bedeckt München 26°

Feiern auf der Ludwigstraße:München braucht mehr Platz für Münchner

"Streetlife Festival" in München, 2017

So sah es vor vier Jahren beim "Streetlife Festival" aus: Die Besucher flanieren am Odeonsplatz über die autofreie Ludwigstraße.

(Foto: Catherina Hess)

Lassen sich junge Menschen wirklich vorschreiben, wo die Party steigen soll? Die Idee, die sommerlichen Treffpunkte zu entzerren, ist sehr gut. Nur die Ludwigstraße ist wohl nicht der ideale Ort.

Kommentar von Thomas Anlauf

Eine Feiermeile für die Frustrierten: Mit Abstand und Anstand klingt das großartig. Es sind so viele Menschen, die sich nach all den dunklen Corona-Monaten treffen wollen, den Sommer genießen und manchmal einfach auch einen drauf machen wollen.

Dafür sperrt die Stadt nun sogar die komplette Ludwigstraße von Odeonsplatz bis mindestens zum Siegestor für den Verkehr. Damit sollen exzessive Partyszenen wie zuletzt auf der Türkenstraße in der Maxvorstadt vermieden werden, als Hunderte im Kneipenviertel die Straße bevölkerten, Müll und Scherben hinterließen und schließlich von der Polizei auf befahrene Straßen abgedrängt wurden.

Die Aktion gelang nicht wirklich, aber da lief nicht nur bei der Polizei etwas falsch, sondern auch bei den Feiernden. Jetzt reagiert der Münchner Stadtrat: Die Menschen sollen an den Wochenenden zum Feiern in die dann abgesperrte Ludwigstraße umziehen. Kann das überhaupt funktionieren?

Abgesehen davon, dass man als junger Mensch nach all der frustrierenden Zeit ohne Schule, ohne Uni, ohne Lehrstelle ein paar Sommernächte lang die Leichtigkeit des Lebens genießen will. Der Mensch wird sich ungern vorschreiben lassen, wo er sich mit Freunden zu treffen hat, zum Beispiel in der Ludwig- statt in der Türkenstraße. Die ist seit vielen Jahrzehnten ein Ausgehziel, der Wedekindplatz an der Münchner Freiheit seit kurzem, der Gärtnerplatz wurde durch seine Verschönerung 2006 vom Drogentreffpunkt zur Partymeile. Die Menschen zieht es natürlich dort hin, wo es schön ist, nicht an den Ratzingerplatz oder unter die Donnersbergerbrücke.

Die Idee, die sommerlichen Hotspots mit Feiernden zu entzerren, ist sehr gut. Doch es braucht auch ein Angebot für die Menschen in den Sommernächten, ob es ein Eis, ein Bier oder ein Falafel ist, das sie genießen können. All das gibt es in der gestreng gestalteten Ludwigstraße bislang nicht.

Ministerien, Banken, Universitätsgebäude und Verwaltungen gibt es dort, sie sind wahrlich kein Ort zum Verweilen. Wenn die Leute nur dort nachts herumstehen dürfen, werden sie die Ludwigstraße wohl nicht annehmen. Und es müssen jetzt schnell viel mehr attraktive Orte auf den Plätzen und Straßen der Stadt geschaffen werden. München braucht mehr Platz für Münchner.

© SZ vom 23.06.2021/wean
Zur SZ-Startseite
Partynächte in München

SZ PlusPolizeieinsatz in der Maxvorstadt
:Münchens neues Glasscherbenviertel

Zweimal muss die Türkenstraße an diesem Wochenende geräumt werden. Bis zu 1000 Menschen treffen sich hier im Univiertel zur gefühlten Post-Pandemie-Party. Protokoll einer wilden Nacht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB