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Alter Simpl:Anekdoten, die nur so herauspurzeln

Toni Netzle Alter Simpl

Toni Netzle feiert ihren 90. Geburtstag.

(Foto: Stephan Rumpf)

Elvis, Ellington, Eichinger: Toni Netzle machte den Alten Simpl von 1960 an zu Münchens erstem Promi-Lokal und prägte so mehr als drei Jahrzehnte lang die Stadt mit. Nun feiert sie ihren 90.Geburtstag.

Sie sagt am meisten, wenn sie nichts sagt. Toni Netzle sitzt vor einer Woche in ihrem Arbeitszimmer und blickt auf ihr Leben zurück. Darin ist bislang so viel passiert, dass die frühere Wirtin des Alten Simpl seit Jahren Leseabende veranstaltet. Dann spricht sie. Über Duke Ellington, der schüchtern fragte, ob er am Flügel spielen dürfe. Über den Produzenten Bernd Eichinger, der an seinem Geburtstag ohnmächtig nach Hause getragen werden musste, oder die Straßensperre für Brigitte Bardot. Über diesen Kristallisationspunkt für Klatsch- und Ratschgeschichten in Schwabing in den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Die Anekdoten kullern wie aus einem Sack Murmeln aus ihr heraus. Netzle schaut ab und an auf ihre Bücherwand. Dann wird sie still. Sie hat Angst. "Dass ich das noch einmal erleben muss", sagt sie. Sie meint nicht das Corona-Virus. Sie meint "das braune Erwachen", das Wiederaufleben nationalsozialistischer Umtriebe.

Netzle ist eine routinierte Rednerin, trainiert über Jahrzehnte, als geradezu magnetische Gastgeberin. Mit ihr kann man aber auch darüber sprechen, wie es ist, statt viele Menschen um sich zu haben nun vor allem alleine zu Hause zu sein. Sie kennt das, seit Jahren, sie liest, schreibt an ihren Büchern.

Schauspielerin wollte sie ursprünglich werden, wollte auf Bühnen oder vor Kameras stehen. Was sie geworden ist, war eine Stand-up-Darstellerin, die jedem ihrer Besucher im Simpl die gewünschte Rolle bot, die er oder sie sich als Gegenüber gerade wünschte. Sie konnte alles vermitteln. Strenge, Nachsicht, Klamauk.

Toni Netzle lehnt sich in ihrem Sessel zurück und fängt noch einmal von vorne an. Mit einem der ersten Zufälle, mit einem großen glücklichen Zufall für die Stadt. Als die Anwaltskanzlei ihres Vaters im Jahr 1960 mit der Nachricht kam, dass im Simpl ein neuer Wirt gesucht würde. Das Büro hatte den Hausbesitzer als Mandanten. Netzle aber war wild entschlossen, mit der Schauspielerei ihr Leben zu verbringen, hatte die erste Klasse der Falckenberg-Schule besucht. "Ich kann das nicht", sagte sie zur Frage nach dem Simpl, "ich kann ja Rot- und Weißwein nur nach der Farbe unterscheiden und habe noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken." Hat sie bis heute nicht, die Teetasse ist in der Wohnung immer in ihrer Nähe.

Netzle wurde damals geschickt gelockt. Mit einer kleinen Bühne im Simpl. Eine eigene Bühne für sie. Also sagte sie zu und begann das Wirtsein zu lernen. Wobei schnell klar war: Man muss etwas nicht immer perfekt können, um es zu machen. Was sie nicht konnte, war zählen, wirtschaften. Was sie konnte, war das Unterhalten. Ihre erste Rolle: die Anfängerin, die sich aber, obwohl ahnungslos, von niemandem etwas sagen lässt und allein dadurch Sympathie und Unterstützung bekommt. Der ging schon auch mal eine Zutat aus. Wie in jedem normalen Haushalt eben.

Zunächst kamen Anfang 1960 nicht viele Gäste, der frühere "Simplicissimus" mit Stammbesuchern wie Ringelnatz war zwischenzeitlich von wechselnden Pächtern mit wechselnden Namen beinahe ruiniert worden. Netzle zapfte los im Simpl, die ersten Schauspielkollegen kamen, dann brachte ihr Lebensgefährte Musiker mit. Und dann gab es den zweiten Zufall. Duke Ellington.

"Ich hatte einen Freund, der Toningenieur war", sagt sie. Netzle beginnt oft Sätze mit: "Ich kannte jemanden" oder "Ich hatte eine Freundin, die". Der Toningenieur war in einem der wenigen Live-Clubs der Stadt engagiert, im Deutschen Museum. Er bekam einen guten Sound hin, die in München stationierten Amerikaner brachten gute Musiker mit, und schon lief der Laden. Und wenn er irgendwann am frühen Morgen zusperrte, fragten die Amerikaner ihren Toningenieur, wo man noch hingehen könne. Na, in den Alten Simpl. Auf dessen Bühne wurde gejammt, "manchmal bis morgens um neun". Die Musiker also kamen, und dementsprechend die Musikverleger wie etwa Ralph Maria Siegel, Vater von Ralph Siegel. Der schenkte Netzle einen Flügel, einen mit Barhockern drum herum. Wie man ihn in Amerika zu der Zeit in den Bars haben musste.

1961 kam dann der befreundete Toningenieur mit einem Begleiter, und das war Duke Ellington. Ellington sah den Flügel und fragte schüchtern, ob er spielen dürfe. In Amerika durfte er das laut Musikergewerkschaft nicht. "Da galt, dass der bessere Musiker anderen nicht die Show stehlen darf", sagt Netzle. Um so mehr genoss er den Auftritt im Simpl. Er wurde lang. Die Nachricht sprach sich sofort herum. Am nächsten Tag war der gute Ruf des Simpl etabliert.

Netzle schnauft hörbar zwischen den Sätzen. Stift und Zettel liegen immer bereit im Arbeitszimmer, diverse Ideen und Projekte stehen an derzeit. Zwei Bücher hat sie bereits veröffentlicht, zwei weitere will sie schreiben. "Schreiben und lesen, zwei sehr nützliche Dinge derzeit", sagt Netzle. Der Kugelschreiber fällt ihr einmal auf den Boden. Sie hebt ihn innerhalb von einer Sekunde auf, als wäre sie nicht 90, sondern 19. Dann rollen die Story-Murmeln wieder weiter. Der Abend mit Elvis Presley.

Das war 1959, noch vor der Simpl-Zeit. Netzle hatte auch da schon überall Freundinnen und Freunde. Eine davon war mit dem Musiker bekannt. Und Elvis war in der Stadt und wollte ausgehen. Man traf sich in der Maximilianstraße, heimlich, die GIs durften nicht um die Häuser ziehen. "Naked women" habe Elvis sehen wollen, schreibt Netzle in ihrem Buch "Mein Alter Simpl". Also gingen sie ins "Moulin Rouge" in der Herzogspitalstraße. Champagner und Kaviar wurden gereicht, aber kein Alkohol für Presley. Er bekam Tomatensaft.

Toni Netzle feiert 80. Geburtstag, 2010

Bei Toni Netzles 80. Geburtstag mit Paul Breitner (links) und Rainer Basedow.

(Foto: Catherina Hess)
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