Martin Fuchs’ Roman „Das endlos weite Blau“Zugedröhnte Babyboomer auf großer Fahrt

Lesezeit: 3 Min.

Das Leben ist wie das Meer, scheinbar unendlich. Zu dieser Erkenntnis kommen die Ü60-Romanhelden in Frankreich (Symbolbild).
Das Leben ist wie das Meer, scheinbar unendlich. Zu dieser Erkenntnis kommen die Ü60-Romanhelden in Frankreich (Symbolbild).
IMAGO/Renata Hamuda/IMAGO/Addictive Stock

Gestern noch unsterblich, heute mit Vollgas in die Rente: Im Roman „Das endlos weite Blau“ ergründen zwei alternde Rockfans die Endlichkeit des Lebens. Der Roadtrip von Schwabing nach Südfrankreich ist reif und frisch zugleich, Boomer-Humor inklusive.

Von Bernhard Blöchl

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Coming-of-Age-Romane erzählen Geschichten über das Erwachsenwerden. So weit, so eindeutig. Nimmt man den englischen Begriff („das Alter erreichen“) wörtlich, dann ist auch „Das endlos weite Blau“ von Martin Fuchs ein Coming-of-Age-Roman. Nur eben anders. Im Fokus des vergnüglichen Roadtrips, der sein Personal von Schwabing nach Tirol führt, weiter zum Gardasee und bis nach Südfrankreich, stehen zwei Männer über 60 und ihre Sicht auf das Älterwerden.

„Wenn ich in der Zeitung lese, bei einem Unfall kam ein Mann über 60 ums Leben, denke ich mir oft: Was soll’s, der war ja nicht mehr jung. Und erst einen Moment später: Hoppla, ich bin ja jetzt auch so alt.“ An anderer Stelle der Gedanke: „Über die Generation Z heißt es, sie kannte kein Deutschland ohne Merkel. Wir Babyboomer kennen keine Welt ohne die Stones, ob wir sie mögen oder nicht.“ Damit ist der Ton gesetzt: reif und frisch zugleich.

Die sogenannten Babyboomer haben heute nicht mehr viel zu melden. Das gilt auch für die zeitgenössische Literatur. Umso überraschender ist dieser kleine Roman, der mit gängigen Senioren-Komödien so viel zu tun hat wie Pink Floyd mit einem Konzert von Helene Fischer. Der gegen den Strich gebürstete und Rock’n’Roll gewordene Text schert mit Power-Riffs aus dem Mainstream aus – mit allen Vor- und Nachteilen.

Worum geht’s? Der Ich-Erzähler und sein ehemaliger Kollege, den er noch immer „der Chief“ nennt, brechen nach einem spontanen Wiedersehen voller Bier, Dope und Erinnerungen mit dem tannengrünen Porsche Panamera des „Herrn Redakteur“ in Richtung Süden auf. Dorthin, „wo ich früher als Kind im Urlaub war“, wie der Chief behauptet. Den wahren Grund wird er seinem Freund erst später verraten.

Keine Zeit für Geplapper

„Zugedröhnte Babyboomer“ auf großer Fahrt, darin liegt Potenzial. Zumal Fuchs clever genug war, seinen beiden autobiografisch gefärbten Helden so gegensätzliche wie illustre Nebenfiguren an die Seite zu stellen. So schließen sich ihnen bald ein Berliner Transgender-Tramper in bayerischer Tracht sowie eine esoterisch angehauchte Ex-Freundin mit künstlerischen Ambitionen an – damit „die Easy-Rider-Jubiläumstour zum Eintritt ins Rentenalter“ die (Ab-)Reibung bekommt, die sie benötigt.

Martin Fuchs ist als Schriftsteller bisher nicht in Erscheinung getreten. „Das endlos weite Blau“ ist sein später Debütroman. Aufgewachsen in den Sechziger- und Siebzigerjahren in einem Münchner Vorort, hat er viele Jahre lang als Werbe- und Marketingfachmann gearbeitet. Fuchs schreibt – auf Deutsch, Bairisch und Berlinerisch – pointiert, lebensklug und stark verdichtet. Viele kurze Absätze. Keine Zeit für Geplapper.

Teilt das Lebensalter seiner Protagonisten: Martin Fuchs hat autobiografische Spuren in seinem Debütroman hinterlassen.
Teilt das Lebensalter seiner Protagonisten: Martin Fuchs hat autobiografische Spuren in seinem Debütroman hinterlassen.
Felicia Fuchs

Sein Roman über das Älterwerden, die Zeit, die einem bleibt, und Rock’n’Roll als Lebensstil punktet mit mal rührenden, mal kuriosen, oft unterhaltsamen Episoden, darunter Karaoke am Gardasee, Pöbelei in Tirol und Hochstapelei in einem Hippiedorf. Nerdig, aber gut, sind die musikalischen Referenzen. Von den Playlists im Auto (Punk, Progrock, New Wave) bis zu launigen Anekdoten. „Floyd haben ’73 in der Olympiahalle gespielt. Am 12. Oktober. Ließen erst bei ,Careful With That Axe‘ eine Bombe detonieren und dann irgendwo bei ,Dark Side of The Moon‘ zwei Flugzeuge mitten in die Bühne krachen. War sehr beeindruckend. Würd mich nicht wundern, wenn sich Al-Qaida da was abgeschaut hätte.“

Am stärksten ist der Roman, wenn er keine Pointen sucht, sondern Antworten findet. Wenn inspirierende Weisheit durch die lockeren Zeilen weht. „Eigentlich ist das Leben wie das Meer“, sagt der Ich-Erzähler in der titelgebenden Schlüsselszene in Frankreich: „Man weiß, das Meer endet irgendwo da drüben, hinterm Horizont in Afrika. Aber obwohl man das genau weiß, fühlt es sich von hier aus unendlich an. Absolut unendlich. Wasser, so weit man schauen kann, kein Ende in Sicht.“

Der Mix aus lebensklug und lustig, provokant und herzlich ist stimmig. Nur der vom Chief ungeniert zur Schau gestellte Sexismus wirkt übertrieben, wenngleich er zur Figur passt. „Nette Feger wohnen da bei dir ums Eck“, sagt er einmal. Oder: „Einen guten Roman erkennt man daran, dass man dafür sogar eine Nacht mit der jungen Bardot opfern würde. Oder mit der jungen Cardinale. Oder von mir aus mit Jennifer Aniston.“

Brigitte Bardot und Claudia Cardinale sind 2025 gestorben, nach dem Erscheinen des Romans wohlgemerkt. Und dennoch: Ob dieser spezielle Boomer-Humor, der in dem unterhaltsamen Roman den Wermutstropfen gibt, noch lange überlebt, ist fraglich.

Martin Fuchs: Das endlos weite Blau, erschienen 2025 im Achter-Verlag, Paperback, 238 Seiten, 17 Euro

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