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Architektur in München:Eine Brücke mit historischer Bedeutung

Ludwigsbrücke

Die im Jahre 1158 errichtete Ludwigsbrücke wird saniert.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Ludwigsbrücke ist wahrlich kein Schmuckstück, überzeugt aber mit inneren Werten: Ohne die Isarquerung an dieser Stelle gäbe es München in der heutigen Form wohl nicht.

Von Wolfgang Görl

Kein Mensch wird beim Anblick der Münchner Ludwigsbrücke in Staunen verfallen und dem Herrgott oder dem zuständigen Architekten für ein so erhabenes Meisterwerk danken. Nein, die Ludwigsbrücke ist keine Schönheit wie die Prager Karlsbrücke oder die Steinerne Brücke in Regensburg - bei weitem nicht, leider. Fremde, die auf ihr mit dem Auto die Isar überqueren, merken womöglich gar nicht, dass sie auf einer Brücke sind. Ihre Oberfläche ist eine Asphaltwüste, vier Autospuren, in der Mitte die Trambahngleise, links und rechts der Radweg und der mit Steinplatten gepflasterte Gehsteig. Man muss sich schon über die Seitenmauer lehnen und auf den Fluss hinabblicken, um auf dieser Brücke, die den herben Charme einer Einfallstraße hat, so etwas wie ein Isargefühl zu entwickeln.

Sagen wir es so: Die Ludwigsbrücke ist kein Schmuckstück, aber sie hat andere, sozusagen innere Werte; und die sind so bedeutend, dass sie den Vergleich mit den mittelalterlichen Brückenwundern nicht zu scheuen braucht. Es klingt gefährlich simpel, und doch ist es wahr: Ohne den Flussübergang an dieser Stelle gäbe es München nicht, jedenfalls das München, wie man es heute kennt. Dass im 12. Jahrhundert mit einigem Sicherheitsabstand zum linken Isarufer eine Stadt entstand, die eine ziemlich rasche Karriere hinlegte, ist - pardon für das schiefe Bild - im Wesentlichen das Verdienst der Brücke.

Jetzt, in diesen ersten Frühlingstagen, sieht die Ludwigsbrücke noch ein wenig unwirtlicher aus als sonst. Zahllose Baufahrzeuge haben die Fahrbahn erobert, rot-weiße Plastikzäune versperren Zugänge, und unten im Flussbett neben den Brückenpfeilern haben sie monströse Stahlgerüste in den Isargrund gerammt. Die Brücke kommt in den Genuss einer Sanierung. Unter anderem müssen zwei Fahrbahnen dran glauben, für längere Zeit ist sie eine Baustelle.

Isarflaneure muss das wenig kümmern, der Weg entlang der Flussgestade bleibt offen. Von dort ist auch die Gestalt der Brücke besser zu erfassen. Eigentlich sind es ja zwei Brücken. Der Stahlbetonbogen der Inneren Ludwigsbrücke spannt sich über die Große Isar, die zwei Bögen der äußeren Brücke erheben sich über die Kleine Isar, die südöstlich der Museumsinsel fließt. Weiter flussabwärts weidenbestückte Kiesbänke, der Kabelsteg, die Mariannenbrücke, die Praterinsel, die Maximiliansbrücke - das erlesene Mobiliar von Isar-München.

Ludwigsbrücke

Für Fußgänger ändert sich durch die Bauarbeiten wenig, der Weg entlang der Flussgestade bleibt offen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wie der Fluss Mitte des 12. Jahrhunderts hier ausgesehen hat, kann niemand genau sagen. Gewiss ist: Mit jedem Hochwasser, mit jeder Schneeschmelze hat er sich verändert; kleine Nebenarme gruben sich in den Boden, andere versiegten, Kiesbänke entstanden oder wurden wieder weggespült. Vielleicht gab es da eine gelegentlich begehbare Furt, vielleicht war das Wasser an dieser Stelle besonders flach - jedenfalls ließ Herzog Heinrich der Löwe um das Jahr 1158 hier eine Brücke errichten, nachdem er die bei Föhring gelegene Zollbrücke des Freisinger Bischofs Otto I. zerstört hatte. Es war eine Holzbrücke, vermutlich weit gespannt, um halbwegs sicher zu sein vor den Kapriolen der Isar, die sehr rasch zu einem reißenden Strom anschwellen konnte, der - auch das darf man vermuten - erhebliche Schäden anrichtete. Über diese Brücke zogen die Salzfuhrwerke, die das weiße Gold aus den Abbaustätten in Reichenhall oder Hallein Richtung Westen transportierten.

Heinrich kontrollierte nun die einzige Isarbrücke. Die Zölle, die er dort kassierte, mehrten den Reichtum des ehrgeizigen Welfenfürsten, der seit 1156 auch über Bayern herrschte. Hinter der Brücke, in einer wohl schon bestehenden Siedlung "apud munichen" (bei den Mönchen) errichtete er Markt und Münze - die Keimzelle Münchens. Die Fakten, die er gewaltsam geschaffen hatte, ließ sich der Löwe im "Augsburger Schied" von 1158 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa weitgehend bestätigen. Die kaiserliche Urkunde, die den Streit zwischen Herzog und Bischof schlichten sollte, gilt als Gründungsdokument der Stadt.

Das München der Heinrichszeit war nicht viel mehr als ein befestigter Marktflecken, ein kleines Provinznest im Vergleich zu bedeutenden mittelalterlichen Städten wie Köln oder Nürnberg. Doch es hatte eine glänzende Zukunft, wie sich nach dem Sturz des Löwen und dem Beginn der wittelsbachischen Herrschaft zeigte. Bald florierte der Handel, die Münchner Kaufleute knüpften Beziehungen nach Italien und in andere Länder Europas, man handelte mit Salz, Wein, Textilien, Erzen, Gewürzen und so weiter.

Ludwigsbrücke , München um 1898

Die Gestalt der Brücke hat sich über die Jahrhunderte immer wieder verändert, hier der Blick vom Gasteig kommend um das Jahr 1898.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Vieles davon musste über die Isar transportiert werden, über die einzige Brücke weit und breit. Fuhrwerke, vollbepackt mit Salz und anderen wertvollen Gütern, rollten den steilen Gasteig-Hang abwärts zur Brücke, die sie über die Isar zum östlichen Stadttor, dem 1337 errichteten Isartor, führte und schließlich hinein in die Stadt, ins Tal, wo die Fuhrknechte meist Quartier nahmen. Auch die Bauern karrten ihre Feldfrüchte und sonstigen Waren über die Brücke. Andere Güter kamen mit dem Floß nach München, etwa das Bauholz aus dem Oberland.

Ein Bau für die Ewigkeit war die Holzbrücke nicht. Immer wieder setzte ihr die unberechenbare Isar zu. So zum Beispiel im Jahr 1367, "da die prugg hin gieng", wie es in den städtischen Aufzeichnungen heißt. Anders gesagt: Das Hochwasser hat die Brücke weggerissen, der Schaden belief sich auf 12 Pfund, 3 Schillinge und 22 Pfennige. Gleiches geschah in den Jahren 1371, 1400 oder 1405. Schäden gab es jährlich, Reparaturkosten für die Brücke waren ein regelmäßiger Posten in den städtischen Kammerrechnungen.

Im Februar 1440, so berichtet die Stadtchronik, geschah etwas Seltsames. An der Isarbrücke verfing sich ein im Wasser treibendes Fass. Als man es öffnete, fand man darin eine tote Frau. Wie die Stadt bei ihren Nachforschungen vom Landrichter in Wolfratshausen erfuhr, handelte es sich um eine Selbstmörderin. Die örtlichen Bauern hatten die Frau erhängt aufgefunden und wollten sie nicht auf ihren Fluren begraben. Stattdessen steckten sie die Leiche in ein Fass und warfen es in die Isar - keine seltene Praxis, wie Helmuth Stahleder in seiner Stadtchronik schreibt.

Auf der ältesten überlieferten Ansicht Münchens, einem gedruckten Holzschnitt aus der 1493 erschienenen "Schedelschen Weltchronik", ist zu sehen, wie auf der Haidhausener Seite eine geradezu elegante Kurve auf die Holzbrücke führt, die über die Fluten und einige Kiesbänke hinweg am anderen Ufer in ein bescheidenes Torhaus mündet. Auf der 1530 von Niklas Meldemann gedruckten Stadtansicht wirkt die Holzkonstruktion der Brücke wesentlich massiver, und anstelle des Torhäuschens ragt jetzt der 1519 vollendete, wehrhafte "Rote Turm", der "newe thurn bey der Yserprucken", wie der Stadtkämmerer schreibt, in die Höhe.

Ganz ähnlich sieht die Brücke auf einem Blatt von Matthäus Merian aus, das den Einzug des schwedischen Königs Gustav Adolf während des Dreißigjährigen Krieges zeigt. Die Modernisierung ihrer Befestigungsanlage hatten die Münchner damals nicht vollenden können, weshalb sie mehr oder weniger schutzlos der überlegenen Armee der Protestanten ausgeliefert waren. Im Mai 1632 übergab man die Stadt kampflos dem "Löwen aus Mitternacht", der sich die Zusage, die Stadt nicht zu plündern, mit 400 000 Reichstalern versilbern ließ. So kam München relativ glimpflich davon, stattdessen verwüsteten die Landsknechte in protestantischen Diensten das Umland - nicht anders hatten es auch die katholischen Truppen gehalten.

Sendlinger Bauernschlacht

Hier abgebildet ist die Erstürmung des Roten Turmes in München durch die Oberländer Bauern am Weihnachtsmorgen 1705, die sogenannte Sendlinger Bauernschlacht.

(Foto: SZ-Photo)

Am Weihnachtsabend des Jahres 1705 pirschte sich ein Trupp Oberländer Bauern vom linken Isarufer kommend an den Roten Turm heran, vertrieb die Wächter und begann mit den erbeuteten Kanonen in die Stadt zu schießen. Hinter den Mauern hatten sich die habsburgischen Truppen des Kaisers zu Wien verschanzt, die die Stadt im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs besetzt hatten. Während sich der bayerische Kurfürst Max Emanuel aus dem Staub gemacht hatte, schickten sich die unter den Schikanen der Besatzungstruppen leidenden Bauern an, die Stadt mit einem Überraschungsangriff zu befreien. Doch die Eroberung des Roten Turms blieb ihr einziger militärischer Erfolg. Die kaiserlichen Truppen umzingelten die Bauernarmee bei Sendling und metzelten jeden nieder, den sie erwischen konnten.

Auch während der Koalitionskriege, als München 1796 zwischen die Fronten der österreichischen und französischen Truppen geriet, waren der Rote Turm und der Flussübergang heftig umkämpft. Der Turm wurde in Brand geschossen, die Ruine bald darauf abgerissen.

Blättert man in der Stadtchronik, so finden sich immer wieder Einträge, die von der Beschädigung oder dem Einsturz der Isarbrücke infolge von Hochwasser berichten. Die Holzkonstruktion war anfällig, das wusste man, und deshalb begann die Stadt im 18. Jahrhundert vorsichtig auf Stein zu setzen. Anfang Januar 1725 schreibt der Chronist: "In den Jahren 1723 und 1724 wurde für Kosten von über 3627 Gulden die äußere Isarbrücke von 5 1/2 Joch Länge ,von naglstuckh' von Grund auf neu gemauert. Die Steine wurden im Steinbruch des Grafen Hörwarth in Hohenburg gebrochen." Viel half es nicht, bereits 1748 rissen die Fluten erneut große Teile der Brücke fort. Man startete einen zweiten Versuch, diesmal nach den Plänen von Stadtbaumeister Ignaz Anton Gunetzrhainer: Von 1759 an verwandelten Münchner Handwerker den Isar-Übergang - noch immer war er der einzige - in zwei steinerne Brücken.

Die Zeit der permanenten Ausbesserungsarbeit nach Überschwemmungen schien nun vorbei zu sein. Doch die Hoffnung trog. Am 13. September 1813, einem Montag, verzeichnet die Stadtchronik: "Seit Tagen ist Hochwasser, das in der Au schon Häuser unterspülte und zum Einsturz brachte. Viele Leute stehen den ganzen Tag über und gegen Abend auf der äußeren Isarbrücke und sehen dem Unheil zu, andere sind auf dem Heimweg nach Haidhausen, als um 6 1/3 Uhr einige Bögen der gemauerten Brücke in das Wasser stürzen. Außer einem Cheveauleger, der gut schwimmen konnte, wurde niemand gerettet. Es kamen mehr als 100 Menschen um."

