Süddeutsche Zeitung

Premiere im Marstall:Spiel im wunden Wunderland

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Was wäre, wenn sich Gefühle speichern ließen? Magdalena Schrefel hat mit "Archiv der Tränen" ein surreales Gedankenexperiment unternommen, das Elsa-Sophie Jach poetisch auf die Bühne übertragen hat.

Von Yvonne Poppek

An jeder Träne haftet ein Gefühl, Schmerz, Trauer, Wut, Einsamkeit, Glück, Freude, Überwältigung. Mit ihnen vergossen, vielleicht einst vergessen sind unzählige Geschichten. Was wäre, wenn Tränen sich als Essenz von Geschichten konservieren ließen? Quasi als Speichermedium der Gefühle, abspielbar wie Stimmen auf einem Tonband? Die österreichische, mehrfach ausgezeichnete Autorin Magdalena Schrefel hat dieses Gedankenexperiment zum Kern ihres Stücks "Archiv der Tränen" gemacht, das nun im Marstall uraufgeführt wurde. Dafür hat sie einen Raum der Fantasie entworfen, in dem andere Gesetzmäßigkeiten gelten als in der Realität. Entstanden ist daraus ein hübscher Bühnen-Ausflug ins Surreale, ein entrücktes Spiel im wunden Wunderland.

Hausregisseurin Elsa-Sophie Jach hat das "Archiv der Tränen" inszeniert. Das ist für Schrefels Text in jedem Fall ein Gewinn, da die Regisseurin genauso poesiebegabt ist wie sie auch einen Text musikalisch fassen und strukturieren kann. Sie hat klug den Text konzentriert, nicht alles nebeneinander stehen lassen, worüber sich heute weinen ließe, nicht Krieg und Klimawandel auf die gleiche Ebene wie Liebeskummer gepackt. Jach bleibt bei der Grundidee des Dramas, hat für dessen abstrakte, absurde Apparaturen und Räume eine eigenständige Bildsprache gefunden, klar, reduziert, mit schönen, kleinen Erfindungen. Da, wo Tränenträume wachsen, ist die Fantasie ohnehin beansprucht, darf Ausflüge unternehmen. Jach stellt die Wege dafür nicht sinnlos zu.

Die Bühne von Aleksandra Pavlović ist ein fast klinisch glatter Raum. Eine helle, hohe Wand mit zwei Torbögen fasst ihn hinten ein, in der Mitte leuchtet das lateinische Wort "Lacrimosa", tränenreich. Zudem gibt es ein verschiebbares Element auf der Bühne, die "Tränenzentrifuge", die dank ihrer wandhohen, drehbaren Segmente mal Unterschlupf, mal Labyrinth sein kann. Gnadenlos leuchtet helles Licht, wie es eben typisch ist für Archive.

Als erste betritt Pia Händler diesen Ort, lila Anzug, gelbe Handschuhe, tiefdunkle Lippen. Sie ist als Archivarin die Herrin dieses Orts, führt durch ihn wie eine Conférencière, blickt immer wieder verschwörerisch ins Publikum, zieht ihre Lippe bisweilen spöttisch nach oben. Ihr folgt man wie Alice im Wunderland dem Kaninchen in die Tränen-Welt hinein, ihre Erklärungen bleiben oft Rätsel, was auf einem surrealen Trip nicht weiter stört. Die Tränen, die sie gesammelt hat, stehen hier nun nicht als Präparate in Regalen. Bei Jach sind sie eingefangen in gummiartige Schlafmasken, Münder und Ohren. Wer sie einsehen will, setzt sie sich auf, hört dann die Geschichte ihres Weinens. Eine malerische Idee.

Ins Archiv tröpfeln nach und nach die anderen Figuren. Fiume, der neue Assistent, bei Pujan Sadri ein Famulus klassischen Formats, ist schnell eingewiesen, um die Besucher mit zu betreuen. Tanja und Aleks etwa, die gekommen sind, um ihre Tränen zu spenden und dabei über ihren unerfüllten Kinderwunsch und ihre zerbrochene Liebe zu trauern. Isabell Antonia Höckel und Christoph Franken sind dieses berührende, durch den Schmerz getrennte Paar. Wenn sie abgeschirmt in der Tränenzentrifuge weinen - so wie später auch Thomas Reisingers von innerlicher Leere geprägter Paketbote -, wird der Reiz von Schrefels Experiment konkret spürbar. Mit den aufgefangenen Tränen entkoppelt sich das Gefühl von Träger und Zeit. Wie wäre eine Welt, in der sich statt auf Menschen auf Emotionen blicken ließe? Wäre sie eine bessere?

Klar ist: Je konkreter das Beispiel, desto stärker das Gedankenspiel. In diesem darf Evelyne Gugolz' Vera nicht fehlen. Mit schöner, patziger Ironie fragt sie nach dem Sinn und Unsinn dieser ganzen gespeicherten Archivalien, um dort später doch ihre eigene Trauer zu finden. Dazwischen allerdings fährt ein regelrechtes Leid-aus-aller-Welt-Donnerwetter mit viel Nebel über die Bühne und lässt die gerade fassbar werdenden Ideen wieder verdunsten.

Dass der Abend nicht ins Ungefähre ausfranst, dafür sorgt Jach. Sie rhythmisiert mit Beats, gesummten Melodien, Songs. Klare Farben, Formen, sparsame Requisiten überfrachten nichts, im Gegenteil, all das zaubert schöne Bilder. Aber: Das "Archiv der Tränen", das über das Rätselhafte nicht hinauskommt, bleibt letztlich eine Versuchsanordnung von hübscher, aber harmloser Kraft.

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