An diesem späten Mai-Vormittag strahlt der Himmel blau über der Münchner Innenstadt, die Temperaturen liegen bereits weit über 20 Grad. Noch flüchten die Menschen aber nicht unter die spärlich vorhandenen Schattenplätze auf dem Odeonsplatz und der Ludwigstraße – die immer häufiger auftretenden Hitzetage stehen den Münchnerinnen und Münchnern erst noch bevor. Und genau für diese Folgen des Klimawandels will die Stadt eine der bedeutendsten Prachtstraßen Münchens, die gegenwärtig noch eine Steinwüste ist, im großen Stil umbauen: Aus der Ludwigstraße soll ein verkehrsberuhigter, von Bäumen gesäumter Boulevard werden.
Die Vision, die das Pariser Architekturbüro Michel Desvigne Paysagiste entworfen hat, lässt erahnen, wie die Zukunft in der Münchner Innenstadt aussehen könnte: Grüne Inseln aus Bäumen säumen den Odeonsplatz vor dem bayerischen Finanz- und Innenministerium. Menschen sitzen auf hellen Bänken im Schatten, nahe dem Reiterdenkmal für Ludwig I. lockt ein Kiosk. Und außer einem Bus der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) sind auf der Zukunftsvision neben ein paar Taxen vor dem Tambosi nur Fußgänger und Radfahrer zu erkennen.
Am Montagvormittag hat Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer gemeinsam mit Andrea Gebhard die Pläne des Pariser Architekturbüros vorgestellt, die als Siegerentwurf aus dem freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb für die Umgestaltung der Ludwigstraße hervorgegangen sind. Eine Jury rund um die Preisgerichtsvorsitzende Gebhard, die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer ist, kürte das Büro von Michel Desvigne unter zwölf Beteiligten zum Gewinner. Und folgte damit einem Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2021, mit dem das Baureferat beauftragt wurde, das Projekt in die Wege zu leiten.



Baureferentin Ehbauer erinnerte bei der Vorstellung des Entwurfs an die damals vereinbarten Zielsetzungen: Neben einer „klimaangepassten Gestaltung“ der Ludwigstraße gehe es insbesondere um eine städtebauliche Aufwertung der monumentalen Achse. Derzeit, so die Baureferentin, biete die mehr als einen Kilometer lange, klassizistische Prachtstraße, die von 1816 an Leo von Klenze geplant hat, kaum Aufenthaltsqualität. „Sie wird vom motorisierten Individualverkehr dominiert“, so Ehbauer – und sei mit ihren bis zu sechs Fahrspuren ein Relikt der autogerechten Stadt. Bestandteil des Wettbewerbs sei daher auch gewesen, den Verkehr auf der Straße neu zu ordnen – und dabei auch den Busverkehr durch die MVG zu integrieren.
Die Umgestaltung der Ludwigstraße, die auch den Odeonsplatz einbezieht, war und ist für die Architekten eine zweigeteilte Aufgabe. Zum einen geht es darum, den Bereich vom Odeonsplatz bis zur Von-der-Tann-Straße komplett neu zu planen. Für Gebhard stellt dieses homogene Areal einen sogenannten Saalplatz dar. „Ein wunderbarer Platz, den man sich schöner nicht vorstellen könnte“, so die Präsidentin der Architektenkammer. „Es ist ein Raum, in dem Menschen flanieren sollen, wo einzelne Bauminseln stehen.“
Die Architekten des Büros Michel Desvigne Paysagiste planen, in der Achse von der Feldherrnhalle bis zur Von-der-Tann-Straße zahlreiche solcher Bauminseln zu pflanzen. Der Raum für den motorisierten Verkehr soll auf nur noch zwei Fahrspuren reduziert werden. Komplett, so Ehbauer, werde der Verkehr aber nicht herausgehalten – aber das Ziel sei es, ihn auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Architekt Taro Ernst aus dem Siegerbüro spricht von einem Platz, in dem verschiedene Fortbewegungsmittel integriert würden: Busse, Taxen, Schnellrouten für Fahrradfahrer – Priorität aber werde den Fußgängern eingeräumt. Und auch alle Veranstaltungen, die für den Odeonsplatz und die Ludwigstraße so prägend sind, sollen weiterhin möglich sein: vom Trachten- und Schützenumzug der Wiesn über die Fronleichnamsprozession, die Bauernmarktmeile bis zu „Klassik am Odeonsplatz“.

Der zweite Teil der Aufgabe – der sogenannte Ideenwettbewerb – sieht die Neugestaltung der Ludwigstraße von der Von-der-Tann-Straße bis zum Geschwister-Scholl-Platz vor. Auch dieser Bereich soll künftig nur noch auf je einer Fahrspur pro Richtung befahrbar sein, insgesamt sollen etwa 300 Bäume gepflanzt werden. Und vor allem, so Baureferentin Ehbauer, würden dabei Belange des Denkmalschutzes berücksichtigt. Seit Beginn der Planungen sei das Landesamt für Denkmalschutz eingebunden gewesen, wichtige Sichtachsen blieben bestehen, und Fassaden prägender Bauten wie der Staatsbibliothek oder der Ludwigskirche würden nicht von Bäumen verdeckt. Dies, so Ehbauer, sei auch bei der Umgestaltung des Max-Joseph-Platzes gelungen.
Die Zeit sei reif für diese städtebauliche Veränderung, sagt die Baureferentin. „Es hat sich viel verändert in einer eigentlich steinernen Stadt. Wir müssen auf andere Bedürfnisse reagieren, damit Menschen sich dort gut aufhalten können“, so Ehbauer.
Die Umgestaltung des Bereichs vom Odeonsplatz bis zur Von-der-Tann-Straße könnte zusammen mit einem anderen Großprojekt Gestalt annehmen. Denn voraussichtlich von 2028 an wird die MVG den U-Bahnhof Odeonsplatz drei bis vier Jahre lang komplett umbauen. Damit verbunden, sagt Ehbauer, wäre ohnehin eine Erneuerung der Oberfläche. „Es ergibt Sinn, das wir diese Synergien nutzen“, so die Baureferentin – dementsprechend könnte die Neugestaltung vom Odeonsplatz bis zur Von-der-Tann-Straße im Jahr 2032 beginnen. Angesichts der prekären Haushaltslage der Landeshauptstadt sei aber bisher nicht endgültig klar, wann und in welchen Abschnitten die weiteren Bereiche folgen könnten. Ebenso wenig die Frage der Kosten.

