinik erklärt.

Das ist es bis heute, allerdings haben sich die Aufgaben stark verändert: Nicht mehr die Versorgung mittelloser Kinder steht im Mittelpunkt, sondern die Behandlung schwerkranker Patienten, denen anderswo nicht mehr geholfen werden kann. "Wir sind oft die letzte Anlaufstelle für seltene Erkrankungen", sagt Christoph Klein. Dabei gibt es erstaunliche Erfolge - so werden heute vier von fünf Kindern mit Leukämie geheilt. Klein hat 2009 die "Care for Rare"-Stiftung gegründet, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf seltene Erkrankungen lenken will - Erkrankungen, die meistens nur auf genetischer Basis zu behandeln sind, also mit personalisierter, auf den jeweiligen Patienten zugeschnittener Therapie.

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(Foto: Kinderchirurgische Klinik)

Wie viel sich doch geändert hat seit Hauners Zeiten, als Unterleibsbeschwerden mit Milchbädern behandelt wurden und lungenkranke Babys in Weidenkörben an Fensterbretter gehängt wurden, damit sie frische Luft bekamen. Seit Langem zeigt sich allerdings auch, dass das altehrwürdige Haus an der Lindwurmstraße die Anforderungen moderner Medizin immer schlechter zu erfüllen in der Lage ist. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird deshalb schon am "Neuen Hauner" herumgeplant, das am Standort Großhadern entstehen soll.

2014 glaubten alle, der Durchbruch, nämlich die Finanzierung, sei geschafft, als Qabus bin Said al-Said, der Sultan von Oman, nach einer Behandlung an der Uniklinik die Summe von 17 Millionen Euro spendete - aber bis heute wurde im jetzigen Patientengarten in Großhadern, dem vorgesehenen Standplatz, keine Schaufel Erde bewegt. "Vergesst die Kinder nicht!" - das ist so etwas wie das Lebensmotto von Christoph Klein, es hätte auch das von August Hauner sein können. Im Fall des Neuen Hauner könnte das bedeuten: die Bürokratie beiseite zu lassen und endlich mit dem Bau zu beginnen.

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