Zum Tod der Kinobetreiberin Marlies KirchnerFilmkunst war ihr Leben

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„Ich spiele nur Sachen, die mir selbst gefallen“: Auf Marlies Kirchners Geschmack war Verlass. Nun ist die Grande Dame der Münchner Kinolandschaft gestorben. Das Bild stammt aus dem Jahr 2017.
„Ich spiele nur Sachen, die mir selbst gefallen“: Auf Marlies Kirchners Geschmack war Verlass. Nun ist die Grande Dame der Münchner Kinolandschaft gestorben. Das Bild stammt aus dem Jahr 2017. Alessandra Schellnegger

Mehr als sechs Jahrzehnte lang leitete Marlies Kirchner das Münchner „Theatiner“. Nun ist die leidenschaftliche Programmkino-Pionierin gestorben.

Von Josef Grübl

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Das Einfachste und das Schwerste zugleich war für sie die Filmauswahl. Einfach deshalb, weil Marlies Kirchner sich auf ihren Geschmack verlassen konnte: „Ich spiele nur Sachen, die mir selbst gefallen“, sagte sie vor ein paar Jahren einmal, für sie und ihr Publikum sollte es eben das Beste sein. Da leitete sie ihr Kino, die Theatiner Filmkunst, schon seit mehr als sechs Jahrzehnten. Da hatte sie vielleicht sogar etwas mit Oscar Wilde gemeinsam, der sich ebenfalls einen einfachen Geschmack attestierte: „Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“

Womit man schon beim schwersten Aspekt ihrer Arbeit wäre: Die Kinobetreiberin war streng in der Auswahl, sie spielte nicht alles, die neuesten Hits aus Hollywood sowieso nicht. Aber auch bei den europäischen Filmen, die sie sehr viel lieber mochte, sah sie genau hin. Die „Filmkunst“ im Titel ihres Kinos war Verheißung und Verpflichtung zugleich, das sollte sich auch im Programm widerspiegeln. Kirchner sichtete jeden Film persönlich, bevor er in ihrem Kino lief. Sie war ständig auf der Suche, noch mit über 80 Jahren fuhr sie zu den Festivals nach Cannes oder Berlin.

Das brachte ihr über die Jahre und Jahrzehnte hinweg ein Stammpublikum ein, das ihren Empfehlungen vertraute, das sich auf ein sorgfältig kuratiertes Programm freuen durfte. Im Theatiner laufen hauptsächlich Filme aus Frankreich, Italien oder Spanien, in der Originalfassung mit Untertiteln. Bis vor etwa 15 Jahren ratterten noch Zelluloid-Filmrollen durch die Projektoren. Eher widerwillig rüstete die Chefin auf digitale Projektion um, anders hätte sie die meisten aktuellen Filme nicht mehr bekommen.

Ihr Kino war nie reine Abspielstation, es ist bis heute ein Ort der Begegnung, mit treuen Zuschauerinnen und Zuschauern, mit Filmemachern und Verleihern, mit einem langjährigen Mitarbeiter-Team im Projektionsraum oder an der Kasse. Ebendort saß Kirchner oft selbst, längst war auch sie eine Institution. Das zwischen Residenz- und Theatinerstraße gelegene Lichtspieltheater ist ein Architekturjuwel im Originalzustand, seit sieben Jahrzehnten erstrahlt es in feinstem Fünfzigerjahre-Glanz.

Ursprünglich hieß das Kino in der Theatinerpassage „Film-Cabinet“ und zeigte Western und Musicals aus Hollywood. Das sollte sich aber bald ändern: Der von Walter Kirchner mitbegründete Verleih „Neue Filmkunst“ aus Göttingen, der Filme von Ingmar Bergman, Roberto Rosselini oder Luis Buñuel nach Deutschland brachte, übernahm das Kino. Das war im Jahr 1957, eine junge Frau namens Marlies Liesenhoff war damals als Mitarbeiterin für die Fremdsprachenkorrespondenz des Verleihs tätig. Als es darum ging, wer das neue Kino in München leiten sollte, sagte sie: „Ich mach das.“ So kam die in Bochum aufgewachsene Filmliebhaberin nach München und wurde zur Kinobetreiberin, später sollte sie Walter Kirchner heiraten. Von 1976 an führte Marlies Kirchner das Kino alleine weiter.

Der Name steht für Qualität. Das Stammpublikum vertraute den Empfehlungen von Marlies Kirchner. Hier ein Bild aus dem Jahr 2017, zum 60-jährigen Bestehen.
Der Name steht für Qualität. Das Stammpublikum vertraute den Empfehlungen von Marlies Kirchner. Hier ein Bild aus dem Jahr 2017, zum 60-jährigen Bestehen. Alessandra Schellnegger

Mit Autorenkino aus der ganzen Welt und einer besonderen Vorliebe für die französische Nouvelle Vague wurde das Theatiner zu einem weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Cineasten-Treffpunkt. Bei den Filmkunstwochen im Sommer waren Klassiker der Filmgeschichte zu sehen, von Godard, Bresson, Varda, Pabst oder Hawks. Wie wichtig Marlies Kirchner dieses Filmerbe war, sieht man auch im Kinofoyer mit den wunderschönen alten Filmplakaten.

Für ihr Engagement wurde sie oft ausgezeichnet, das Filmfest München etwa widmete ihr 1991 eine Hommage, sieben Jahre später erhielt sie den Filmpreis München. 2016 wurde sie bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin mit der Berlinale Kamera ausgezeichnet, 2022 ehrte sie das französische Kulturministerium mit dem „Ordre des Arts et des Lettres“.

Da war Marlies Kirchner bereits über 90 Jahre alt, ihr genaues Geburtsdatum hat sie nie verraten. Im Januar 2024 übergab sie die Kinoleitung an ihre jungen Mitarbeiter Claire Schleeger und Bastian Hauser. Die beiden führen das Kino in ihrem Sinn fort, neben dem regulären Kinoprogramm setzen sie auf viele Sonderveranstaltungen – wie derzeit etwa auf die Filmtage der Frankophonie. „Wenn ich sagen würde, die Übergabe und die Zeit danach fallen mir leicht, dann würde ich ganz schön schwindeln“, schrieb Marlies Kirchner zum Abschied.

Jetzt hat sie sich für immer verabschiedet, die leidenschaftliche Cineastin und Programmkino-Pionierin ist gestorben.

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