Erinnerung an jüdische Schülerinnen:"Sie waren jeden Tag am selben Fleck wie wir"

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Erinnerung an jüdische Schülerinnen: Das Luisengymnasium gedenkt zum 200. Jahrestag seiner Gründung 20 ehemaliger Schülerinnen mit Erinnerungszeichen.

Das Luisengymnasium gedenkt zum 200. Jahrestag seiner Gründung 20 ehemaliger Schülerinnen mit Erinnerungszeichen.

(Foto: Robert Haas)

Heutige Schülerinnen des Münchner Luisengymnasiums haben die Geschichten von 20 Jüdinnen recherchiert, die zur Zeit des Nazi-Regimes auf ihre Schule gegangen sind. Ihre Bilder sollen dem Gedenken an den Holocaust ein Gesicht geben.

Von Kathrin Aldenhoff

Sie waren Schülerinnen des Luisengymnasiums, und sie wurden zu Opfern der NS-Diktatur. Die Geschichten von 20 Frauen, einer Künstlerin, einer Wissenschaftlerin, einer Anwältin, von Müttern und Stenotypistinnen, haben Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums rekonstruiert. Diese 20 Frauen wurden in der Shoa deportiert und umgebracht, manche von ihnen mit ihren Angehörigen, mit ihren kleinen Kindern. Die Jüngste war 17 Jahre alt, die Älteste 43. Sie starben in Auschwitz und Sobibor, in den Lagern im Distrikt Lublin, in Kaunas und im Warschauer Ghetto, in Bernburg und Hartheim. Nun erinnern 20 vergoldete Wandtafeln am Eingang des Luisengymnasiums an diese Frauen.

"Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie wichtig diese Erinnerungszeichen für unser Leben sind", sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, am Mittwochvormittag in ihrer Rede in der Aula der Schule. "Es ist allzu leicht, das Gedenken im Abstrakten zu belassen. Aber den Blicken dieser Menschen kann sich niemand entziehen." Die Gesichter von 15 jungen Frauen blicken von den Bannern auf der Bühne, von fünf sind keine Fotos erhalten. Knobloch mahnt: "Weil geschehen ist, was geschehen ist, kann es sich wiederholen."

Diese 20 Frauen und Mädchen stehen stellvertretend für die jüdischen Schülerinnen, die am Luisengymnasium lernten. Bis zu 145 waren es vor dem Ersten Weltkrieg, während der Weimarer Republik waren es mehr als 70 und zu Beginn der NS-Herrschaft lernten dort 55 Jüdinnen. Seit mehreren Jahren arbeiten Schülerinnen und Schüler daran, ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben und an diese Frauen zu erinnern.

"Sie waren jeden Tag am selben Fleck wie wir", sagt Hannah, 17 Jahre alt. Mit acht anderen Schülerinnen hat sie die Lebensgeschichten der Frauen vorgetragen. "Die jüngste Schülerin, die ermordet wurde, war 17 Jahre alt. So alt wie wir alle." Und ihre Mitschülerin Leonie sagt: "Wir sind es ihnen schuldig, an sie zu denken." Sie hat auf der Bühne die Lebensgeschichte von Elisabeth Kohn vorgelesen, eine der ersten Anwältinnen in Deutschland. "Das waren alles so tolle Frauen, sie haben so viel vollbracht in ihrem Leben. Aber das wurde alles nicht gewürdigt, sie wurden reduziert auf ihre Religion."

Bürgermeisterin Katrin Habenschaden spricht in ihrer Rede davon, die 20 Menschen mit den Erinnerungszeichen ein Stückweit in die Münchner Stadtgesellschaft zu holen. Und sie mahnt an: Heute höre man wieder beinahe täglich von rassistischen Äußerungen, es gebe Übergriffe auf jüdische Mitbürger. Stadtschulrat Florian Kraus lobte die Arbeit des Gymnasiums und mehrerer anderer Münchner Schulen, die sich mit dem Schicksal früherer Schülerinnen und Schüler auseinandergesetzt haben und es immer noch tun.

Anlass für das Setzen der Erinnerungszeichen ist das 200-jährige Bestehen des Luisengymnasiums. Die Schule war 1822 für Mädchen aus besser gestellten Familien gegründet worden, hier sollten sie vorbereitet werden auf ihr bürgerliches Leben. Jüdische Familien schätzten die Schule wegen ihrer religiösen Toleranz und wegen ihres erstklassigen Rufs - doch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurden jüdische Schülerinnen auch an dieser Schule gedemütigt. Nach der Pogromnacht des 9. November 1938 mussten die letzten fünf jüdischen Mädchen das Gymnasium verlassen.

