Villa Flora:Ein Flohmarkt von Frauen für Frauen

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Auf den Mädelsflohmärkten werden vor allem Kleider, Schuhe und Accessoires wie Schmuck, Gürtel und Taschen angeboten. Vielen Teilnehmerinnen geht es mehr um den Spaß als ums Geld. (Foto: Stephan Rumpf)

Der Mädelsflohmarkt ist für manche Verkäuferinnen und Besucherinnen ein Fixpunkt im Monat. Männer dürfen zwar mit, sind im Grunde aber entbehrlich.

Von Sabine Buchwald

Mit sechs Kartons wird Peggy Gerlach am Samstag nach München fahren. Kartons voll mit Klamotten, die ihr nicht mehr passen oder die sie schon seit einem Jahr nicht mehr angezogen hat. Am Samstag ist "Mädelsflohmarkt" in der Villa Flora und Gerlach will Platz schaffen in ihrem Kleiderschrank. "Ich habe in den vergangenen Monaten sehr abgenommen", sagt Gerlach, "und die Sachen sind viel zu gut, um sie wegzuwerfen."

Zusammen mit einer Freundin hat sich die 25-Jährige kurz vor Weihnachten online noch einen Platz gesichert im Innenbereich der Villa Flora. Sie kommen extra aus Landshut, weil es einen Flohmarkt dieser Art dort nicht gibt. Von 15 Uhr an dürfen die beiden ihre Kleiderstangen aufbauen, um 17 Uhr gehen dann die Türen auf für die Käuferinnen. Sie werde nicht alle guten Sachen sofort raushängen, sagt Gerlach am Telefon. Jede Stunde ein paar "Highlights" habe sie sich vorgenommen. Damit auch diejenigen noch vorbei schauen, die erst später am Abend kommen. Erst um 23 Uhr ist Schluss.

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Auf den Mädelsflohmärkten verkaufen ausschließlich Frauen an Frauen, vor allem Kleider, Schuhe und Accessoires wie Schmuck, Gürtel, Taschen. Keine Kinderkleider, wie man wegen des Namens vermuten könnte. Veranstaltungen unter diesem Namen gibt es bundesweit in Bonn, Düsseldorf, Köln, aber auch in Zürich, wo er umgangssprachlich "Flohmi" heißt. Männer dürfen zwar mit, aber spüren, dass sie eigentlich nicht gebraucht werden. Weder als Finanziers, weil alles recht günstig ist, noch als Berater. Denn wenn Frau etwas anprobiert und fragend umher blickt, bekommt sie schnell ungefragt eine Meinung zugerufen. Manchmal schonungslos ehrlich: "Steht dir nicht", kann man durchaus hören.

Gerlach will einen Spiegel mitbringen. Damit macht sie ihren Stand zu einem Anlaufpunkt, was ihr gefallen dürfte. Es gehe ihr vor allem um den Spaß, nicht ums Geld, sagt sie. Und um Nachhaltigkeit. Vielleicht auch um ihren eigenen Konsum zu rechtfertigen. Aber das sagt sie nicht. Und man will es niemandem unterstellen, der sich die Mühe macht hierherzukommen.

Die Märkte haben Eventcharakter, sind für manche Frauen ein Fixpunkt im Monat. Man kann zwischendurch Bier oder Prosecco trinken, am Samstag wird es frisch gekochtes türkisches Essen geben. Gedrängelt wird meist nur am Anfang, gerangelt - wie etwa beim Flohmarkt auf der Theresienwiese - eher nicht. Dort vermiesen längst Händler den Charakter des Schnäppchenzirkus. Und bei den Hinterhofflohmärkten in den Stadtvierteln muss man sich durch allerlei Ramsch wühlen, um zu finden, was man sucht. In der Villa Flora herrscht striktes Verkaufsverbot für Neuware und Restposten, es wird darauf geachtet, dass keine Hehlerware veräußert wird und Preisschilder sind unerwünscht. Es darf aber gefeilscht werden - und gelacht.

Stöbern, schauen, Schnäppchen jagen - und zwischendurch gibt es auch mal Prosecco. (Foto: Stephan Rumpf)

Auf dem letzten Mädelsflohmarkt im vergangenen Jahr, der im November im Feierwerk stattfand, konnte man etwa eine Mutter beobachten, wie sie aus ihren Sneakern in fellgefütterte Stiefel schlüpfte. Sie hatte draußen vom Herumstromern kalte Zehen bekommen. Als diese wieder beweglich waren, fand sie die Wildlederdinger gar nicht mehr so plump und reichte der Vorbesitzerin fröhlich einen Geldschein rüber: "Vielleicht wird's ja noch kälter."

Das könnte am Samstag tatsächlich so sein. Die geheizte Halle ist mit 33 Ständen ausgebucht, aber außerhalb der Villa könne man noch Plätze belegen, sagt Mitorganisatorin Cécile Borbé von 0049events. Sogar günstiger als sonst, damit der Anreiz größer ist: Drei mal drei Meter für fünf Euro Standgebühr. Das ist ein Januarpreis. Sonst werden pro Meter elf Euro berechnet. Für alle, die keinen Klapptisch von zu Hause mitbringen wollen, werden gegen zehn Euro Pfand Biertische ausgeliehen. Pfand muss man außerdem bezahlen, als Garantie, dass man alle nicht verkauften Sachen wieder mit nach Hause nimmt. Übrig bleibt in der Regel immer etwas. Aber es habe sich gelohnt, sagten im November alle Verkäuferinnen, die man befragte, während sie zusammenpackten. Weil es lustig war, weil letztlich ein paar Euro hängen geblieben sind. Auffallend viel glitzernde Abendgarderobe und unbequem aussehende Stilettos waren vor zwei Monaten im Angebot. Könnte jetzt, kurz nach Weihnachten und Silvester, ähnlich sein.

Entwickelt hat sich die Frauenvariante aus einem "Nachtflohmarkt". Stefan Schmidl und Florian Liss hatten 2007 im Rahmen eines Uniprojektes den ersten nächtlichen Secondhand-Event veranstaltet, der sich dann in mehreren Städten als "Nachtkonsum" etablierte. In München findet dieser einmal im Monat in der Tonhalle statt. Aus der Tatsache, dass enorm viel Kleidung und Schmuck verkauft werde - vor allem von und für Frauen - sei die kleinere, feinere Mädelsversion entstanden.

Nächster Mädelsflohmarkt, Samstag, 11. Januar, 17-23 Uhr, Villa Flora, Hansastraße 39-41, drei Euro Eintritt, Kinder bis 12 Jahre sind frei

© SZ vom 10.01.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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