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Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt:Das Auto verliert an Boden

Reichenbachstraße in München, 2018

Die Corona-Zeiten dienen auch zum Platz schaffen.

(Foto: Robert Haas)

Grüne und Rosa Liste wollen Straßen sperren und verkehrsberuhigte Zonen einrichten, um Kindern mehr Platz zu geben. Schulhöfe sollen ihnen auch am Wochenende und in den Ferien offen stehen

Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Mehr Bewegungsfreiheit für die Bürger, mehr Raum, um sich in Corona-Zeiten an der frischen Luft zu bewegen - darum drehte sich ein Großteil der Sitzung des Bezirksausschusses (BA) Ludwigsvorstadt - Isarvorstadt am Dienstagabend in der Schulturnhalle an der Klenzestraße. Die Fraktion Grüne/Rosa Liste demonstrierte ihre neue absolute Mehrheit in der ersten Sitzung des neugewählten BA mit einem ganzen Bündel von Anträgen, sie hatte die meisten zumindest initiiert. Das Gremium unter dem neuen Vorsitzenden Benoît Blaser (Grüne) will dafür sorgen, dass die Anwohner sich im Viertel freier bewegen können, solange die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie gelten und Ausflüge und Urlaub schwierig sind.

So fordert der Bezirksausschuss, dass alle Schulhöfe im Viertel nach Schul- und Hortschluss für Kinder und ihre Eltern geöffnet werden, ebenso am Wochenende und in den Schulferien. Die kürzlich wieder eröffneten Spielplätze seien nicht groß genug, um Spiel und Sport mit den nötigen Abstandsregelungen zu ermöglichen, hieß es. Schulhöfe seien für Spiel und Sport eingerichtet und den Familien bekannt. Raumgreifende Spiele seien wichtig, um die physische und psychische Gesundheit der Kinder zu schützen und Familien zu entlasten.

Unter anderem könnten die Reichenbachstraße und die Thalkirchner Straße vorübergehend zu Spielstraßen werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch sollen während der Pandemie ganze Straßen und einzelne Straßenabschnitte in der Ludwigs- und Isarvorstadt zu verkehrsberuhigten Zonen erklärt werden. Damit will der BA sicherstellen, dass die Ansteckungsgefahr und "das derzeit aufkommende Aggressionspotenzial" gesenkt wird. Betroffen davon sind eine Reihe von Straßen mit schmalen Gehwegen - über den ganzen Stadtbezirk verteilt, nicht nur im beengten Glockenbachviertel. Namentlich genannt wurden die Reichenbachstraße, die Hans-Sachs-Straße, die Klenzestraße zwischen Gärtnerplatz und Westermühlstraße, die Pestalozzistraße zwischen Müllerstraße und Holzplatz. Auf der Liste der Vorschläge stehen die Ehrengutstraße, die Waltherstraße, die Tumblingerstraße zwischen Maistraße und Kapuzinerplatz, die Adlzreiterstraße, die Schmellerstraße, die St.-Paul-Straße und die Goethestraße zwischen Beethovenplatz und Schwanthalerstraße.

Dass der Stadtrat entlang der Zweibrückenstraße einen sogenannten Pop-up-Radweg eingerichtet hat, wurde in der Ludwigs- und Isarvorstadt sehr begrüßt. Doch die Lokalpolitiker fordern weitere geschützte Radstreifen, um mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen und das Infektionsrisiko zu minimieren: An der Lindwurmstraße soll dafür in beide Richtungen vorübergehend eine Autospur freigemacht werden, Pop-up-Radwege sollen auch auf der Reichenbach- und der Wittelsbacherbrücke abmarkiert werden.

Die CSU-Fraktion im BA trug die meisten vorübergehenden Einschränkungen für Autofahrer mit. Protest äußerte sie dann allerdings bei einem Antrag, der zum Ziel hatte, die unmittelbare Umgebung des Glockenbach-Spielplatzes und des Roecklplatzes in den Pfingstferien und in den Sommerferien wegen absehbarer Überfüllung für den Verkehr zu sperren. Allein um das Areal des Glockenbach-Spielplatzes fielen damit wochenlang rund 80 Parkplätze weg, darauf wies der neue Fraktionssprecher Rudi Cermak hin, der einen "grünen Drang" konstatierte, "bestimmte Dinge auf Biegen und Brechen umsetzen zu wollen". Die CSU-Fraktion vertrete neben den Radfahrern auch alle anderen Verkehrsteilnehmer im Stadtbezirk, sagte er. "Auch Pkw-Besitzer haben Kinder!" Beate Bidjanbeg (SPD), die Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Jugend und Soziales, hielt dagegen: "Kinder brauchen mehr Platz. Nicht das Straßenbegleitblech."

Noch eine weitere einstimmig beschlossene Maßnahme, sofern die Stadtverwaltung sie als machbar beurteilt, könnte größere Auswirkungen auf die Stadt haben. Auf Bidjanbegs Antrag hin soll die Theresienwiese künftig als Grünfläche behandelt werden, nicht als Veranstaltungsfläche. Auch das soll zu mehr Bewegungsfreiheit führen und zu größeren Chancen der Anwohner, die Theresienwiese zu nutzen. Es gehe nicht, dass fast jeder, der eine Demo anmelde, automatisch an die Theresienwiese denke, sagte der stellvertretende BA-Vorsitzende Andreas Klose (Rosa Liste). "Da muss ein Umdenken stattfinden. Daher wollen wir die Schwelle hochsetzen."

© SZ vom 28.05.2020

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