Schulleiterin Gesa Hollauf erinnert in ihrer Rede daran, dass diese Frauen einzigartig waren, dass sie - wie die Schülerinnen heute - sicherlich nicht immer Lust auf Hausaufgaben und Pflichterfüllung hatten, dass sie sich aber wohl gefreut hätten, zur Schule zu gehen. Doch da endeten die Gemeinsamkeiten, die Leben der Frauen wurden durch das totalitäre Regime brutal zerstört. Die letzten fünf jüdischen Schülerinnen, die das Gymnasium 1938 verließen, konnten sich in die Emigration retten. Anders als die Schülerinnen, an die an diesem Tag erinnert wird.

Zur Zeremonie reiste auch Michael Felsen mit seiner Familie aus den USA an. Er ist der Neffe von Johanna Felsen, einer ehemaligen Schülerin, die vermutlich im Warschauer Ghetto ermordet wurde. Genau weiß das heute niemand, trotz aufwendiger Recherche. Michael Felsen spricht in seiner Rede von seiner Familie und davon, wie wenig sie wussten. "Ich wünschte, mein Vater hätte mehr von ihr erzählt, bevor er starb. Und ich wünschte, ich hätte mehr gefragt." Am Ende seiner eindringlichen Rede sagt er: "Der Wunsch meiner Familie ist es, dass die Gesichter dieser jungen Frauen die Welt erleuchten werden." Sie sollten jeden Tag daran erinnern, dass ohne eine Kultur der Achtsamkeit und des Respekts für alle Menschen selbst große Zivilisationen so leicht in Dunkelheit versinken können.

Vier Frauen, vier Schicksale

Edith Semler

Erinnerung an jüdische Schülerinnen: Edith Semler.

Edith Semler.

(Foto: privat)

Edith Sundheimer kam am 28. August 1912 in München zur Welt, sie besuchte das Luisengymnasium von 1922 bis 1929. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern hatte sie gute Noten. Mit der Herrschaft der Nationalsozialisten bereitete sie sich auf die Emigration nach Palästina vor. Dabei lernte sie Paul Semler kennen, die beiden heirateten und bekamen vier Kinder. Am 12. Januar 1943 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert. Edith Semler und ihre vier Kinder wurden einen Tag nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. Paul Semler wurde wohl in Buchenwald ermordet.

Elisabeth Kohn

Erinnerung an jüdische Schülerinnen: Elisabeth Kohn.

Elisabeth Kohn.

(Foto: Stadtarchiv München)

Elisabeth Kohn kam am 11. Februar 1902 in München zur Welt, ihre Schwester, die spätere Künstlerin Marie-Luise Kohn, war zwei Jahre jünger. Elisabeth besuchte von 1912 an das Luisengymnasium. Nach dem Abitur studierte sie Jura. Sie promovierte 1924 und wurde Anwältin. 1933 wurde ihr die Zulassung entzogen. Von der "Judensiedlung Milbertshofen", einem Barackenlager in der Knorrstraße, wurden Elisabeth, Marie Luise und ihre Mutter am 20. November 1941 nach Kaunas verschleppt. Am Morgen des 25. November 1941 erschoss ein SS-Sonderkommando alle Deportierten.

Inge Gutmann

Erinnerung an jüdische Schülerinnen: Inge Gutmann.

Inge Gutmann.

(Foto: Stadtarchiv München)

Ingeborg Gutmann wurde am 6. Dezember 1923 in München geboren. Von 1934 bis zum 9. Juli 1938 besuchte sie das Städtische Lyzeum in der Luisenstraße. Danach absolvierte sie einen Haushalts- und Säuglingspflegekurs im Jüdischen Kinderheim. Sie versuchte vergeblich, Deutschland zu verlassen. Von 1941 an musste sie Zwangsarbeit verrichten und mit ihrer Familie in die "Judensiedlung Milbertshofen" ziehen. Am 20. November 1941 verschleppte die Gestapo sie mit rund 1000 weiteren Münchner Jüdinnen und Juden nach Kaunas. Inge Gutmann war 17 Jahre alt, als die SS sie am 25. November 1941 erschoss.

Olga Benario-Prestes

Erinnerung an jüdische Schülerinnen: Olga Benario-Prestes.

Olga Benario-Prestes.

(Foto: VVN-Archiv)

Olga Benario wurde am 12. Dezember 1908 in München geboren. Sie besuchte das Luisengymnasium von 1918 bis 1924, fiel dort durch ihr unangepasstes Verhalten auf. Mit 15 schloss sie sich dem Kommunistischen Jugendverband an. Sie arbeitete in Moskau für die kommunistische Jugendbewegung, verliebte sich in den Revolutionär Luís Carlos Prestes und ging mit ihm nach Brasilien. Dort wurde sie verhaftet und 1936 hochschwanger nach Deutschland ausgeliefert. Im Berliner Frauengefängnis brachte sie ihre Tochter zur Welt. Olga Benario wurde 1942 in die Tötungsanstalt Bernburg deportiert und dort am 23. April 1942 ermordet.

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