Andreas Hörhager steht bis zur Brust in Fichtennadeln, nur sein Kopf ragt aus dem dichten Gezweig hervor – und seine Hand, die ein Teppichmesser schwingt. Damit säbelt der 49-Jährige ein weißes Netz entzwei. Man könnte auch sagen: Er packt hier – um 6 Uhr am Donnerstagmorgen, mitten auf dem Münchner Marienplatz – das erste Weihnachtsgeschenk aus. Ein ziemlich mächtiges Präsent: 25 Meter lang und 4700 Kilogramm schwer.
Diese imposanten Maße hat eine fast 90 Jahre alte Fichte, die per Schwerlasttransport aus Tirol nach München gefahren wurde. Die ausladenden Äste des Baumes hat dabei jenes weiße Netz zusammengehalten, das Hörhager jetzt Schnitt für Schnitt durchtrennt. Auf seinem Grundstück in Ellmau vor der prächtigen Kulisse des Kaisergebirges ist die Fichte gewachsen, der nun zu ihrem Lebensende eine besondere Ehre zuteilwird: als Christbaum auf dem Münchner Marienplatz zu stehen.
„Im Herzen unserer Stadt, vor unserem wunderschönen Rathaus, macht sich die Tiroler Fichte besonders gut und ist ein Symbol der Gemeinschaft“, freut sich Münchens Wirtschaftsreferent Christian Scharpf wenig später, nachdem die Feuerwehr den Baum aufgestellt hat. Üblicherweise wird das Wahrzeichen des Christkindlmarkts am Marienplatz von einer bayerischen Gemeinde gespendet. Heuer indes kommt der Baum aus dem österreichischen Bundesland hinter der Grenze, das laut Scharpf jedoch „gefühlt kein Ausland“ ist. Schließlich hätten Bayern und Tirol einen „gemeinsamen Kulturkreis“, sagt der Wirtschaftsreferent. „Wir stehen uns schon sehr nahe.“
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Auch Andreas Hörhager, der in Ellmau auf 1080 Meter Höhe die Wochenbrunner Alm betreibt, unterstreicht die enge Beziehung seines Heimatorts zu München, von wo aus an den Winterwochenenden ganze Blechlawinen voller Skibegeisterter anrollen. Dem Tiroler Landwirt und Alm-Hausherrn ist es dabei zu verdanken, dass sich diese Verbindung nun auch während der Adventszeit am Marienplatz widerspiegelt. Denn Hörhager hat sich vor 30 Jahren für eine Baumspende bei der Stadt München beworben. Auf die Idee gekommen sei er damals durch einen Christbaumtransport aus dem Zillertal, den er als Forstwirtsohn begleitet habe.
In der Folge habe er mehrfach im Münchner Rathaus nachgehakt, erzählt Hörhager. „Da hieß es dann, dass wir noch auf der Warteliste stehen.“ Im Vorjahr sei er schließlich per Mail darüber informiert worden, dass Ellmau den Zuschlag bekommen habe, woraufhin er sich umgehend auf die Suche nach einem geeigneten Baum machte. „Schön buschig muss er sein“, sagt Hörhager. „Und eine gewisse Höhe braucht’s natürlich auch.“ Im Fall der Fichte sei hinzugekommen, dass diese aus Sicherheitsgründen ohnehin gefällt worden wäre.

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Am vergangenen Montag ist der Christbaum in spe geschlagen und anschließend verpackt worden. Drei Tage später ging es um 4 Uhr morgens auf die 110 Kilometer lange Reise nach München – begleitet von Ellmaus Bürgermeister Klaus Manzl, der trotz der frühen Stunde auf dem Marienplatz beste Laune hat. „Für uns ist das eine tolle Geschichte“, freut sich der Rathauschef. Er wird am 24. November mit einer Delegation aus seiner Gemeinde erneut hierherkommen, wenn um 17 Uhr der Baum erstmals erleuchtet und der Christkindlmarkt eröffnet wird. Für die musikalische Begleitung sorgt dann die Bundesmusikkapelle Ellmau. Überdies darf die Gemeinde während des Christkindlmarkts bis zum 23. Dezember im Innenhof des Rathauses Glühwein ausschenken, Tiroler Schmankerl feilbieten und Informationen zur Ferienregion Wilder Kaiser verteilen.
Durch diesen Auftritt an prominenter Stelle wollen die Baumspende-Gemeinden üblicherweise vorwiegend ihren Bekanntheitsgrad erhöhen. Im Falle Ellmaus, das ja nicht nur prominenter Ski-, sondern auch Drehort der TV-Serie „Der Bergdoktor“ ist, dürfte das aber nur eine untergeordnete Rolle spielen. Für ihn gehe es zuvorderst darum, „die Achse Tirol-Bayern zu stärken“, sagt Bürgermeister Manzl. „Wir wollen hier als kleine Gemeinde ein bisschen dazu beitragen, das Miteinander in den Vordergrund zu stellen.“

