Casa Nostra:Großes Essvergnügen in der Maxvorstadt

Lesezeit: 3 min

Casa Nostra: Saftig, zart und fein im Geschmack: das Zitronenhuhn.

Saftig, zart und fein im Geschmack: das Zitronenhuhn.

(Foto: Robert Haas)

Das Casa Nostra in der Maxvorstadt hat eine ziemlich bewegte Geschichte. Nun also Italien, so wie es sich der Münchner in der edleren Version vorstellt.

Von Iwan Lende

Von einer fremden Gastwirtschaft bekommt man schon einen ersten Eindruck beim Versuch, einen Tisch zu reservieren. Am Tonfall des telefonischen Gegenübers lässt sich so einiges festmachen, was einen erwarten könnte. Hektik? Gelassenheit? Bairisch Gemütliches gar? Iwan Lende jedenfalls, dank der Gnade der frühen Geburt beileibe nicht den Digital Natives zuzurechnen, mag das Ritual. Und ist demzufolge etwas irritiert, als er auf der Website des ziemlich jungen Gastrobetriebs Casa Nostra aufgefordert wird, seine Reservierung über den digitalen Dienstleister Open Table zu organisieren.

Das funktioniert dann ungefähr so wie beim Zahnarzt, nur dass sich die Angst vor dem Besuch darauf beschränkt, dass man ja nicht mehr als zehn Minuten zu spät zum vereinbarten Termin kommt, sonst ist's vorbei mit dem Open Table. Dass diese digitale Reservierungsmaschinerie auch noch darauf verweist, man habe als Besucher maximal zwei Stunden Zeit für Speis & Trank, mag der coronabedingten 22-Uhr-Sperrstunde geschuldet sein. Gemütlichkeit verspricht diese Ansage trotzdem nicht.

Das Lokal an der Ecke Schleißheimer-/Gabelsbergerstraße hat eine ziemlich bewegte Geschichte, man soff dort vor längerer Zeit aus großen Gläsern Caipi oder briet sich später das Steak am Tisch. Nun also Italien, so wie es sich der Münchner in der edleren Version vorstellt. Die riesige U-förmige Bar am Eingang, vor der kaum Platz bleibt für 2-G- und Passkontrolle, die dunkel gehaltene Decke mit runden Spiegeln und runden Blindflächen dimmt die Atmosphäre in Richtung Wohnzimmer, die Tische sind auch an den Wänden so dicht gestellt, dass Lende den Bauch einziehen musste. Es sollen an die hundert Menschen hier Platz finden. Und nach oben haben die Aerosole auch nur wenig Platz zur Flucht. Nun denn ...

Casa Nostra: Dicht gestellte Tische sollen Platz für an die hundert Menschen bieten.

Dicht gestellte Tische sollen Platz für an die hundert Menschen bieten.

(Foto: Robert Haas)

Die kleine Garderobe Richtung Toilette bietet zu wenig Platz, weswegen sich Anorak, Mantel & Co. oft zwischen den Tischen und Stühlen türmen. Doch es versöhnen einen die Aperitifs, wobei der Piana Daiquiri (zweimal Rum plus Grapefruit, 11 Euro) als Pars pro toto neben dem Tagesangebot Bluesberry (12) besonders zu loben wäre. Lende, vom Anmarsch noch etwas zu durstig für solcherlei Schwergewichte, bestellt ein Bier und findet, dass hier selbst Löwenbräu trinkbar schmeckt (0,4 Liter 3,80).

Nun aber zur Vorspeise, zwei Stunden sind schneller vorbei als oft gedacht. Man einigt sich auf ein Carpaccio di Manzo (14,00) plus Trüffel extra (7,00) und, für weniger Entschlossene am Tisch, Antipasti à la Casa Nostra, wo dann aber auch San-Daniele-Schinken und Salami deutlich dominieren, was ja nicht ehrenrührig ist. Es gäbe durchaus Angebote für Nichtcarnivoren. Wir probierten ein andermal den Insalata di Polpo, wobei die recht zarten Teile der Ärmchen (wenig) auf Kartoffelpüree (viel) drapiert waren, eine passable Mixtur dank der Vignaigrette dabei.

