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Stadtplanung in München:Neue Pläne für die Augustenstraße?

Flachbau in der Augustenstraße in München, 2019

Kantiger Charme: Diese Baracke mit einem Antiquitätengeschäft ist längst verschwunden - doch ähnlich urwüchsige Läden gibt es immer noch in der Augustenstraße. Sie fügen sich mit den vor- und zurückspringenden Baulinien zu einem kunterbunten Stadtbild.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Offensichtlich macht sich die Verwaltung nun doch an ein Konzept für eine Umgestaltung der Augustenstraße, bislang halten sich die Behörden aber bedeckt. Der Bezirksausschuss verlangt, zügig informiert zu werden - und setzt eine Frist.

Von Stefan Mühleisen

Prinzessin Auguste soll mehrmals in Ohnmacht gefallen sein, doch es half nichts: Sie musste sich in die Heirat mit Napoleons Stiefsohn, Italiens Vizekönig Eugène de Beauharnais, fügen. Das war die Bedingung, damit ihr Vater, Maximilian I. Joseph, zum König von Bayern erhoben wurde. Die Ehe aus Staatsräson wurde zu einer Liebesbeziehung, und so ist das auch mit dem Verhältnis der Maxvorstädter zu der Straße, die ihren Namen trägt, der Augustenstraße.

Sie hat städtebaulich zwar wenig Anmut, kaum architektonische Reize. Das passt zunächst nicht zu Auguste Amalia Ludovika von Bayern, einer wunderschönen Frau. Doch sie war auch sehr liebenswürdig, was dem Charakter der Augustenstraße absolut gerecht wird. Da reihen sich Klimbim-Geschäfte, Lokale, Cafés, Supermärkte, Wettbüros aneinander - mit der stolzen Josephskirche als (kaum sichtbaren) Point de vue im Norden. Eine kunterbunte Melange mit urwüchsigem Charme, ein herber Kontrast zu den geschleckten Geschäftsstraßen in der City - und so soll es bleiben, finden so manche. Sie sei gut so, wie sie ist, schrieb eine SZ-Leserin vor Jahren. "Finger weg von der Augustenstraße!" Andere sagen, so, wie sie ist, soll sie keinesfalls bleiben, der Bezirksausschuss (BA) Maxvorstadt etwa.

Der fordert und fordert seit Jahren, dass die Stadtverwaltung endlich Hand anlegt an diese fast anderthalb Kilometer lange Achse zwischen Bahnhofsviertel und Josephsplatz. Und jetzt könnte sich bald etwas rühren. Das neue Mobilitätsreferat will ein Konzept für eine Neuordnung der Augustenstraße vorlegen. "Die Behandlung im Stadtrat ist für Mitte des Jahres geplant", bestätigt die Behörde.

Das hatte die Stadt kürzlich auch der Zeitung Hallo München bestätigt, was den Bezirksausschuss in der jüngsten Sitzung an den Rand einer Ohnmacht brachte - denn wie das Konzept aussieht, stand da nicht. Und auch nicht, wann der BA informiert werden soll. "Seit Jahren stellen wir Anträge und bekommen keine Antwort", schimpfte Felix Lang (SPD). "Wir sind die Allerersten, die informiert gehören", fand die Gremiumsvorsitzende Svena Jarchow (Grüne) nicht weniger ungehalten. "Wir hängen da mit vollem Herzblut dran."

Herzblut, in der Tat. Das engagiert vorgetragene Klagelied über den Zustand der Augustenstraße ist ein Evergreen im Bezirksausschuss. Dabei geht es darum, Ordnung in den stadträumlichen Verhau zu bringen. Der war nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, mit vor- und zurückspringenden Baulinien, quasi Zwangsbeglückung mit inhomogenem Stadtbild. Eng geht es mitunter zu, teils haarsträubend eng, vor allem an den Kreuzungen, wo die Radwege scharfe Kurven schlagen. Das soll, das muss klüger organisiert werden, forderten die Lokalpolitiker 2016, 2017, 2018 und 2019 in immer drängenderen Anträgen - hatte die Stadt doch versprochen: Wenn die Neugestaltung des Josephsplatzes fertig ist, legen wir los. Im Sommer 2016 war der Platz fertig - doch all das Drängen blieb vergeblich. Und plötzlich ist da ein Konzept im Busch.

