Normalerweise geht es im Alten Rathaus sehr gesittet zu: Gedenkveranstaltungen, Festakte, sowas. Einmal im Jahr aber organisiert die „Sparifankerl Pass“, also die „Teufels-Gruppe“, den Krampuslauf. Dann verwandelt sich das historische Gebäude am Marienplatz regelmäßig in eine Art gotische Umkleidekabine für unheimliche Gestalten. Auch heuer wuseln rund 300 Menschen in den Gängen herum, zwängen sich in Tierfelle und setzen Masken mit riesigen Hörnern auf.
„Es riecht eigentlich immer nach Mann und Ziege“, sagt Bernhard Weiske, 41, gut gelaunt und erfolgreich umgezogen, heißt: komplett eingedeckt in Fell, mit Fackel, Glockengurt und dunklem Riesenschädel. Zusammen mit seiner „Horde“ aus Hexen, Perchten und Helfern war er gerade noch bei der finalen Besprechung, jetzt geht es langsam Richtung Frauenkirche, zum Startpunkt, in einer Stunde geht es los.
Weiske ist Vorstand der Amper-Perchten, eines Vereins, gegründet von Freunden aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck, die das Wissen um das alte Brauchtum zurück in die Gegenwart holen wollen. Dafür geht die Gruppe in Schulklassen, tritt in Altenheimen oder auf Weihnachtsmärkten auf und läuft bei Krampusläufen mit, bei denen der Tradition nach böse Geister mit Lärm und Fratzen verjagt werden sollen. Weiske weiß noch, als er seine Maske zum ersten Mal gesehen hat, vor sechs Jahren war das: die feuerspeienden Augen, die metergroßen symmetrischen Ziegenbockhörner, die wilde Mähne, die gefletschten Zähne, die tiefen Falten. Ein Dreivierteljahr hat er darauf gewartet. „Ich habe mich sofort darin erkannt“, sagt Weiske. „Das war magisch.“

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Rund 25 Gruppen sind für den diesjährigen Krampuslauf eigens aus Bayern, Österreich und Südtirol angereist. Das Wetter entspricht dem Anlass: kalte Luft, grauer Himmel, ein bisschen schaurig halt. Schon eine Stunde vor Beginn strömen die Menschen in die Innenstadt, von der Augustinerstraße über den Färbergraben bis zum Viktualienmarkt stehen die Schaulustigen dicht an dicht vor den Absperrbändern. Einige Zuschauerinnen und Zuschauer weichen in den ersten Stock eines Fast Food Geschäfts aus, so voll ist es – „für die bessere Sicht“, sagt einer und zückt sein Handy.
In fünf Minuten geht es los, man will vorbereitet sein auf die Perchten, Krampusse, Klausen und Bärbele – alpenländische Figuren aus Winterbräuchen, die ursprünglich den Jahreswechsel markieren sollten. Während der teuflische Krampus quasi die schlechtere Hälfte des gütigen Nikolaus’ darstellt und mit seiner Rute unartige Kinder bestraft, gelten die Perchten als Glücksbringer: Sie vertreiben den Winter und streichen mit ihrem Rossschweif über Füße, um Gesundheit zu bringen. „Sie schauen schlimm aus, tun aber Gutes“, hat Weiske es vorab zusammengefasst.
Auch deswegen ist er gern ein Percht, mittlerweile schon seit mehr als zehn Jahren. Klar gäbe es Vereinsmitgliedschaften, die pflegeleichter wären. Bei denen man sich nicht alle Adventswochenenden blockieren müsste oder Tausende von Euro für die Kostüme ausgibt. Aber bei den Amper-Perchten kann er in eine andere Welt schlüpfen, Menschen begeistern. Vor allem Kinder schrien regelmäßig: „Boah, ist der riesig“, oder: „Der läuft bestimmt auf Stelzen.“