Casa Nostra: Was die Pizza betrifft, findet man hier auch ungewöhnliche Kombinationen.

Was die Pizza betrifft, findet man hier auch ungewöhnliche Kombinationen.

(Foto: Robert Haas)

Ganz und gar unitalienisch verständigten wir uns, auch nach einem Blick auf die Uhr auf den Wahnsinn mit Primi und Secondi Piatti zu verzichten. So kamen nun, gleichzeitig natürlich und mit eleganter Freundlichkeit serviert, die Hauptspeisen auf den Tisch. Sie machten, das vorneweg, allesamt großes Essvergnügen. Das Zitronenhuhn (23): saftig, zart und dank Kräuter, Zitrone und Kapern von feiner Geschmackskomposition; die Tagliatelle alla Cozze (16,90) waren wohl im Muschelsaft mitgekocht, was den mediterranen Touch geschickt abrundete; auch die Orecchiette mit einem Ragout vom Rindsfilet (15) mundete vortrefflich, vielleicht auch weil dem Filet nicht zu viel Garzeit zugemutet worden war.

Bevor Lende nun den Chartsgewinner nennt, sei noch auf die feine Pizza Campo di Fiori, also mit Kürbiscreme, Champignon und Mozarella (11,90) verwiesen, die zeigte, dass man beim Allerweltsgericht Italiens auch exquisite Varianten kennt ("Die haben einen Steinofen", verriet uns die Nachbarin, die dank der Nähe der Tische zueinander unsere Diskussion verfolgen konnte). Das schlichte gegrillte Filet vom Simmentaler Rind gewann vor allem dank der kunstvoll komponierten, leicht scharfen roten Jus zu den gegarten Kartoffeln.

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online und mit einer Bewertungsskala. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fastfood-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: Nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können. SZ

Das höchste Lob aber fuhr ein Fisch ein, einer, dessen Zubereitung oft so einfach aussieht: "Tonno a Blue", auf Deutsch Thunfischsteak in der Pinienkruste. Feine Würze dank der Kruste, vor allem aber die allseitig gleich kurze, intensive Hitze briet das feine Stück im ersten halben Zentimeter durch, ließ es dann aber bis zur Mitte hin nahezu roh, ein Verfahren, das zwar nicht neu, aber selten so perfekt gelungen ist. Wenn jedenfalls das Wort der Geschmacksexplosion angebracht sein sollte, dann hier. Dickes Kompliment!

Nun firmiert das Casa Nostra im Netz unter dem Label "Modern Italian Eatery". Man dürfte ohne zu übertreiben anfügen "... and Drinkery", denn sowohl Hochprozentiges wie Gemixtes steht in großes Auswahl zur Verfügung. Und die Weinkarte ist entsprechend üppig, mit einer anständigen Auswahl auch an offenen Weinen, die auch noch, in München fast eine Überraschung, im 0,2-Format angeboten werden. Nun aber maßen sich Lende und die Seinen nicht an, den 2020 CAL Riesling (29) mit einem Pecorino aus den Abruzzen (160) kundig zu vergleichen, sondern konstatieren nur, dass die Empfehlungen der äußerst freundlichen Servicedame sich als sehr treffend erwiesen.

Was allerdings die Testung der Nachspeisen betrifft, so fiel diese dem Zwei-Stunden-Diktum zum Opfer. Das aber wurde allseits nicht als Defizit empfunden.

Casa Nostra, Adresse: Gabelsbergerstr. 97, 80333 München, Telefon: 089/18944496, Öffnungszeiten: Sonntag bis Mittwoch 17.30 bis 22.30 Uhr, Donnerstag bis Samstag 17.30 bis 23 Uhr.

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