Lutherkirche Beten auf der Baustelle

Beengte Verhältnisse auf der Baustelle am Giesinger Berg: Eine große Herausforderung für Arbeiter und Maschinen, sagt Karin Wolfgang, Pfarrerin der Lutherkirche.

(Foto: Florian Peljak)

Pfarrhaus und Innenhof der Lutherkirche werden saniert, außerdem bekommt sie einen Gemeindesaal. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, wird Pfarrerin Karin Wolfgang, die viel Zeit und Kraft in die Planung gesteckt hat, gar nicht mehr im Amt sein

Von Hubert Grundner, Obergiesing

Weniger ist manchmal mehr. So lautet ein geflügeltes Wort, das sich hoffentlich auch für die Gemeinde der evangelisch-lutherischen Lutherkirche in Giesing als zutreffend erweisen wird. Denn das jetzige provisorische Gemeindehaus an der Weinbauernstraße 9 soll aufgegeben werden. Stattdessen wird das in den Jahren 1925 bis 1927 von dem bekannten Architekten Hans Grässel geplante und erbaute Gotteshaus mitsamt Pfarrhaus saniert. Zugleich soll bis voraussichtlich Ende 2020 im Innenhof des Ensembles ein eingeschossiger Gemeindesaal entstehen. Statt an zwei Standorten wird sich das Geschehen in Zukunft also konzentriert auf der Westseite der Martin-Luther-Straße abspielen. Die Baukosten sind mit rund 5,6 Millionen Euro kalkuliert worden, die Kirchengemeinde, der Dekanatsbezirk München sowie die evangelisch-lutherische Landeskirche wollen die Summe gemeinsam stemmen. Mit den Planungen hat man das Architekturbüro Landbrecht beauftragt.

Die Kirche wurde in den Jahren 1925 bis 1927 von dem bekannten Architekten Hans Grässel entworfen und gebaut.

(Foto: Florian Peljak)

Doch was sich jetzt so knapp und schlüssig zusammenfassen lässt, ist das Ergebnis eines langwierigen und komplizierten Prozesses. Ausgelöst wurde er durch die Notwendigkeit, für die Lutherkirche ein zukunftsfähiges Gesamtkonzept zu entwickeln, erinnert sich Pfarrerin Karin Wolfgang. In gewisser Weise sei es darum gegangen, analog zum Reformpaket "Profil und Konzentration", das die Landessynode 2016 verabschiedet hat, alle Aspekte kirchlicher Arbeit an die aktuellen Herausforderungen anzupassen. Dass dabei ökonomische Zwänge eine wichtige Rolle spielten, ist naheliegend. So war laut Pfarrerin Wolfgang klar, dass der Erhalt des denkmalgeschützten Ensembles Lutherkirche an oberster Stelle zu stehen habe. Eine zweite Sanierung, die des Anwesens Weinbauernstraße 9, hätte die finanziellen Mittel der Kirchengemeinde überstiegen. Deshalb hat man sich entschieden, den Weinbauernhof, der Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein Wirtshaus war, ehe ihn 1925 der Evangelische Verein München-Giesing für 80 000 Reichsmark als Gemeindehaus erwarb, aufzugeben. Das Grundstück bleibt zwar im Eigentum der Kirchengemeinde, wird aber der bayerischen Landeskirche in Erbpacht für den Bau von Wohnungen zur Verfügung gestellt. "Der Kirchenvorstand hat viele Jahre intensiv beraten, ob wir dieses Immobilienkonzept realisieren", sagt Karin Wolfgang heute über die Vorgeschichte des Projekts. Letztlich ausschlaggebend war wohl die Zusage des Architekturbüros Landbrecht, dass sich der Raumbedarf von Gemeinde, Kirche und zahlreichen anderen Nutzergruppen künftig auch an einem statt an zwei Standorten befriedigen lasse. Und deshalb gebe es jetzt einen "Umbau des Pfarrhofs der Lutherkirche plus einen kleinen Neubau", sagt die Pfarrerin. Wobei sie gleich hinzufügt: "Man kann wegen des Denkmalschutzes nur sehr behutsam vorgehen." Was aber nichts am Ziel ändert, unter anderem einen Lift einzubauen, behindertengerechte Zugänge zu schaffen und die Gebäude energetisch zu sanieren.

Laut Pfarrerin Wolfgang war klar, dass der Erhalt des denkmalgeschützten Ensembles Lutherkirche an oberster Stelle zu stehen habe.

(Foto: Florian Peljak)

Die exponierte Lage der Lutherkirche neben der nach dem Reformator benannten Straße macht noch weitere Eingriffe im Bestand zwingend erforderlich: Es werden nicht nur Schallschutzfenster, sondern auch eine Belüftungsanlage eingebaut, weil man die Fenster zum Giesinger Berg hin wegen des infernalischen Lärms und Drecks der Autos im Grunde nicht öffnen kann. "Es geht auch um die Gesundheit unserer Mitarbeiter", betont Pfarrerin Wolfgang. Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Pfarrhof sollen sich also deutlich verbessern. Und die Besucher werden nach Abschluss der Arbeiten einen abtrennbaren Gemeindesaal mit 120 bis 140 Plätzen sowie besondere Räume für Meditation oder Treffen von Gruppen vorfinden. Außerdem soll in einem Anbau an der Kirche ein eigener Trakt für junge Erwachsene entstehen.

Dabei zollt die Pfarrerin schon heute den Arbeitern und verantwortlichen Firmen größten Respekt. Denn der Baustellenverkehr lässt sich nur über die enge Bergstraße abwickeln. Und die ziemlich beengten Verhältnisse im verschachtelten Innenhof der Kirche machen den Einsatz von Männern und Maschinen zur logistischen Herausforderung.

Das provisorische Gemeindehaus an der Weinbauernstraße wird aufgegeben.

(Foto: Florian Peljak)

"Die letzten Monate und Jahre hat die Bauplanung doch einen Großteil meiner Arbeitskraft aufgesogen", zieht Karin Wolfgang eine vorläufige persönliche Bilanz. Ob sich der "ziemlich sportliche Zeitplan" bis Ende 2020 einhalten lässt oder ob bei der Sanierung neue Probleme auftauchen, bleibt abzuwarten. Den Abschluss des Umbaus des alten Pfarrhauses und des Gemeindesaal-Neubaus an der Lutherkirche wird die Pfarrerin nicht mehr im Amt erleben. "Die Fertigstellung werde ich nicht mehr begleiten. Im Mai 2020 wird mein letzter Arbeitstag sein", sagt sie. Ihren Nachfolgern hinterlässt sie vermutlich ein gut bestelltes Haus: "Ich hoffe, sie können ihren Kopf, Herz und Hände frei haben für den lebendigen Gemeindeaufbau." Wobei am Horizont schon neue Herausforderungen auftauchen: Die Kirche selbst wurde zuletzt in den 1980er Jahren saniert. Zunächst einmal aber soll am Mittwoch, 24. Juli, die Grundsteinlegung für den Neubau des Gemeindesaals gefeiert werden. Denn wie heißt es schon in der Bibel: "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde."