Bekommt München eine neue grüne Lunge mitten in der Innenstadt mit Aufenthaltsqualität auch an extremen Hitzetagen? Oder verliert die Landeshauptstadt durch die Bepflanzung der monumentalen Ludwigstraße eines ihrer bedeutendsten Wahrzeichen? Nach der Vorstellung des Siegerentwurfs des freiraumplanerischen Realisierungswettbewerbs für die Umgestaltung des Prachtboulevards prallen nicht nur im Netz diese beiden Haltungen aufeinander. Letztere befeuert durch die mehrmals in Kommentaren aufgestellte Behauptung, Leo von Klenze, der architektonische Urvater der Ludwigstraße, würde sich angesichts der Pläne des Pariser Architekturbüros Michel Desvigne Paysagiste mit bis zu 300 Bäumen auf der Prachtstraße im Grabe umdrehen.
So weit würde Mathias Pfeil, Konservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD) nicht gehen. Die Ergebnisse des Wettbewerbs, aber auch den Prozess davor sieht Pfeil dennoch kritisch. Obwohl Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer bei der Vorstellung des Siegerentwurfs betont hatte, dass im Verfahren Belange des Denkmalschutzes berücksichtigt worden seien.
Der Leiter des Denkmalamtes stellt klar, dass allen Teilnehmenden des Wettbewerbs die „denkmalfachlichen Grundlagen“ in ausführlicher Form vorgelegen hätten; das Landesamt habe im Vorfeld eine städtebaulich-denkmalfachliche Untersuchung zur Geschichte der Ludwigstraße beauftragt, die ebenfalls Bestandteil der Auslobungsunterlagen gewesen sei. „Sie zeigt anhand historischer Darstellungen und Pläne, dass sich in der Achse der Ludwigstraße seit ihrer Anlage in den 1810er-Jahren zu keinem Zeitpunkt Bäume befunden haben“, so Pfeil.
Historische Begrünungen, so der Generalkonservator, fänden sich lediglich an Platzerweiterungen etwa am nördlichen Odeonsplatz oder am Geschwister-Scholl- und Professor-Huber-Platz. Diese wirkten mit ihrem Grün zwar in die Straße ein, allerdings ohne diese in „ihrer monumentalen Wirkung“ zu reduzieren. Das lässt Pfeil zu dem Urteil kommen: „In den prämierten Entwürfen sieht das Landesamt für Denkmalpflege diese Befunde leider nicht berücksichtigt.“

Auch aus der Politik kommt Kritik an den umfassenden Plänen, die Achse in einen grünen Boulevard zu verwandeln. CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl sagt, seine Fraktion sei grundsätzlich gegen den Umbau der Straße in dieser Form. Er argumentiert, dass durch die geplante Anordnung der Bäume historische Sichtachsen gefährdet würden, aber auch große Veranstaltungen wie der Trachten- und Schützenumzug der Wiesn dann nicht mehr stattfinden könnten. „Und man greift massiv in den Denkmalschutz ein“, so Pretzl.
Aus seiner Sicht sei es aber „grundsätzlich gut“, sich den Straßenraum genau anzuschauen, um Verbesserungen zu erreichen. Auch sei die Ludwigstraße keine reine Durchgangsstraße mehr, so der CSU-Fraktionschef. „Wir als CSU werden uns an dieser Stelle nicht verkämpfen.“
Kritik an den Plänen kommt aber auch von einem möglichen künftigen Koalitionspartner von SPD und Grünen. FDP-Fraktionschef Jörg Hoffmann sagt: „Wir benötigen in der Innenstadt mehr Bäume, aber so, dass auch auf die Architektur Rücksicht genommen wird.“ Die Ludwigsstraße sei dafür nicht konzipiert. Sichtachsen und Blicke auf historische Fassaden müssten frei bleiben, das Stadtbild müsse erhalten werden, fordert Hoffmann. Dass der motorisierte Verkehr mit dem Umbau stark zurückgedrängt werden könnte – mit einer Reduzierung auf nur noch zwei Fahrspuren -, hält der FDP-Fraktionssprecher indes für denkbar. „Vor allem im vorderen Bereich am Odeonsplatz.“
Eine Veränderung der Aufteilung des Straßenraums sei aus historischer Sicht denkbar, sagt auch Generalkonservator Pfeil. Wenn es um das Stadtbild geht, teilt er aber die Kritik aus CSU und FDP und verweist auch auf den „ausdrücklichen Wunsch“ König Ludwig I., demzufolge die Ludwigstraße durch die angrenzende Bebauung als Monumentalachse dominant in Erscheinung treten sollte. Die Beibehaltung von Sichtachsen und freien Blicken auf Fassaden seien „herausragende Aspekte“, so Pfeil – Sichtachsen wie jene zwischen Siegestor und Feldherrnhalle seien von Denkmalschutz und Denkmalpflege im Verfahren des Wettbewerbs kontinuierlich eingefordert worden. „Leider ist dies in den Preisen kaum zu erkennen“, so der Generalkonservator.
Den Prozess der Genehmigung und Realisierung werde das Landesamt weiter mit fachlicher Stellungnahme begleiten. Klar ist für Pfeil aber auch: Die Ludwigstraße war und ist kein beliebiger Straßen- und Platzraum, sondern ein städtischer Straßenraum mit bewusst monumentaler Wirkung, der nicht durch zeitgeistgeschuldete Maßnahmen verniedlicht werden dürfe.