Die Folge: Fassungslosigkeit unter den BA-Politikern - und eine Art Droh-Antrag mit Fristsetzung. Die Politiker verlangen jetzt von der Stadt, bis Ende März 2021 einen Workshop mit BA-Mitgliedern sowie Vertretern der Verwaltung zu organisieren. "Für den Fall, dass keine zeitnahe Rückmeldung erfolgt, beantragt der BA eine Einwohnerversammlung zum Thema", heißt es in dem von der SPD formulierten, in der Sitzung gemeinschaftlich abgeänderten und einstimmig beschlossenen Antrag.

Die Botschaft: Wenn ihr das Konzept nicht rausrückt, dann müsst ihr es vor der versammelten Bürgerschaft tun. Ob sich eine Einwohnerversammlung in Zeiten der Corona-Pandemie durchziehen lässt, ist für das Gremium zweitrangig. Unverblümt sprach BA-Chefin Jarchow in der Sitzung von einem "Druckmittel".

Da keiner weiß, was da im Busch ist, brachte der Groll auf die Stadt den Kompromiss

Sollte es dazu kommen, könnten die Politiker jedoch selber unter Druck geraten. Denn die Bürger dürften mitreden wollen, wie und ob überhaupt an ihrer geliebten Augustenstraße herumgedoktert werden soll. Und jeder schätzt etwas anderes. Manche finden das Gewusel wunderbar, andere nervig. Die einen wollen verkehrsberuhigte Zonen, andere, vor allem Ladenbesitzer, pochen auf die Autoparkplätze.

Eine Straße, viele Vorstellungen, auch im Bezirksausschuss. Im Herbst 2020 scheiterte der fast schon traditionelle Wie-sieht-es-verdammt-nochmal-mit-der-Augustenstraßenplanung-aus?-Antrag nach langer Debatte. Die Grünen wollten Konzeptideen reinschreiben, die anderen Fraktionen nicht. In der jüngsten Sitzung ging es hin und her, ob man sogleich eine Bürgerbeteiligung einfordern soll.

Das hätten die Menschen verdient, meinten die einen; das Konzept sei womöglich zu komplex dafür, die anderen. Da keiner weiß, was da im Busch ist, brachte der Groll auf die Stadt den Kompromiss, also den Schachzug mit der Einwohnerversammlung. "Die muss die Stadt organisieren und durchführen, das will die Stadt aber nicht", sagte Christian Krimpmann (CSU).

Was die Stadt, zumindest auf SZ-Anfrage hin, auch nicht will: das Konzept zumindest in Grundzügen darlegen. Die Augustenstraße sei auf der gesamten Länge hinsichtlich Stärkung der Aufenthaltsqualität und Beseitigung von Defiziten im Straßenraum untersucht worden, teilt das Mobilitätsreferat in einer knappen Erklärung mit. Derzeit werde ein Beschlussentwurf vorbereitet.

"Die Beteiligung des Bezirksausschusses und der Verbände wird zeitnah erfolgen", verspricht die Behörde. "Es wurden verschiedene Gestaltungsvarianten und die daraus resultierenden Maßnahmen geprüft, die dem Unterausschuss Verkehr des Bezirksausschusses 3 bereits im März 2020 vorgestellt wurden."

Moment mal, tatsächlich? "Ja, es war jemand da", erinnert sich Hans-Stefan Selikovsky, damals für die SPD Leiter des Unterausschusses. Der Besuch des Verwaltungsmitarbeiters in nichtöffentlicher Sitzung sei aber "unbefriedigend" gewesen. "Der hat eigentlich nur gesagt, dass die Stadt in der Sache nicht untätig ist." Deutet das jetzt auf zaghafte oder gewissenhafte Planung hin? Alle sind gespannt, was wohl mit dieser rauen Schönheit unter Münchens Straßen passieren mag.

© SZ vom 13.02.2021/lfr
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