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München:Luft nach oben

Gräfelfing baut sein Gewerbegebiet kontinuierlich aus, zum Lohn sprudeln die Steuereinnahmen kräftig. Ein Ende des Erfolgs ist noch nicht in Sicht

Von Annette Jäger

Flaute in der Kasse - das kennen viele zum Jahreswechsel, auch die Kommunen im Würmtal. Für die Neurieder ist dieser Zustand ohnehin Standard, und der Nachbar Planegg hat gerade die Steuern erhöht, damit das Geld nicht ausgeht. Nicht so in Gräfelfing. Dort ist die Kasse gut gefüllt, Hauptgrund ist ein Rekordergebnis bei den Gewerbesteuereinnahmen: 54 Millionen Euro im Jahr 2015. Da können die Nachbarn nur neidvoll erblassen.

In Neuried kleckerten gerade einmal drei Millionen Euro ein, in Planegg waren es immerhin 19 Millionen Euro. Auch wenn in Gräfelfing diese stolze Summe nicht Standard ist - sie war eher ein glücklicher Ausrutscher -, steigen die Gewerbesteuereinnahmen kontinuierlich an. Seit 2012 sind sie nicht mehr unter die 30-Millionen-Marke gerutscht, für 2016 erwartet die Kommune 38 Millionen Euro. Der Gräfelfinger Gewerbestandort ist eine Erfolgsgeschichte. Was läuft dort anders?

Kurz vor Weihnachten ist die Gräfelfinger Firma Aqua Concept mit dem Partnerunternehmen Geokoax für den Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt 2015 nominiert worden. Den Preis vergibt unter anderem das Bundesumweltministerium, die Verleihung findet Ende Januar statt. Preiswürdig erschien der Jury die Gräfelfinger Entwicklung einer Erdsonde, die in Verbindung mit einer Wärmeträgerflüssigkeit die Geothermie besonders umweltverträglich macht, "alltagstauglich", wie Aqua-Concept-Geschäftsführer Andreas Detig es nennt. Die Firma steht für den Wandel des Gräfelfinger Gewerbes: Neben den traditionellen Handels- und Dienstleistungsunternehmen schlugen in den vergangenen Jahren zunehmend Vertreter von Spitzentechnologien hier ihre Wurzeln: Firmen aus dem Bereich Medizintechnik, Pharma, Laser- und UV-Technologie sowie Biotechnologie. Die Unternehmen wachsen rasant und spinnen vom Standort Gräfelfing aus ihre Fäden in die Welt. Aqua Concept ist in mehr als 20 Ländern aktiv und von einer Handvoll Mitarbeiter auf inzwischen etwa 60 gewachsen, "es werden laufend mehr", sagt Detig. "Wir haben kein Super-Cluster, aber sind breit aufgestellt", erläutert Sabine Strack, zuständig für die Wirtschaftsförderung der Gemeinde. Der Branchen-Mix ist ein Erfolgsfaktor.

Der Wandel macht sich auch in der Optik bemerkbar: Der alte und größte Teil des 27 Hektar umfassenden Gewerbegebiets östlich der Pasinger Straße besteht vorwiegend aus schmucklosen Zweckbauten mit Flachdach und grauen Fassaden. Erst weiter hinten, Richtung Autobahn, wird es repräsentativer. Dort tragen die Domizile Namen: Abfallentsorger Wittmann hat den "Wittmann Tower" mit viel Glas geschaffen, die UV-Technologie-Firma Dr. Hönle residiert in einem Rundbau, und schräg gegenüber ist vor vier Jahren Chromsystems, Hersteller medizinischer Diagnostikprodukte, in glänzende, übereinandergestapelte Quader eingezogen. Über allen thront seit 2012 Philip Morris - mit rund 400 Mitarbeitern größter Arbeitgeber am Ort - im höchsten Gebäude, dem "Intelligence Cube". Für die Gemeinde war es ein Coup, dass der Tabakkonzern seine Zentrale nach Gräfelfing verlegt hat.

Die Nähe zur Autobahn ist ein weiterer Pluspunkt. Von der Lindauer Autobahn A 96 ist nur 800 Meter hinter der Stadtgrenze linker Hand der Schriftzug "Chromsystems" an dem imposanten Schachtelgebäude kaum zu übersehen. Der Name prägt sich unterbewusst ein - ein "hübscher Nebeneffekt", freut sich Michael Meier, Geschäftsführer von Chromsystems. Mancher Bewerber ist auf diese Weise auf das Gräfelfinger Unternehmen erst aufmerksam geworden. Die Lage macht's: "Gräfelfing profitiert von der Strahlkraft Münchens", sagt Strack. Die Autobahn schafft eine schnelle Anbindung für die Mitarbeiter zu ihrem Arbeitsplatz, der Flughafen ist nicht weit; und abends werden die Kunden in München ausgeführt.

Und dann ist da noch der niedrige Hebesatz, die Berechnungsgrundlage für die Gewerbesteuerabgabe. In Gräfelfing liegt der Satz bei 250 Prozent - es ist einer der niedrigsten in Bayern. Zum Vergleich: in München sind es 490, in Neuried 330 Prozent, die Planegger haben ihren noch kurz vor Weihnachten auf 310 erhöht. Die Gräfelfinger wollen an ihrem niedrigen Hebesatz nicht rütteln. Seit Ende der Sechzigerjahre liegt er, mit Ausnahme von vier Jahren, unter 300 Prozent. "Das hat sich super bewährt", betont Bürgermeisterin Uta Wüst (Interessengemeinschaft Gartenstadt Gräfelfing). In Gesprächen mit Unternehmen sei der Hebesatz oft ein entscheidendes Argument, die Firmen tatsächlich nach Gräfelfing holen zu können. Das bestätigt Peter Weinert, Personalreferent bei Dr. Hönle: "Das war ein wichtiger Faktor für uns." Auch Hönle ist auf Expansionskurs. Die Firma kam 2002 von Martinsried nach Gräfelfing, hat sich kontinuierlich räumlich erweitert, die Mitarbeiterzahl ist inzwischen von etwa 60 auf 180 gestiegen.

In Gräfelfing ist noch Luft nach oben. Während andere Gemeinden kaum über freie Gewerbefläche verfügen, haben die Gräfelfinger noch 20 000 Quadratmeter Wiese zur Verfügung, erste Reihe an der Autobahn. Auf diesem letzten Stückchen, alles in privatem Eigentum, gewährt die Kommune ein überdurchschnittlich hohes Baurecht - auch das sichert Gewerbesteuereinnahmen: In Richtung Autobahn darf zunehmend höher gebaut werden, maximal sechs Geschosse, 26 Meter hoch. Überdurchschnittlich sind dort auch die Preise: Zwischen 1200 und 1500 Euro pro Quadratmeter verlangen Eigentümer, sagt ein Immobilienexperte. "Da schlucken viele", sagt Wirtschaftsförder-Expertin Strack. Und kommen dann doch.

Die finanzielle Zukunft erscheint rosig: Im Bauamt liegen Voranfragen zu Firmenerweiterungen vor, ein weiteres wachsendes Unternehmen erwägt den Zuzug. Einen Haken gibt es: den Verkehr. Wer aus dem Gewerbegebiet auf die Pasinger Straße in Richtung Autobahn abbiegen will, braucht Geduld, einen Parkplatz zu ergattern, gleicht zuweilen einem Kunststück. Dafür müssen die Gräfelfinger Lösungen finden. An der Optimierungsschraube lässt sich also 2016 noch drehen.

© SZ vom 09.01.2016
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