Weiske ist mehr als zwei Meter groß, mit Kostüm noch größer, „imposant“, so hat seine Freundin das mal beschrieben. Dreißig, vierzig Kilogramm wiegt sein Outfit. Wenn es schnell gehen muss, ist er in zehn Minuten drinnen. Es ist eine kräftezehrende Choreografie, anders kann man das nicht sagen. Rund eine Woche vor dem Krampuslauf hat Weiske das in seinem Garten in Grafrath mal vorgemacht. Erst kommt die Latzhose mit dem Ziegenfell dran, das dauert erstmal, weil alles steif von Matsch, Regen und Schweiß vergangener Auftritte ist. Viel Ziehen, viel Geduld.
Dann sind das schwarze Schulterfell und der Überwurf aus verschiedensten Tierfellen dran, Fuchs, Wiesel, Hirsch. Weiske hat dort Regenrinnen eingenäht, damit die Schultern breiter wirken. Nach dem wuchtigen Glockengurt kommt die Maske: ein kurzes Zurechtrütteln an der hölzernen Nase, ein paar Kieferbewegungen, auf zu, auf zu, fertig ist der Percht. „Es reicht, wenn du einmal so machst, und die Leute erstarren“, sagt Weiske und geht einen schnellen Schritt nach vorne, vierzig Kuhglocken scheppern, die Hunde der Nachbarschaft bellen.
In München hat der Krampuslauf um kurz nach 15 Uhr begonnen. Die ersten zottigen Ungeheuer lärmen durch die Straßen, klappern mit ihren Mäulern, schütteln die riesigen Kuhglocken auf ihren Schultern. Wer an diesem Tag in der ersten Reihe steht, muss mit sanftem Angriff rechnen. Einem kleinen Jungen wird in den ersten Minuten gleich zweimal die Wollmütze vom Kopf gezogen, einer Frau stehen die Haare zu Berge, nachdem eine große Tatze einmal gründlich drin herumgewuschelt hat. Zum Glück ist auch der Nikolaus in seinem roten Samtmantel unterwegs und verteilt Geschenke.
In Österreich wird die Tradition deutlich derber gefeiert, da steckt mehr Wumms hinter den Rutenschlägen, lauert mehr Horror im Schabernack, manchmal kommt es auch zu Verletzungen. Der Münchner Lauf ist deutlich milder und bewusst entschleunigt. „Ein reiner Schaulauf“, sagt Organisator Tom Bierbaumer von der „Sparifankerl Pass“. Er kenne die Krampusläufe noch aus seiner Kindheit in Kempten, aber in München gebe es viele Menschen, die mit der Tradition noch nicht so vertraut seien. „Wir wollen nicht, dass die Hälfte der Zuschauer und Zuschauerinnen nach dem Lauf mit Fragezeichen dasteht.“ Die Taktik scheint aufzugehen. Als die Gruppe vor mehr als zwanzig Jahren anfing, gab es kaum Schaulustige, mittlerweile verfolgen Zehntausende Menschen den Lauf.

Einige Zuschauerinnen und Zuschauer sind durch puren Zufall in das Spektakel hineingeraten, wollten eigentlich nur in die Stadt, bis sie von den zahlreichen Securitys aufgeklärt wurden: „Der Krampuslauf ist heute.“ Jetzt stehen sie hier, mit und ohne Kind, ein Opa sagt zu seiner Enkelin: „Wenn der Krampus mich erschreckt, laufe ich weg.“ „Ich auch“, sagt das kleine Mädchen. Ein bisschen Furcht gehört halt immer dazu, auch in München.
Und vor allem Lärm: „Der Sound, der in München entsteht, ist sensationell“, darauf hat auch schon Percht Bernhard Weiske vor ein paar Tagen hingewiesen. Schon nach ein paar Minuten ist klar: Er hat recht. Es scheppert, es klingelt, es brüllt, es läutet, ein paar Kinder halten sich ihre Ohren zu. Die Perchten, Krampusse, Klausen und Bärbele geben alles. Das ist gut so, denn glaubt man der Tradition, haben die Münchner und Münchnerinnen bei dieser Lautstärke noch einmal Glück gehabt. Die Dämonen werden der Landeshauptstadt erst einmal fernbleiben.

