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Kunst in der Kirche:Wenn der Absolutionsroboter im Beichtstuhl sitzt

St. Paul

Birthe Blauth lässt Frauen per Video erzählen.

(Foto: Johannes Seyerlein)

Eine Ausstellung in St. Paul zeigt kritische Werke von sechs Künstlerinnen. Doch nicht alle Arbeiten erfüllen die Erwartungen.

Die Zeit ist mehr als reif, dass Frauen ihre Stimme erheben. Schließlich tobt seit gut eineinhalb Jahren weltweit die "Me Too"-Debatte und fordert Frauen auf, nicht mehr zu schweigen und über sexuelle Belästigung zu sprechen. Darüber hinaus riefen Frauen unter dem Schlagwort "Maria 2.0" im Frühjahr zum Kirchenstreik auf und protestierten gegen die Diskriminierung von Frauen in der katholischen Kirche. Wenn dann der Fachbereich Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising sechs Künstlerinnen einlädt, in der katholischen St.-Pauls-Kirche unter dem Titel "Und wir sollten schweigen?" ihre Positionen zum Schweige-Thema zu präsentieren, ist die Erwartungshaltung hoch.

Doch die wird teilweise enttäuscht. War die Entscheidung, welche Künstlerinnen hierbei zu Wort kommen sollten, zu früh gefallen, Monate bevor der Kirchenstreik aufkam? War der vorgegebene Bezug - das Schweigegebot der Frau, das der Apostel Paulus in seinem Brief an die Korinther forderte - zu sehr auf die Kirche begrenzt? Wohl nicht, denn einige der Künstlerinnen weiteten das Thema durchaus, argumentierten mal direkt, mal assoziativ, mal kulturhistorisch in ihren künstlerischen Arbeiten. Dennoch geht man aus der Ausstellung irgendwie unbefriedigt heraus. Vielleicht liegt es daran, dass man eine strenge kuratorische Handschrift vermisst.

St. Paul

Patricija Gilyte hat die Beichte automatisiert.

(Foto: Johannes Seyerlein)

Dabei sind drei Arbeiten wirklich hoch interessant. Am spannendsten ist die, die im Kirchenraum eigentlich gar nicht richtig vorhanden ist: "8 voices" von Birthe Blauth. Acht Frauen - jüngere, ältere, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Berufen und in vermutlich unterschiedlicher gesellschaftlicher Stellung, mal mit Namen, mal ohne oder nur mit Vornamen - sprechen über ihre Herkunft, ihr Leben, ihre Ziele, gesellschaftliche Zustände und persönliche wie allgemeine Erwartungshaltungen.

Wobei: Sprechen hört man sie gar nicht, gerade so, als ob sie sich an das Schweigegebot in der Kirche halten würden. Man sieht ein Bildtableau, das wie ein Chorgestühl die letzte Bankreihe auf jener Seite beschließt, welche in früheren Zeiten die Seite war, auf der die Frauen zu sitzen hatten. Darauf sind die Sprecherinnen in Videosequenzen zu sehen, den Ton dazu gibt es aber nur, wenn man das Projekt mit Hilfe des eigenen Smartphones auf der Website der Künstlerin aufruft. Die Statements sind mitunter recht persönlich, meist eindringlich, manchmal banal, gelegentlich philosophisch oder religiös geprägt. Das aber macht das Werk so vielschichtig.

St. Paul

Susanne Wagner regt mit Keramiktomaten zum Nachdenken an.

(Foto: Johannes Seyerlein)

Witzig in der technoiden Anmutung und zum Nachdenken anregend in der gesellschaftlichen Relevanz des Objekts über den aktuellen Bezug hinaus - Stichwort Pflegeroboter beispielsweise oder Partnerersatz - ist der interaktive Absolutionsroboter von Patricija Gilyte im Beichtstuhl dahinter. Allerdings reagieren die Sensoren so träge auf die Bewegungen der Besucher, dass man etwas Geduld braucht. Doch dann neigt die humanoide Gestalt von "Gewissen Inside" sachte den Kopf, scheint die Absolution zu erteilen. Computergenerierte Gewissenserleichterung - eine kirchenkritische Installation ähnlich der Farce, welche die Institution aufführt, wenn es um eine Öffnung der Kirche in vielen Belangen geht.

Susanne Wagners Tomatenkeramiken an den Säulen der Kirche wirken im ersten Moment wie eine lustige Flower-Power-Intervention. Doch dahinter steht ein durchaus ernst zu nehmender feministischer Angriff - nicht nur auf die Jahrtausende alte Institution Kirche, sondern ganz generell auf die Rückständigkeit in den Köpfen von Männern, auch wenn sie sich für fortschrittlich halten. Wagner zitiert damit den Protest Sigrid Rügers, die 1968 den Cheftheoretiker des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes mit Tomaten bewarf, um dessen Ignoranz anzuprangern gegenüber dem einzigen Redebeitrag einer Frau auf der Delegiertenversammlung des SDS.

Leider bleiben die Werke von Sarah Lehnerer, Nina Annabelle Märkl und Lorena Herrera Rashid hinter den Erwartungen an die Ausstellung zurück. Sowohl Lehnerers Fahnen als auch Märkls Stahl- und Papierarbeiten wirken zu dekorativ. Rashids Installation beschäftigt sich zwar nicht mit der eigentlichen Aufgabenstellung, klagt aber zumindest ein anderes gesellschaftsrelevantes Thema an: die Wegwerfhaltung unserer Konsumgesellschaft und die Umweltverschmutzung mit Plastikmüll.

Wie gesagt: Titel, Thema und Zeitpunkt der Ausstellung sorgen dafür, dass die Erwartungen bei den Besuchern hoch gesteckt sind. Wenn dann nur drei von sechs Künstlerinnen diesen Erwartungen entsprechen können, ist das etwas zu wenig. Schade, ein verpasste Chance.

Und wir sollten schweigen? Künstlerinnen in St. Paul ; bis 24. November, täglich von 8.30-17 Uhr, St.-Pauls-Platz 11

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