Nach der Katastrophe mussten die Münchner auf ihrem Weg über die Kleine Isar mit einer Behelfsbrücke vorlieb nehmen. Es dauerte einige Jahre, bis man sich zu einem Neubau aufschwang. Stararchitekt Leo Klenze nahm sich der Sache an. Unter seiner Ägide wurde nach den Plänen von Stadtbaurat Carl Probst eine neue Brücke gebaut. Das 1828 eingeweihte Bauwerk erhielt den Namen "Ludwigsbrücke", eine Huldigung an den seinerzeit regierenden König Ludwig I.

Regenüberlauf in die Isar in München, 2018

1804 wurde eine zweite Isarbrücke errichtet. Heute steht an dieser Stelle die Max-Joseph-Brücke.

(Foto: Florian Peljak)

Zu dieser Zeit gab es bereits eine zweite Isarbrücke, die 1804 errichtete Holzbrücke bei Bogenhausen, das damals noch nicht zu München gehörte. Heute steht an dieser Stelle die Max-Joseph-Brücke. Als die Stadt im 19. Jahrhundert über den alten Mauerring hinauswuchs, die umliegenden Dörfer sukzessive eingemeindet wurden und die Einwohnerzahl rasant anstieg, war es nötig, zusätzliche Isar-Übergänge zu schaffen. So legte die Stadt 1832 die heutige Reichenbachbrücke an, damals eine Holzbrücke, welche die Isarvorstadt mit der Au verband. Die Ludwigsbrücke war nun nicht mehr allein auf weiter Flur.

Gegen Ende des Jahrhunderts setzte der Architekt Carl Hocheder die Innere Ludwigsbrücke auf drei breitere Betonbögen, ihre Schwesterbrücke erhielt vier neue Bögen. An den äußeren Enden ließ Hocheder je zwei Pylone aufstellen, kunstreiche Torpfeiler, auf denen symbolische Figuren thronten: die Allegorie der Fischerei, der Kunst, der Industrie und der Floßfahrt. Die Fischerei-Skulptur hat den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt, die verbliebenen drei Pylone zieren jetzt den westlichen Zugang der Brücke. Als man die Kohleninsel, auf der sich im 19. Jahrhundert noch der größte Flößereihafen Europas befunden hatte, zum Standort des Deutschen Museums erkor, hatte das auf lange Sicht auch Konsequenzen für die Ludwigsbrücke. Um die Brücke den Museumsbauten anzupassen, erfolgte 1934 abermals ein Neubau. Die Fin-de-siecle-Eleganz, die Hocheders Brückenarchitektur auszeichnete, wich einer strengen Sachlichkeit in Beton - dabei ist es bis heute geblieben.

Sie ist kein Sehnsuchtsort, auf dem man sich in die Ferne träumt, sie ist auch kein idyllischer Ort des Flanierens und Lustwandels. Dafür gibt es die Isarauen. Im März 1623 hatten ein Hafner und Metzger aus der Au versucht, die Brücke auf andere Weise attraktiv zu machen. Ihre Läden wollten sie auf den Holzplanken aufmachen, ein kühner Plan angesichts der permanenten Überschwemmungen. Der Stadtrat verwarf ihren Antrag. Eigentlich hätte es ja gepasst, denn die erste Münchner Isarbrücke war von Anfang an ein reiner Zweckbau, dem Handel und dem Verkehr gewidmet. Eine Aura, die darüber hinaus weist, hat sie nicht.

In Leo Perutz' grandiosem Roman "Nachts unter der steinernen Brücke" treffen sich Kaiser Rudolf II. und die schöne, aber verheiratete Jüdin Esther jede Nacht im Traum als Liebende unter der Brücke - der Prager Karlsbrücke, versteht sich. Eine amour fou dieses Formats unter der Ludwigsbrücke? Ausgeschlossen.

© SZ vom 09.04.2020/kafe

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